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«Unser Immunsystem behandelt COVID-19»: Warum wir uns nicht vor dem Coronavirus fürchten sollten

Corona Menschenmassen
Die Angst macht uns laut Dr. Loewit erst recht anfällig für eine Infektion. (rclassenlayouts / iStockphoto)

Angst und Panik machen sich breit, seit das Coronavirus Mitteleuropa erreicht hat. «Völlig unnötig und sogar gesundheitsgefährdend», mahnt Dr. Günther Loewit im Interview. Eine realitätsnahe Sicht der Dinge auf SARS-CoV-2:

1. Herr Dr. Loewit: Haben sich in Ihrer Praxis schon Menschen mit Verdacht auf COVID-19 vorgestellt?

Dr. Loewit: Ja, aber völlig unbegründet. Die Patienten haben einfach Angst, der Verdacht geht stets von ihnen aus und nicht von mir. In den Fällen, wo ich Patienten an die Hotline 1450 verwiesen habe, wurde bis jetzt jede Testung abgelehnt.

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2. Haben Sie in Ihrer Praxis irgendwelche Vorkehrungen getroffen?

Dr. Loewit: Ich arbeite mit Mundschutz und erhebe bei meinen Patienten vor dem Betreten der Ordination eine telefonische Anamnese. Der Hygienestandard in meiner Ordination ist up-to-date, viel mehr ist in einer allgemeinmedizinischen Praxis nicht möglich. Ich treffe ja auch keine Vorkehrungen für Influenza (Anm.: «echte» Grippe). Und: Ich kann mich nicht 80-mal am Tag umziehen. Ich habe noch genügend Desinfektionsmittel, allerdings trage ich keinen Schutzanzug und ich wüsste auch nicht, wo ich einen herbekommen sollte.

3. Desinfektionsmittel sind zurzeit Mangelware. Als Arzt kommen sie aber schon «ran», oder?

Dr. Loewit: Ich habe einen Vorrat in der Ordination, aber ich denke es ist momentan sehr schwer Desinfektionsmittel zu bekommen. In der Apotheke besteht allerdings die Möglichkeit der magistralen Herstellung mit Alkohol. Davon gibt es noch genug.

4. Sie haben kürzlich gesagt, dass den Menschen in Sachen Coronavirus die Wahrheit zumutbar ist. Was ist denn die Wahrheit?

Dr. Loewit: Die Wahrheit ist, dass wir derzeit kein Medikament gegen dieses Virus haben. Dass es Infektionen geben wird und dass vielleicht ältere und multimorbide (Anm.: Personen mit mehreren Krankheiten) Patienten unter Umständen dadurch verfrüht sterben werden. Die Wahrheit ist, dass wir das Coronavirus nicht aufhalten können, wie uns die letzten Wochen gezeigt haben. Ich denke, dass dies wohl gesagt werden darf, und dass sich viele Menschen auch leichter tun würden, wenn das Virus «entmystifiziert» würde. Es ist wie es ist, das kommt auf uns zu, nächsten Winter vermutlich wieder. 

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5. Warum fürchten sich die Menschen vor dem Coronavirus überhaupt so sehr? Zum Beispiel im Vergleich zur Grippe? Liegt das an der doppelt so hohen Sterblichkeitsrate?

Dr. Loewit: Wir wissen noch nicht genau, ob die Mortalität wirklich doppelt so hoch ist. Tatsächlich ist es den Medien durch ihre Berichterstattung gelungen, ein wahnsinniges Maß an Verunsicherung bei der Bevölkerung zu schaffen. Die Menschen haben Angst vor dem unsichtbaren Tod. Es erinnert an die Zeiten der Pest im Mittelalter.

6. Ein Blick in die Supermarktregale verrät: Die Menschen hamstern Toilettenpapier, Dosennahrung und desinfizierende Putzmittel. Als würden wir kurz vor dem Blackout stehen.

Dr. Loewit: Ganz genau. Wir haben es mit einer zutiefst emotionalen, gar katholischen Fegefeuer-Angst zu tun.

7. Sie sagen, dass wir nicht auf das Coronavirus vorbereitet sind. Ist das überhaupt möglich? Was müssten wir tun, damit wir es sind?

Dr. Loewit: Ich glaube, man kann sich auf so etwas nicht vorbereiten. Auch, weil uns der Wille als Gesellschaft dafür fehlt. Als die Fälle von Coronavirus-Infektionen in Italien bekannt geworden sind, hätte man als einzige vernünftige Massnahme Österreich komplett abriegeln müssen: kein Zug, kein Auto, kein Flugverkehr. Das ist das einzige, was es gäbe: Grenzen bewachen, niemand darf raus oder rein. Und das ist in einer westlichen Demokratie unseres Zuschnitts schlicht und einfach unmöglich.

Ob das Tragen von Schutzanzügen in der Praxis realitätsnahe durchgeführt werden kann, darf hinterfragt werden. Solange es geht, werde ich es vermeiden, mich wie ein Kosmonaut in die Ordination zu stellen. Das verunsichert die ohnehin schon panischen Patienten wahrscheinlich noch mehr als es Nutzen hätte.

8. Am Ende des Tages werden wir also wohl oder übel mit SARS-CoV-2 leben müssen?

Dr. Loewit: Genau. Aber um etwas Positives zu sagen: Ich wiederhole es wie das Einmaleins in der Volksschule, das Um und Auf sind die sinnvollen Schutzmassnahmen, die es gibt und die auch helfen. Kein Bussi-Bussi, kein Händeschütteln, Händewaschen, zwei Meter Abstand einhalten, nach der U-Bahn Desinfektionsmittel verwenden, vielleicht sogar lieber zu Randzeiten den Supermarkt besuchen, wenn weniger los ist. Solche Vorkehrungen sind sinnvoll, um das persönliche Risiko einer Ansteckung zu reduzieren.

Ich halte zudem die individuelle Immunprophylaxe für sehr wichtig. Sich wohlfühlen, das Stärken der Abwehrkräfte durch genügend Schlaf, wenig Stress, viel Flüssigkeit zuführen, gesunde Ernährung, vernünftige Bewegung und einfach auf sich aufpassen senkt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken wieder um einige Prozent. Zu viel Sport wäre wiederum kontraproduktiv. Gut wären zum Beispiel längere Spaziergänge. Extremsport hat den gegenteiligen Effekt und schwächt das Immunsystem durch hohe Cortisol-Mengen im Blut.

9. Rauchen macht vermutlich auch anfälliger?

Dr. Loewit: Auf jeden Fall. Krankheiten wie COPD, die auf Zigarettenkonsum zurückzuführen sind, öffnen den Erregern Tür und Tor.

10. Nun kursieren zurzeit eine Menge Verschwörungstheorien, unter anderem, dass es eine Propaganda Chinas sei, dass das Virus nur für Ältere und Immunschwache wirklich gefährlich sei. Was meinen Sie dazu?

Dr. Loewit: Solche Dinge halte ich tatsächlich für reine Verschwörungstheorien und sonst gar nichts. Wenigstens scheinen Kinder und schwangere Frauen nicht zu den Risikogruppen zu gehören. Aber leider müssen wir uns in der Medizin mit den Mechanismen von Mutation und Selektion in diesem Fall wieder auseinandersetzen.

11. Müssen sich Schwangere vor dem Coronavirus fürchten?

Dr. Loewit: Es hat überhaupt keinen Sinn sich zu fürchten, für niemanden. Ich hatte schon Patientinnen, die mit schwersten grippalen Infekten die Geburt gemeistert haben. Ich würde eher meinen, dass die Angst an sich ein Risiko ist, krank zu werden. Wir sollten uns generell nicht vor Dingen fürchten, die wir nicht ändern können. Wir können dieses COVID-19 derzeit nicht ändern, es gibt keine wirksamen Medikamente. Sich zu fürchten ist demnach sinnlos. Das eigene Immunsystem in einem «steady-state» (Anm.: in Alarmbereitschaft) zu halten ist hingegen wirkungsvoll. 

12. Wie erklären Sie sich, dass vereinzelt auch junge Menschen an COVID-19 sterben? Ist das schlichtweg Pech?

Dr. Loewit: Ja, möglicherweise. Diese Patienten haben vielleicht Vorerkrankungen, von denen niemand wusste. In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig zu betonen, dass Krankheiten stets multifaktoriell bedingt sind. Ihre Entstehung spielt sich auf vielen Ebenen ab. Da kann es schon vorkommen, dass z.B. eine Lungenentzündung und eine ausgeprägte Kreislaufschwäche in Kombination gefährlich werden. Kurz: Viele Variablen tragen dazu bei, ob jemand krank wird oder nicht und wie diese Erkrankung verläuft. Ein Vergleich: Sie können auch mit einem Auto, das nur einen geringen Blechschaden hat, einen tödlichen Unfall haben.

Ausserdem sprechen wir von sehr geringen Fallzahlen bei jungen Menschen, die an Corona sterben. Der tägliche Weg zur Schule ist für Kinder wesentlich gefährlicher. Man muss bei solchen Diskussionen stets die Zahlen ins rechte Licht rücken und darf aus Einzelfällen keine generalisierten Aussagen machen.

13. Was sagen Sie zum Thema Schutzmasken?

Dr. Loewit: Ich trage während der Arbeit eine Schutzmaske, die meine Patienten vor mir schützt. Mein Sohn studiert technische Physik, er hat mir eine Maske gezeigt, die mich selbst tatsächlich schützen würde. Da kann ich nur wieder sagen, wenn ich eine solche anziehe, laufen die Patienten davon und ich produziere jeden Tag drei Herzinfarkte. Die Masken, die uns zur Verfügung stehen, nutzen maximal dazu, damit keine Speicheltröpfchen aus dem Mund fliegen, vorm Virus schützen sie sicher nicht. Die schützenden Varianten sind im Moment nicht erhältlich.

14. ...die Masken haben vielleicht einen psychischen Effekt auf ihre Träger?

Dr. Loewit: Beim Coronavirus und der ganzen Debatte darüber spielen enorm viel Psychosomatik bzw. Psychologie mit. So kann ich mich mit einer Maske geschützter fühlen, obwohl ich es nicht wirklich bin.

15. Um noch einmal auf die Behandlung von COVID-19 zurückzukommen. Was denken Sie zu potenziellen Wirkstoffen wie dem Malaria-Medikament Chloroquin?

Dr. Loewit: Das eigene Immunsystem behandelt die Erkrankung! Ansonsten wird COVID-19 nicht anders therapiert als ein grippaler Infekt, und zwar mit Bettruhe, viel trinken, Stressreduktion, der Aufnahme mehrerer kleiner Mahlzeiten täglich und am besten noch mit dem Verzicht auf Fernsehen und das ständige Schauen auf das Smartphone. Denken Sie auch keinesfalls: «Morgen muss ich wieder in die Firma, sonst werde ich entlassen!» Das ist kontraproduktiv. Diese Massnahmen stimulieren das Immunsystem optimal und das dürfte auch die beste Behandlung bei einer SARS-CoV-2-Infektion sein.

Von der Anwendung von Chloroquin halte ich (noch) nichts. Bei der SARS-Epidemie vor einigen Jahren gab es eine ähnliche Situation mit dem Einsatz von Neuraminidasehemmern. Damals wurde das Medikament Tamiflu tonnenweise verteilt, dessen Wirkung nur minimal war. Derzeit ist am Markt jedenfalls kein Medikament zu finden, das nachweislich und effizient COVID-19 behandelbar erscheinen lässt.

16. Wie denken Sie über die Impfung, an der fieberhaft gearbeitet wird? Könnte es sein, dass man hier wie bei der Grippe jährlich eine neue braucht, weil sich die Stämme des Virus ständig weiterentwickeln?

Dr. Loewit: Richtig, ich denke, das Virus wird sich auch verändern, eine Impfung wird es in naher Zukunft bestimmt geben. Ich glaube übrigens, dass Menschen, die sich regelmässig impfen lassen, besser mit der Krankheit umgehen können, weil deren Immunsystem immer wieder stimuliert wird. Ausserdem halte ich es für plausibel, dass viele Menschen schon früher eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben und nun immun sind. Es ist denkbar, dass der Impfstoff gegen das Coronavirus mit der Grippe-Impfung kombiniert werden könnte. 

+++ Einen Nachtrag von Dr. Loewit zu diesem Interview lesen Sie hier +++

17. Welche Botschaft möchten Sie noch an die netdoktor.ch-Leser richten?

Dr. Loewit: Ich verwende gerne den Begriff «deeskalieren». Ich glaube, dass wir mit dem psychisch angerichteten Schaden durch Angst das Infektionsrisiko erhöhen. Die Angst führt meines Erachtens zu einer Schwächung des Immunsystems. Deshalb wäre es wichtig, dass man eher Zuversicht verstreut und sagt: «Ihr seid alle immunologisch schwer in Ordnung, hört mit dem Rauchen auf, schlaft gut, bewegt euch und dann werdet ihr das gut überstehen!»

Vielen Dank für das Gespräch!

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. Günther Loewit
Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:

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