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Wer hat an der Uhr gedreht: Zeitumstellung und was sie mit dem Körper macht

Chronobiologie Zeitumstellung Interview
Die Abläufe in unseren Körpern sind auf bestimmte Rhythmen abgestimmt. (tolgart / iStockphoto)

Der menschliche Körper und seine biologischen Vorgänge sind durch unterschiedliche Rhythmen getaktet. Diese werden im Wissenszweig der "Chronobiologie" untersucht. Lesen Sie hier, was das mit der Zeitumstellung zu tun hat.

1. Herr Klösch, Sie sind Chronobiologe und Schlafforscher an der MedUni Wien. Am Sonntag, den 25. Oktober, wurde die Zeit umgestellt. Was löst dieser Rhythmuswechsel in unserem Körper aus?

Gerhard Klösch: Dazu zunächst ein paar grundsätzliche Bemerkungen: Die Chronobiologie beschäftigt sich mit zeitlichen Abläufen in menschlichen und tierischen Organismen und wie sich diese zum Beispiel durch den Wechsel von Tag und Nacht, hell und dunkel, verändern. Von besonderer Bedeutung sind dabei die sogenannten "zircadianen Rhythmen", also Körpervorgänge, die sich innerhalb einer Periodenlänge von etwa 24 Stunden verändern bzw. wiederkehren. Der Begriff "zircadianer Rhythmus" hat seinen Ursprung im Lateinischen "circa dies", was so viel wie "ungefähr einen Tag lang" bedeutet.

Der wichtigste circadiane Rhythmus ist der Schlaf-Wachrhythmus und damit wären wir beim Thema "Zeitumstellung". Die Zeitumstellung bringt eine, wenn auch kurzfristige Unordnung oder Desynchronisation biologischer Rhythmen mit sich. Obwohl es "nur" eine Stunde ist, die unsere innere Uhr nachjustieren muss, kann dies bereits bei manchen Menschen zu Störungen führen, wie zum Beispiel Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, starke Müdigkeit tagsüber oder auch zu Störungen des Appetits und der Verdauung. Ich gehe davon aus, dass etwa 25 bis 30 % der Bevölkerung unter solchen Anpassungsschwierigkeiten leiden, zumindest für die Dauer von ein paar Tagen. Die restlichen 70 % hingegen berichten über keine spürbaren Probleme im Zuge der Zeitumstellung. Das liegt aber auch daran, dass wir berufs- und lifestyle bedingt so stark an die äußeren Zeitgeber angepasst sind, dass wir buchstäblich keine Zeit haben, um die Zeitumstellung bewusst wahrzunehmen. Bei Jugendlichen und Senioren zeigen sich hingegen deutlich mehr Beschwerden, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Senioren leiden unter der Zeitumstellung, weil ihr Schlaf altersbedingt zwar kürzer, aber auch oberflächlicher und dadurch leichter störbarer ist. Jugendliche hingegen benötigen deutlich mehr Schlaf, doch dieser wird ihnen durch die Zeitumstellung, zumindest im Frühjahr, weggenommen. Die zweimal pro Jahr stattfindende Zeitumstellung stresst unseren Organismus und kann Jetlag-ähnliche Beschwerden verursachen. Das bedeutet, dass wir mitunter einige Tage bis zu einer Woche benötigen, bis wir wieder an das neue Schlaf-Zeitfenster adjustiert sind. Auch die extremen Chronotypen, das sind ausgeprägte Morgen- und Abendmenschen, berichten immer wieder über Anpassungsprobleme infolge der Zeitumstellung.

2. Was sind Chronotypen und wie viele gibt es?

Gerhard Klösch: Wir kennen in der chronobiologischen Grundlagenforschung  zwei Extreme: den notorischen Frühaufsteher, die sogenannte "Lerche" und den Nachtmenschen, der als "Eule" bezeichnet wird. Diese beiden Extremtypen machen jedoch in Summe keine zehn Prozent der Bevölkerung aus. Rund 50 % sind "indifferente Chronotypen", also weder ausgeprägte Morgen- noch ausgeprägte Abendmenschen. Der Rest sind Mischformen, oder sogenannte moderate Morgen- und Abendmenschen. Allerdings spielt auch das Lebensalter eine wichtige Rolle. Es hat sich gezeigt, dass sich im Laufe unseres Lebens die innere Uhr allmählich verstellt und je älter wir werden, desto mehr werden wir zu Morgenmenschen. Abendmenschen hingegen sind eher unter Jugendlichen anzutreffen. Kinder wiederum übernehmen meist den Rhythmus ihrer Eltern. Junge Erwachsene bilden erst mit der Pubertät ihren Chronotyp aus, tendieren aber dazu, ihren subjektiveren Tag insgesamt zu verlängern, indem sie immer später zu Bett gehen. Dieser Vorgang beginnt mit 14 oder 15 Jahren und hat zur Folge, dass Jugendliche tendenziell zu wenig Schlaf bekommen. Durch die Zeitumstellung wird dieses Defizit noch vergrößert. 

+++ Mehr zum Thema: Zeitumstellung +++

3.Wer gibt den Rhythmus vor nach dem unser Körper tickt?

Gerhard Klösch: Biologische Rhythmen werden durch unsere inneren Uhr synchronisiert. Verantwortlich dafür ist eine Gehirnstruktur im Hypothalamus, der "Suprachiasmatische Nucleus", kurz SCN genannt. Den SCN darf man sich als eine Art Konzertmeister vorstellen, der alle biologischen Rhythmen im Körper synchronisiert. Allerdings zeigt sich bei der Taktgeschwindigkeit eine individuelle Bandbreite. Es gibt Menschen, die ticken etwas schneller und das bedeutet, dass ihr zircadianer Rhythmus deutlich kürzer als 24 Stunden ist. Diese Personen werden daher tendenziell früher das Bett aufsuchen, weil ihr subjektiver Tag bereits nach etwa 23 Stunden zu Ende geht. Es gibt aber auch Menschen, deren innere Uhr langsamer tickt und sich dadurch ihr subjektiver Tag auf 25 oder mehr Stunden verlängert. Das zeigt sich dann in den deutlich späteren Schlafenszeiten. Egal ob jemand einen kürzeren oder längeren 24-Stunden Rhythmus bevorzugt: Unsere innere Uhr muss sich täglich neu an die äußeren Gegebenheiten anpassen, weil wir ja in der Regel nicht nach unseren individuellen Rhythmen leben können, sondern uns fortlaufend an die Bedingungen der Umwelt anpassen müssen. Das gelingt manchen besser, für andere wiederum bedeutet dies zusätzlichen Stress. Daher wäre es aus chronobiologischer Sicht gerade für diese Personengruppe ratsam, jeden zusätzlichen Stress der zu einer Chronodisruption, also einer Ersetzung des gewohnten, durch einen neuen Zeitrhythmus, zu vermeiden. Dazu zählen die Nacht- und Schichtarbeit, der Jetlag und letztendlich auch die Zeitumstellung. Da die Zeitumstellung für den Körper zusätzlichen Stress bedeutet, aber keine biologischen Benefit mit sich bringt, ist sie aus chronobiologischer Sicht unnötig und gehört abgeschafft. Unser beruflicher Alltag wird ohnehin schon durch eine Vielzahl von Zeitgebern bestimmt, die dazu führen, dass wir buchstäblich immer wieder aus dem Takt geraten uns so auch nicht zur Ruhe, sprich zu erholsamen Schlaf kommen.

4.Was hat schlechter Schlaf mit Chronobiologie zu tun.

Gerhard Klösch: Die Zeitumstellung bewirkt eine Verschiebung biologischer Rhythmen. Konkret müssen wir eine Stunde früher oder später aufstehen bzw. ins Bett gehen, wodurch Vorgänge, wie das Ein- und Durchschlafen durcheinander geraten, sich desynchronisieren. Das kann zu Einschlafproblemen führen. Studien konnten zeigen, dass regelmäßige Bettzeiten das Einschlafen erleichtern und insgesamt zu erholsamerem Schlaf führen. Der Grund: Unser Organismus benötigt möglichst gleichbleibende Impulse aus der Umgebung, um seine inneren biologischen Prozesse zu ordnen und in aller Ruhe, also ungestört, ablaufen zu lassen. Das zeigt sich nicht nur beim Schlaf-Wachrhythmus und ist auch ein Erfolgsrezept, um gesund alt zu werden. Aus energetischer Sicht bedeutet Regelmäßigkeit auch einen ökonomischen Umgang mit Ressourcen. Denn: Jede Veränderung und Neuanpassung bedeutet auch, dass zumindest kurzfristig, mehr Energie aufgewendet werden muss; eine Ressource, die unter Umständen wo anders fehlt. Kein Wunder, dass biologische Systeme dazu tendieren, einen vorhandenen Rhythmus nach Möglichkeit beizubehalten. So auch beim Schlaf-Wachrhythmus.

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Denn, Schlaf ist ein äußerst komplexes Geschehen und bedarf eines sehr fein abgestimmten Vorganges. Bereits ab dem frühen Nachmittag bereitet sich der menschliche Körper auf den Schlaf vor, indem zum Beispiel die Körperkerntemperatur allmählich zu sinken beginnt. Also nicht die Temperatur, die wir unter der Achsel messen, sondern die Temperatur, die im Inneren des Körpers generiert wird. Zwischen 02:00 und 04:00 Uhr am morgen erreicht die Körperkerntemperatur dann ihren niedrigsten Wert, um von da an wieder anzusteigen. Studien konnten zeigen, dass das Einschlafen immer dann besonders gut gelingt, wenn die Körperkerntemperatur zu sinken beginnt. Wir Schlafforscher sprechen daher auch von einem Einschlaffenster oder Schlaftor, das sich öffnet. Haben wir dieses Fenster verpasst oder beginnt die Körperkerntemperatur wieder anzusteigen, fällt uns das Einschlafen wesentlich schwerer. Aufgrund des Anstieges der Körperkerntemperatur sind zum Beispiel Morgenmenschen bereits früh am Tage leistungsfähig. Abendmenschen hingegen, bei denen das Minimum der Körperkerntemperatur auch deutlich später liegt, laufen erst am späten Nachmittag, oder am frühen Abend zu Höchstleistungen auf. Generell gilt: Am leistungsfähigsten sind wir dann, wenn unsere Körperkerntemperatur am höchsten ist und unseren leistungsmäßigen und emotionalen Tiefpunkt haben wir immer dann, wenn unsere Körperkerntemperatur am niedrigsten ist.

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5.Was kann man tun, um den Körper besser zu synchronisieren?

Gerhard Klösch: Jeder kann seine innere Uhr um- beziehungsweise neu stellen. Allerding ist dies nicht von heute auf morgen möglich, sondern bedarf einer Adaptationsphase. Auch die Anpassung an eine neue Zeitzone zum Beispiel infolge eines Transatlantikfluges benötigt Zeit. Aus Studien wissen wir, dass pro Stunde Zeitverschiebung etwa ein Tag benötigt wird, um sich an das neue Zeitschema anzupassen. Das gilt auch bei der Zeitumstellung. Am besten ist es, bereits zwei, drei Tage vor der Zeitumstellung damit zu beginnen, den Körper auf das neue Zeitschema vorzubereiten. Also: im Herbst eine Stunde früher, im Frühling eine Stunde später ins Bett zu gehen, um von der Zeitumstellung nicht "kalt" erwischt zu werden. Dadurch können wir unsere inneren biologischen Rhythmen "vorsynchronisieren". Das sollten vor allem jene Personen berücksichtigen, die auf die Zeitumstellung besonders sensibel reagieren, um dadurch die Folgen eines "Mini-Jetlags" zu vermeiden.

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6.Wird sich in Zukunft auch die Medikamentengabe nach der Uhr unserer Organe richten?

Gerhard Klösch: Das ist eine der größten Forderungen der Chronobiologie und es konnte bereits in Studien nachgewiesen werden, dass die Wirksamkeit von Medikamenten sich deutlich steigern lässt, wenn bei der Medikamenteneinnahme zircadiane Rhythmen berücksichtigt werden. Da die Verarbeitung oder Verstoffwechselung von bestimmten Substanzen im Tagesverlauf nicht immer gleich ist, zeigen sich deutliche Unterschiede, wenn Medikamente am Vor- oder Nachmittag eingenommen werden. Etwa bei der Behandlung von Krebserkrankungen, bei der Schmerztherapie oder auch bei der Wirkung von Antidepressiva. Durch die Berücksichtigung chronobiologischer Rhythmen kann mit einer geringeren Medikamentendosis eine wesentlich größere Wirkung erzielt und gleichzeitig auch unerwünschte Nebenwirkungen verringert werden.

In der täglichen Behandlungspraxis wird dieses chronomedizinische Wissen leider bis dato noch nicht ausreichend genutzt. Da bedarf es noch eines radikalen Umdenkens, das sich im Zuge der sogenannten personalisierten Medizin, so zumindest meine Vermutung, ändern wird. Das wäre dann der richtige Zeitpunkt, um die Erkenntnisse der Chronobiologie besser in die medizinische Praxis einzubeziehen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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