Harninkontinenz (unwillkürlicher Harnabgang, Inkontinenz, Harnverlust, Blasenschwäche)

Als Harninkontinenz wird der unfreiwillige Verlust von Harn bezeichnet. Nur etwa die Hälfte aller Betroffenen sucht aufgrund des Harnverlusts einen Arzt auf, dabei ist die Harninkontinenz oft sehr gut behandelbar.

Kurzfassung:

  • Der unfreiwillige Harnverlust kann unterschiedliche Ursachen haben.
  • Blasenschwäche ist per se nicht bedrohlich, führt aber häufig zu einer eingeschränkten Lebensqualität.
  • Harninkontinenz ist in vielen Fällen sehr gut behandelbar.
  • In Österreich leidet einer von zehn Menschen an einer Form der Harninkontinenz, Frauen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Männer.

Harninkontinenz bezeichnet den unfreiwilligen Verlust von Harn. Die Blasenschwäche kann dabei ganz unterschiedlich ausgeprägt sein, von einigen Tropfen bis hin zum permanenten Harnverlust. In Österreich sind rund 850.000 Personen von Harninkontinenz betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer.

Blasenschwäche als Tabuthema

Harninkontinenz wird häufig als heimliches Leiden tabuisiert. Der Verlust von Harn ist per se nicht bedrohlich, schränkt aber die Lebensqualität Betroffener oftmals erheblich ein: So führt eine stark ausgeprägte Blasenschwäche nicht selten zur sozialen Isolation. Nur etwa die Hälfte aller Betroffenen sucht jedoch nach Hilfe, dabei ist Inkontinenz bei vielen Patienten sehr gut behandelbar.

1. Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz)

Bei der sogenannten Belastungsinkontinenz führt eine Druckerhöhung im Bauchraum zum ungewollten Urinverlust. Ursache ist ein unzureichender Verschlussmechanismus der Harnröhre: Die Kraft des Harnröhrenschließmuskels reicht nicht aus, um den Harn zu halten. Die Harnblase selbst funktioniert aber normal.

Auslöser dafür ist meist eine körperliche Anstrengung, wie etwa das Heben schwerer Lasten oder Treppensteigen. In anderen Fällen kann auch schon Niesen, Husten oder Lachen zum unfreiwilligen Harnverlust führen. Bei schwerer Belastungsinkontinenz kann der Urinverlust bereits beim Stehen, Gehen oder – in der schwersten Ausprägung – auch im Liegen auftreten.

Belastungsinkontinenz betrifft alle Altersgruppen. Am häufigsten ist sie in der Gruppe der 50- bis 60-Jährigen anzutreffen, kann aber auch bei jüngeren Frauen nach einer Schwangerschaft und/oder Geburt auftreten. Bei Männern kommt diese Form der Inkontinenz insgesamt nur selten vor, am häufigsten als Folge von Prostataentfernungen.

Ursachen

Ursache für eine Belastungsinkontinenz ist eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur. Der Verlust der Spannkraft des Beckenbodens kann wiederum unterschiedliche Ursachen haben:

  • angeborene Beckenbodenschwäche
  • nach Schwangerschaft und Geburt
  • hormonell bedingt: Mangel an weiblichen Geschlechtshormonen in und nach den Wechseljahren
  • altersbedingt
  • nach Operationen an Gebärmutter oder Prostata
  • starkes Übergewicht

Therapie

  • Gewichtskontrolle

Bei übergewichtigen Betroffenen kann eine Gewichtsreduktion bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Inkontinenz führen.

  • Beckenbodentraining

In den meisten Fällen kann durch konsequentes Beckenbodentraining ein sehr guter Therapieerfolg erzielt werden. Der Fokus liegt dabei auf der Kräftigung von Muskulatur und Bändern des Beckenbodens. Durch gezieltes Training kann auch die persönliche Wahrnehmung des Beckenbodens im Alltag deutlich verbessert werden. Das Beckenbodentraining kann bei Bedarf durch weitere Behandlungsformen wie Biofeedback, Magnetstuhl und Elektrotherapien ergänzt werden.

  • Medikamente

Die Substanz Duloxetin bewirkt eine Aktivierung jenes Nervs, der den sogenannten äußeren Schließmuskel aktiviert. Nebenwirkungen sind jedoch häufig.

  • Operation

Kann durch die genannten Therapien kein zufriedenstellender Erfolg erzielt werden, kommen verschiedene Operationen infrage, entweder minimalinvasiv durch Einlegen eines künstlichen Bandes (z.B. TOT oder TVT) oder durch Operationen im Bauchraum mit Befestigung der Harnblase, um eine Senkung zu vermeiden (z.B. Sakropexie, Burch-Kolposuspension, …).

2. Überaktive Blase (Dranginkontinenz)

Bei der „überaktiven Blase“ kommt es zu einem plötzlichen Harnverlust bei nur geringer Harnblasenfüllung. Die harnaustreibende Muskulatur wird aktiv, noch bevor die Blase voll ist. Der Harndrang ist nicht zu unterdrücken.

Der Harndrang tritt so unvermittelt und stark auf, dass Betroffene den Weg bis zur Toilette oft nicht mehr schaffen. Begleitet wird die Symptomatik oft von Schmerzen in Blase und Unterbauch.

Der unkontrollierbare Harndrang führt dazu, dass Betroffene viel häufiger als normal – auch nachts – die Toilette aufsuchen müssen, in schweren Fällen mehrmals pro Stunde. Diese Form der Inkontinenz tritt bei Männern häufiger auf als bei Frauen.

Ursachen

Die Ursachen für eine überaktive Blase können ganz unterschiedlich sein:

Therapie

An erster Stelle steht die Behandlung der Grunderkrankung (Entzündung, Tumor). Ergänzend kommen weitere Therapieformen zum Einsatz:

  • Blasentraining

Beim Blasentraining wird die Kontrolle der Blase unter Anleitung neu erlernt. Damit kann der Harndrang kontrolliert hinausgezögert werden. In manchen Fällen kann auch die Änderung des Trink- und Ernährungsverhaltens zu einer Besserung der Symptomatik führen. Keinesfalls sollen die täglich notwendigen Trinkmengen (ca. 2 l pro Tag) reduziert werden, um häufige Toilettengänge zu vermeiden!

  • Medikamente

Sogenannte Anticholinergika dämpfen die Blasenmuskulatur und reduzieren damit den Harndrang. Der Patient kann den Urin länger halten, die Abstände zwischen den Toilettengängen vergrößern sich. Anticholinergika werden in Form von Tabletten, als Pflaster oder als flüssiges Medikament, das örtlich in die Blase injiziert wird, verabreicht.

  • Operative Methoden

Führt die konservative Behandlung nicht zum Erfolg, kann eine Operation, je nach Ursache der Erkrankung z.B. mit Botox-Instillationen, versucht werden.

3. Überlaufinkontinenz/paradoxe Inkontinenz

Bei der Überlaufinkontinenz kommt es zum tröpfchenweisen Harnverlust aus der maximal gefüllten Harnblase. Betroffene müssen häufig Wasserlassen, entleeren aber nur sehr wenig Harn, sodass eine große Menge Restharn in der Blase verbleibt. Durch die ständig gefüllte Blase kommt es zu einer passiven Überdehnung, bei der der Blasendruck den Schließmuskeldruck übersteigt: Es kommt zum permanenten Harnverlust. Von dieser Form der Inkontinenz sind überwiegend Männer betroffen.

Ursachen

  • Abflussbehinderungen: am häufigsten ausgelöst durch Prostatahyperplasie (Vergrößerung der Prostata)
  • Störungen der Nervenbahnen
  • Schwäche der Blasenmuskulatur

Therapie

Bei Harnverhalt mit Überlaufinkontinenz ist oft eine sofortige Entlastung mit Einlage eines Katheters in die Blase notwendig. Dies wird in lokaler Betäubung durchgeführt. Anderenfalls kann ein Rückstau bis in die Nieren zu einem Nierenversagen führen. In weiterer Folge ist oft ein operativer Eingriff (TURP) nach einigen Tagen/Wochen notwendig.

Bei nervalen Störungen oder Schwäche der Blasenmuskulatur ist ein Ablassen des Urins über einen Katheter notwendig. Alternativ oder als Ergänzung kann der Blasenmuskel mit Medikamenten oder über Elektrostimulation aktiviert werden.

4. Seltene Formen der Inkontinenz

  • Mischinkontinenz von Belastungs- und Dranginkontinenz
  • Vesikovaginale oder ureterovaginale Fistelung
  • Bettnässen bei Kindern

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Betroffene, die wegen ihrer Inkontinenz einen Arzt aufsuchen, haben bereits die erste Hürde im Umgang mit den Beschwerden genommen. Störungen der Harnblasenfunktion können in den meisten Fällen erheblich gelindert oder sogar geheilt werden. Erste Anlaufstelle ist meist der Hausarzt. Bei Bedarf wird der Patient an einen Facharzt für Urologie überwiesen.

Anamnese

Zunächst fragt der Arzt nach der Krankengeschichte. Dabei sind auch eventuell bestehende Vorerkrankungen wie Herzinsuffizienz, Schilddrüsenerkrankungen oder Diabetes von Bedeutung. Auch die Einnahme von Medikamenten wie Beruhigungsmitteln und Antidepressiva oder Substanzen wie Koffein, Alkohol und Drogen können das Auftreten einer Inkontinenz verschlechtern oder sogar hervorrufen.

Ein Miktionstagebuch kann dem Arzt helfen, sich einen Überblick über die auftretenden Beschwerden zu verschaffen. Darin wird eingetragen, wie viel getrunken wird, wann der Harndrang spürbar wird, wie oft und wann die Toilette aufgesucht wird und ob Inkontinenz auftritt.

Körperliche Untersuchung

Tastuntersuchung des Unterbauchs

Gynäkologische Untersuchung

Bei der gynäkologischen Untersuchung wird besonders auf eine mögliche Absenkung von Gebärmutter oder Scheide geachtet.

Harnuntersuchung

Mithilfe der Harnuntersuchung kann ein Harnwegsinfekt bewiesen oder ausgeschlossen werden.

Ultraschall

Mittels Ultraschalluntersuchung vor und nach Entleerung der Harnblase wird festgestellt, ob und wie weit die Blase ausreichend (ohne Restharn) entleert wird.

Spezielle Untersuchungen

Weiterführende Untersuchungen, wie beispielsweise die Urodynamik (Beurteilung der Funktion von Blase und Schließmuskel), werden in der Regel vom Facharzt für Urologie durchgeführt.

Behandlung

Die Behandlung einer Inkontinenz richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.

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Autoren:
Dr. Erik Randall Huber, FEBU, FECSM,
Medizinisches Review:
Dr. Sebastian Lenart
Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Julia Wild

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Journal für Urologie und Urogynäkologie: Anatomie und Inkontinenzformen, Stand 2014; https://www.kup.at/kup/pdf/12033.pdf (letzter Zugriff am 24.05.2019)

Berufsverband der Österreichischen Urologen: Harninkontinenz; http://www.urologisch.at/harnverlust.php (letzter Zugriff am 24.05.2019)

Urologische Klinik Heidelberg: Blasenschwäche/Inkontinenz; https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/chirurgische-klinik-zentrum/urologische-klinik/behandlungsspektrum/erkrankungen/blasenschwaecheinkontinenz/# (letzter Zugriff am 24.05.2019)

Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: Inkontinenz – Diagnose & Therapie von Blasen- und Darmschwäche; http://www.inkontinenz.at/pdf/Leitfaden_Allgemeinmedizin_FINAL_Web.pdf (letzter Zugriff am 24.05.2019)

https://www.gfmer.ch/Guidelines/Urogynaekologie_Harninkontinenz_Stuhlinkontinenz_d/Harninkontinenz.htm (letzter Zugriff am 24.05.2019)

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