Life Ball 2018: Das Leben feiern, das Virus besiegen

Life Ball 2018
"Sound of Music" als Motto des diesjährigen Life Balls. (Robert Tober / Life Ball)

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen! Der Life Ball fällt heuer auf den 2. Juni und bietet jede Menge Grund, zu feiern: 2018 ist HIV kein Todesurteil mehr, sondern gut behandelbar. Gewonnen ist der Kampf aber noch nicht.

"Denn ich mir etwas wünschen dürfte", sagt Wolfgang Wilhelm, "so wäre das, dass all jene Menschen, die HIV und AIDS einmal im Jahr am Radar haben, auch die restlichen 363 Tage daran denken." Das bedeutet: Den Arbeitskollegen, der HIV-positiv ist, nicht zu diskriminieren, das eigene Verhalten zu überdenken und Safer Sex zu praktizieren. Klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht. "Es herrscht eine große Kondommüdigkeit", attestiert Wilhelm. Als Obmann der Aids Hilfe Wien bereitet ihm das Sorge, ebenso wie die mangelnde Aufklärung vieler junger Menschen. "Es gibt immer noch junge Frauen, die meinen, die Pille würde vor AIDS schützen", sagt er. Deswegen sei die Kontinuität des Life Balls so wichtig. Die Glitzernacht im Rathaus feiert heuer ihr 25-jähriges Jubiläum. Überholt hat sie sich deshalb noch lange nicht. "Jedes Jahr wachsen neue Leute heran, die sexuell aktiv werden und die sich bisher noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Umso wichtiger ist es, dass wir da dranbleiben!"

Was bedeutet U=U?

Die Kluft zwischen Wissen und Aberglauben ist in den letzten Jahren größer geworden: Wir "verstehen" das Virus immer besser, können es mittels Kombinationstherapie (ART) gut eindämmen, mehr noch: Moderne HIV-Therapien vermögen das Virus unter die sogenannte "Nachweisgrenze" zu drücken. Um auf andere Menschen übertragbar zu sein, benötigt HIV nämlich eine bestimmte Konzentration im Blut. Ist diese Konzentration (Viruslast) nicht gegeben, ist die infizierte Person für ihre Sexualpartner auch nicht ansteckend.

Genau darauf zielt der Slogan U=U ab. Er steht für „undetectable equals untransmittable“, auf Deutsch: Nicht nachweisbar bedeutet nicht übertragbar. 

Angst und Ausgrenzung

Doch während die Wissenschaft hier Erfolge feiert und die Lebenserwartung der Betroffenen praktisch der eines "gesunden" Menschen gleicht, hinkt die Gesellschaft der Entwicklung hinterher. "Da gibt es ungemein viele irrationale Ängste", weiß Wilhelm. "Kann ich mich anstecken, wenn ich aus demselben Glas trinke? Springt das Virus über, wenn ich mit einer infizierten Person im  Büro sitze? Wir empfehlen in unseren Beratungsgesprächen, sich ein Outing vorher sehr gut zu überlegen. Dabei steht die Freiheit, sich nicht mehr verstecken zu müssen, gegen die Gefahr von Distanzierung oder auch Diskriminierung. Im schlimmsten Fall verlieren Betroffene ihren Job, weil ihr Umfeld nicht mit der Infektion umgehen kann."

Alle Möglichkeiten

Ein Paar trägt red ribbons
(01-17-12 © mediaphotos / iStockphoto)

Dabei gäbe es heute – im Gegensatz zu den 1980/90er-Jahren – fast keine beruflichen Einschränkungen mehr für Menschen mit HIV-Infektion. Ganz spezielle invasive Medizinberufe, vereinzelt Aufgaben im Pilotenwesen und Prostitution sind nicht möglich. Sonst stünde jeder Karriereweg offen. "Sie können Krankenschwester werden oder Verkäufer an der Wursttheke; Sie können mit Kindern arbeiten oder Karriere als Koch machen:  Bei entsprechender antiretroviraler Therapie stehen alle Möglichkeiten offen.“  

Zumindest in der Theorie. Hinderlich ist nämlich nicht das Virus, sondern das Stigma, das mit der Erkrankung einhergeht. Dieses Stigma und die damit verbundene Furcht vor Diskriminierung halten Menschen oft davon ab, sich testen zu lassen. Motto: Was ich nicht weiß, kann mir nichts anhaben.  Ein folgenschwerer Irrtum!

Geht mich nichts an...

Immer noch haftet HIV ein Makel an. Die Krankheit kommt aus der "Schmuddelecke",  sie hat mit Sex zu tun, mit Drogen, mit Homosexualität und (zumindest früher) mit dem Tod. Kurz: mit lauter gesellschaftlichen Tabuthemen, die die Mehrheit der Menschen gerne weg schiebt. "Das ist leider auch ein Grund dafür, dass die Infektionen trotz medizinischer Fortschritte nicht weniger werden. Wegschieben heißt, zu denken:  Das betrifft mich nicht. Es betrifft nur die anderen." 

Ebenso beliebt ist die Vorstellung: "Ich bin eh heterosexuell, mir kann nix passieren." Die Statistik sieht das allerdings anders: Die meisten HIV-Infektionen weltweit passieren über den ungeschützten heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Sind "Heten" somit die neue Risikogruppe Nummer eins? "Nein", sagt Wilhelm, "es gibt keine Risikogruppen. Es gibt nur Risikoverhalten." 

Und es gibt noch etwas anderes: eine komplette Fehleinschätzung des eigenen Risikoverhaltens! "Wir sehen in der Beratung, dass Menschen in großer Sorge zum Test kommen, obwohl sie eigentlich gar kein Risiko hatten. Andererseits kommen Menschen völlig sorglos, die über viele Jahre ein sehr risikoreiches Sexualverhalten praktiziert haben." Merke: Selbstwahrnehmung und Realität klaffen oft problematisch auseinander. Ganz wie beim Autofahren.

Virus ohne Moral

"Die Gefahr ist, dass nur ein einziger ungeschützter Verkehr für die Ansteckung ausreicht", erklärt Wilhelm und zitiert Rosa von Praunheim: "Ein Virus kennt keine Moral. Da kommt es nicht darauf an, ob ich in den Partner verliebt bin oder nicht. Es kommt nur darauf an, ob ich mich schütze oder nicht. Wir Menschen blenden viel aus, weil wir romantisch sind, weil wir geliebt werden wollen, weil wir denken, der andere ist uns im Moment näher als das Virus. Das stimmt aber leider nicht."

Der Fall Conchita

Prominente Outings wie jenes von Conchita Wurst im April können ein Weckruf sein. Zumindest hofft Wilhelm, dass dadurch mehr Bewusstsein entsteht. Conchita sei sehr jung, so der Aidshilfe-Obmann, das führt gerade jungen Menschen vor Augen: "Hey, es kann auch mich treffen. Das ist keine Krankheit, die nur Leute betrifft, die in den 1980er-Jahren sexuell aktiv waren!"  Gleichzeitig zeigt das (unfreiwillige) HIV-Outing der Künstlerin auch, welch weiten Weg wir als Gesellschaft noch vor uns haben: "Wäre Conchita Diabetikerin, würde sich niemand dafür interessieren."

Geht mich doch an!

Trotzdem: Kein Schaden ohne Nutzen. Gerade weil Conchita eine sehr positiv besetzte Prominente ist, findet eine Enttabuisierung statt. "Wir hatten eine Klientin, die über 80 Jahre alt war und nach dem Conchita-Outing gekommen ist, um sich beraten zu lassen. Sie meinte, da AIDS  ja offenbar doch ein wichtiges Thema sei,  möchte sie jetzt wissen, was sie zum Schutz ihrer (erwachsenen, Anm.)  Enkerln beitragen könne. Sie hat ihnen dann jeweils eine Großpackung Kondome geschenkt."

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Autoren:

Medizinisches Review:
Mag. MAS MSc Wolfgang Wilhelm

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