Die Welle spült Wissen nach oben

Die erste Welle der H1N1-Grippe flaut ab, nun ziehen Medizinerinnen und Mediziner Bilanz: War die Aufregung um die Neue Grippe angemessen? Oder hatten die Skeptiker Recht? Wie sind die Erkrankungen im Vergleich zur gewöhnlichen saisonalen Grippe verlaufen? Sollte man sich impfen lassen, wenn man bereits krank war? Und was kommt noch auf uns zu, wenn die Temperaturen wieder sinken? Infektiologin Ao. Univ. Prof. Dr. Presterl gibt Auskunft.

Frage: Angeblich ist die erste Welle der Neuen Grippe weitgehend vorbei. Warum glauben so viele Experten zu wissen, dass es im Jänner eine zweite geben wird?

Presterl: Die Welle flaut jetzt ein bisschen ab. Dafür gibt es zwei Gründe: Die Menschen wissen einerseits aus den Medien schon besser Bescheid, wie sie sich schützen und selbst behandeln können, damit sie schnell wieder gesund sind. Außerdem ist es für kurze Zeit relativ warm geworden, und Grippewellen hören immer auf, wenn es warm wird. Bei Kälte sind die Leute empfänglicher und es kann wieder zu mehr Fällen von H1N1-Grippe kommen. Das Wiederkehren zu Jahresanfang bezieht sich aber eher auf die saisonale Influenza, die bei uns immer Ende Jänner kommt.

Frage: Wie sind die bisherigen H1N1-Erkrankungen verlaufen - verglichen mit der normalen saisonalen Influenza?

Presterl: Es war ohne Frage eine veritable Grippewelle, die eher jüngere Menschen betroffen hat. Die Symptome waren typisch für eine Grippe - auch mit grippeüblichen Komplikationen wie Lungenentzündung. Ob die Erkrankungen in Summe schwerer verlaufen sind als bei einer normalen saisonalen Grippe, das werden erst die epidemiologischen Berichte zeigen. Jedenfalls startete die Welle viel früher, normalerweise kommt sie im Jänner, mit einzelnen Fällen im Dezember.

Frage: War die Aufregung um die Neue Grippe aus Ihrer Sicht überzogen?

Presterl: Die Angst und die Furcht waren übertrieben. Aber es ist gut, dass man die Aufmerksamkeit auf diese Grippe gerichtet hat. Obwohl vieles recht sensationsheischend präsentiert wurde, ist es wichtig, dass einmal im Detail überlegt wurde, wie man die Bevölkerung im Falle einer schweren Seuche gesund halten kann. Und der Einzelne hat wieder einmal gelernt, wie er sich vor der Grippe schützen und wie er sich selbst behandeln kann. Es wurden viele Probleme sichtbar: Etwa das der Kinderbetreuung bei geschlossenen Schulen, oder wer überhaupt Anrecht auf Pflegeurlaub hat. Immerhin waren bei den schweren Grippewellen vor 20 Jahren viele Frauen ja noch zuhause und haben die Pflege übernommen.

Frage: Viele Menschen waren irritiert, weil die Expertinnen und Experten teilweise uneins bei der Bewertung der Neuen Grippe waren.

Presterl: Niemand kann in die Zukunft blicken. Mediziner haben bestimmte Daten und kommen auf deren Basis zu dieser oder jener Meinung. Auch in der Medizin ist Meinungsvielfalt wichtig; und bei den grundlegenden Dingen waren sich dann ja alle einig. Außerdem ist der gelernte Österreicher ja daran gewohnt, dass Experten nie einer Meinung sind.

Frage: Soll man sich noch gegen die Neue Grippe impfen lassen, wenn man sie bereits hatte?

Presterl: Wer die H1N1-Grippe hatte, ist dagegen immun. Der Laie kann die Neue Grippe von den Symptomen her aber nicht von der saisonalen Grippe unterscheiden und hält oft einen grippalen Infekt für eine Grippe. Dabei äußert sich die Grippe recht eindeutig: Sie beginnt mit hohem Fieber, mit Gelenks- und Muskelschmerzen, Müdigkeit und trockenen Husten. Beim grippalen Infekt hat man eher Halsschmerzen, Schnupfen usw. Daher: Immer Fieber messen! Ein Fiebermesser gehört in jeden Haushalt.

Frage: Die offizielle Empfehlung bei Grippe lautet, das Haus nicht zu verlassen. Unter welchen Bedingungen machen Ärzte Hausbesuche?

Presterl: Hausbesuche sind bei banalen Infektionen nicht sinnvoll. Da reicht es, wenn ein Angehöriger oder eine Angehörige Medikamente in der Apotheke besorgt, die die Symptome lindern. Ein ärztlicher Hausbesuch sollte nur dann erfolgen, wenn die Erkrankung wirklich ausgeprägt ist und sich nicht bessert, sodass der Patient nicht in die Ordination kommen kann. Die Steigerung zum ärztlichen Hausbesuch ist, mit der Rettung ins Krankenhaus zu fahren.

Frage: Was passiert, wenn man in die Phase zwischen unbemerkter Infektion und Ausbruch der Grippesymptome hinein impft? Wirkt die Impfung dann?

Presterl: Nein, dann bekommt man die Grippe und hat das Gefühl, dass die Impfung nicht wirkt oder Nebenwirkungen hat. Dabei kann die Impfung gar nicht so schnell wirken.

Frage: Worauf sollten Menschen achten, die sich gegen die saisonale Influenza und die Neue Grippe impfen lassen möchten? Können sich die möglichen Nebenwirkungen verstärken?

Presterl: Man kann sich gegen beides gleichzeitig impfen lassen, aber auch mit einer Pause dazwischen. Bei Rötungen an der Einstichstelle sieht man ja recht rasch, welche Impfung was verursacht hat. Wenn man nach der Impfung anfiebert, kann das durch die eine oder die andere Impfung ausgelöst sein, das lässt sich dann nicht feststellen. Schwere Impfreaktionen sind aber ganz selten.

Frage: Die Impfung gegen die Neue Grippe wird unter anderem wegen der relativ kurzen Testphase kritisiert. Wie lange wird denn eine Impfung unter optimalen Bedingungen getestet?

Presterl: Das geht oft über Jahre. Wobei bei der aktuellen Impfung das Grundgerüst ja schon bestanden hat. Neu war nur das sogenannte Antigen, das bei jedem Grippeimpfstoff einfach ausgetauscht wird. Und vom Antigen nimmt man ohnehin an, dass es gut verträglich ist. Den Impfstoff gegen die Neue Grippe hat man ursprünglich gegen die Vogelgrippe entwickelt, man hat ihn getestet und festgestellt, dass er Immunität erzeugt und gut verträglich ist. Für die neue Impfung wurde das Antigen ausgetauscht und danach erfolgte eine relativ kurze Testphase. Grundgerüst und Verträglichkeit sind aber wie gesagt seinerzeit schon geprüft worden.

Frage: Die Industrie wäre auf dem Impfstoff gegen die Vogelgrippe vermutlich sitzengeblieben, wenn sie nicht den Impfstoff gegen die Neue Grippe entwickelt hätte. Daher vermuteten manche, dass die Neue Grippe von der Pharmaindustrie aufgebauscht wurde. Was antworten Sie diesen Stimmen?

Presterl: Den Impfstoff gegen Vogelgrippe hat man ja eh nicht verkauft. Aber man konnte das Know-how für eine schnelle Bereitstellung eines Impfstoffes gegen die Neue Grippe verwenden. Es ist aber extrem wichtig, in Österreich und weltweit auch unabhängige klinische Forschung zu ermöglichen. Das ist mir und der gesamten Universität ein Anliegen. Wir haben hierzulande Universitäten, die unabhängig sein können. Aber wir brauchen auch die Mittel, um es zu sein.

NetDoktor.at: Danke für das Interview.

Zur Person: Ao. Univ. Prof. Dr. Elisabeth Presterl ist Fachärztin für Innere Medizin, Hygiene und Mikrobiologie sowie Infektiologie an der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien.

zur Website der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin

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