Morbus Wilson (Kupferspeicherkrankheit, hepatolentikuläre Degeneration, Pseudosklerose Westphal)

Bei Manifestation bis zur Pubertät überwiegen die Leber-Symptome. (endopack / iStock)

Morbus Wilson ist eine seltene, genetisch bedingte Stoffwechselstörung, bei der durch eine oder mehrere Genveränderungen (Mutationen) der Kupferstoffwechsel in der Leber gestört ist. In der Folge kommt es zu einer verminderten Kupferausscheidung über die Galle, wodurch sich Kupfer vermehrt in der Leber, den Augen, dem ZNS und in anderen Organen ansammelt.

Normalerweise scheidet die Leber überschüssiges Kupfer über die Gallenflüssigkeit in den Darm aus. Aufgrund der Genveränderungen ist diese Fähigkeit bei Morbus Wilson vermindert. Die Kupferablagerungen können schwere Schäden verursachen, insbesondere an Leber und Gehirn. Da es sich bei der Kupferspeicherkrankheit um eine vererbte Erkrankung handelt, ist eine Heilung nicht möglich. Es stehen jedoch Medikamente zur Verfügung, die bei rechtzeitiger Diagnose und konsequenter Therapiekontrolle Organschäden nahezu völlig verhindern können. Unbehandelt führt die Erkrankung zum Tod.

Morbus Wilson tritt in den meisten Fällen zwischen dem 5. und dem 45. Lebensjahr auf, Manifestationen in einem höheren Lebensalter sind sehr selten. Die Häufigkeit der Erkrankung ist nicht genau bekannt, Schätzungen zufolge liegt sie bei etwa 1:30.000.

Symptome

Bei Manifestation bis zur Pubertät überwiegen die Leber-Symptome, nach der Pubertät die des Nervensystems.

Die Symptome der Kupferspeicherkrankheit sind nicht immer eindeutig. Im Kindesalter – zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr – äußert sich die Erkrankung meist durch vorübergehende Leistungsminderung, Abgeschlagenheit, Gelbsucht (Ikterus) und veränderte Leberwerte (Anstieg der Transaminasen). Das Ausmaß der Leberschädigung ist dabei sehr variabel, auch ein plötzlich einsetzendes Leberversagen ist möglich.

Zu neurologischen Symptomen kommt es meist erst nach dem 10. Lebensjahr; auffällig sind zudem häufig Verhaltensänderungen sowie bei Gehirnbeteiligung vorübergehende neurologische Symptome wie Zittern (Tremor), Schreib-, Schluck- und Sprechstörungen, ähnlich dem Parkinson-Syndrom.

Kupfer kann sich seltener auch in der Niere ablagern und zu einer Niereninsuffizienz führen, die sich durch die Ausscheidung von Eiweiß über den Harn äußert.

Bei vielen Patienten ist die Kupferspeicherkrankheit auch am Auge erkennbar: Rund um die Regenbogenhaut lagert sich Kupfer an und es bildet sich ein dünner, grünbrauner Farbring, der sogenannte Kayser-Fleischer-Kornealring.

Krankheitsverlauf

Der Krankheitsverlauf wird entscheidend durch eine rechtzeitige und konsequente Therapie beeinflusst. Je früher Morbus Wilson diagnostiziert wird, desto eher kann der Ausbruch der Symptome bzw. das Voranschreiten der Erkrankung verhindert werden. Auch eine teilweise Rückbildung der Symptome ist möglich.

Man unterscheidet im Krankheitsverlauf zwischen dem präklinischen (asymptomatischen) und dem klinischen (symptomatischen) Stadium.

Im Frühstadium des klinischen Stadiums werden Veränderungen des Blutbilds (Anämie, Leukopenie und Thrombozytopenie), Gelbsucht-Schübe und psychische Auffälligkeiten beschrieben.

Sobald die Speicherkapazität der Leber überschritten wird, kommt es zu einer raschen Freisetzung von Kupfer infolge des Absterbens von Leberzellen. In dieser Phase kann auch ein Leberversagen auftreten. Im weiteren Verlauf bildet sich durch den chronischen Zellrückgang, die Leberentzündung und den bindegewebigen Umbau des Lebergewebes (Fibrose) eine Leberzirrhose aus. Diese kann durch einen erhöhten Druck in den Lebergefäßen und Wassereinlagerungen im Bauchraum (Aszites) auch kompliziert werden. Eine unzureichende oder fehlende Behandlung führt zu einer immer weiter fortschreitenden Leberzirrhose mit potenziell tödlichem Ausgang.

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Diagnose

Für die Diagnosesicherung steht ein Scoring-System zu Verfügung. Die Diagnose erfolgt auf Basis einer Punktezuweisung. Je nach Punkteanzahl ist ein Morbus Wilson unwahrscheinlich, möglich oder hochwahrscheinlich. Die Diagnose kann durch die Kombination verschiedener Untersuchungsverfahren gestellt werden:

  • Blutanalyse
  • Harntest
  • Leberbiopsie
  • Augenuntersuchung
  • Intravenöser Radiokupfertest
  • Gentest
  • Familienscreening

Das genetische Screening ist wichtig, da Geschwister zu rund 25% und Kinder zu etwa 0,5% betroffen sind und so bereits vor Auftreten der ersten Symptome oder Organschäden therapiert werden können.

Therapie

Sowohl bei der symptomatischen als auch bei der asymptomatischen Form ist ein möglichst frühzeitiger Behandlungsbeginn von großer Bedeutung. Unbehandelt verläuft die Erkrankung progredient und führt zu fortschreitender Leberzirrhose sowie schweren neurologischen Schäden.

Medikamentöse Therapien zielen darauf ab, ein verträgliches Kupfergleichgewicht zu erreichen und zu erhalten. Morbus Wilson erfordert eine lebenslange Behandlung.

  • Initialtherapie

Die Initialtherapie ermöglicht eine erhöhte Ausscheidung von Kupfer über die Niere und eine verminderte Kupferaufnahme über den Darm. Sogenannte Chelat-Bildner sind bei hepatischen sowie neurologischen Verlaufsformen das Mittel der Wahl. Sie bilden mit Kupfer Verbindungen und eliminieren diese aus dem Blut. Anschließend werden sie über den Urin ausgeschieden. Das Ergebnis ist eine negative Kupferbilanz des Stoffwechsels.

  • Erhaltungstherapie

Die negative Kupferbilanz wird während der Erhaltungstherapie wieder ausgeglichen. Die Initialtherapie wird mit der Gabe von Zink ergänzt, um die Aufnahme von Kupfer in die Darmzellen zu reduzieren.

Eine kupferarme Ernährung ist zwar hilfreich, reicht aber alleine nicht aus, die gestörte Kupferbilanz auszugleichen. Zudem ist Kupfer in einer Vielzahl von Lebensmitteln enthalten. Experten raten dennoch, besonders kupferhaltige Lebensmittel wie Nüsse, Kakao, Rosinen, Innereien und Krustentiere zu meiden.

Patienten, die bei Diagnosestellung noch keine Beschwerden aufweisen, können von Beginn an mit einer Zinkmedikation vor dem Ausbruch der Erkrankung geschützt werden.

Bei schweren Verläufen mit starker Leberschädigung kann eine Transplantation des Organs angestrebt werden. Die Krankheit wird dadurch geheilt, da der Patient gesunde Leberzellen ohne Gendefekte vom Spenderorgan erhält.

Prognose

Bei rechtzeitiger und lebenslanger Therapie ist die Lebenserwartung normal und die Lebensqualität bis auf die regelmäßige Medikamenteneinnahme nicht eingeschränkt. Blutuntersuchungen sowie Ultraschallkontrollen und die Überprüfung des neurologischen Status sollen jedoch regelmäßig durchgeführt werden.

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Autoren:

Medizinisches Review:
OA Doz. Dr. Gerd Bodlaj
Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Stand der medizinischen Information:
Quellen

 S1-Leitlinie „Morbus Wilson“, Stand September 2012: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-091l_S1_Morbus_Wilson_2012-1_1_verlaengert.pdf (letzter Zugriff: 02.08.2017)

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