Die schwierige Pflege daheim

Altenpflege
Oft sind mehrere Anläufe nötig, um die passende Pflege zu finden. (Silvia Jansen / iStockphoto)

Wir werden immer älter. Was tun, wenn die Kräfte für ein Leben allein nicht mehr reichen? Die 24-Stunden-Pflege löst dieses Problem. Und bringt ein paar andere mit sich.

Mit knapp 88 Jahren reichte die Kraft nicht mehr. Maria Riener (Name geändert) hatte ein hübsches Haus in einer kleinen Vorarlberger Gemeinde, die Familie in nächster Nähe und den Wunsch, ihren Lebensabend daheim zu verbringen. Doch die Vergesslichkeit nahm zu. An ein Leben allein war nicht mehr zu denken.

Nach langem Überlegen beschlossen die Kinder, die Mutter rund um die Uhr betreuen zu lassen. "Wir wollten ihr diesen Wunsch einfach erfüllen", sagt Tochter Louise, die bis zu ihrer Pensionierung in einem Altersheim gearbeitet hatte. Die Mutter war kein medizinischer Pflegefall. Gänzlich für sich selbst sorgen konnte sie aber auch nicht. 

Das Angebot an Vermittlern für 24-Stunden-Pflege ist riesig, Qualität und Kostenstruktur werden bei allen Anbietern großgeschrieben – zumindest auf der Website. Für Louise Riener stellte sich die Situation allerdings rasch weniger rosig dar als im Internet propagiert. 

Telefon reicht nicht

In wenigen Monaten hatte sie fünf Pflegerinnen aus den östlichen EU-Staaten kennengelernt. Zwei davon konnten kein Wort Deutsch, eine war mit der Pflegesituation überfordert und brach immer wieder weinend zusammen. Alle Betreuerinnen waren zuvor via Telefoninterviews ausgewählt worden. Was Louise Riener dabei nicht wusste: Die netten Stimmen am Telefon stammten gar nicht von den Personen, die letztlich den Pflegedienst antraten. Auch welche Ausbildung die Pflegerinnen genossen hatten, war nicht eindeutig feststellbar. Selbst einfache Haushaltstätigkeiten stellten eine Betreuerin vor große Hürden. 

Ein Label für Qualität

Die großen Sozialorganisationen Caritas, Hilfswerk und Volkshilfe vergeben deshalb ein Qualitätslabel für die Heimpflege. Das reicht von der Auswahl vor Ort über eine 200-stündige Ausbildung im Heimatland bis hin zur Überprüfung der Sprachkenntnisse. "Es ist wichtig, dass die Verständigung auf einer Basis stattfindet, die man verantworten kann", sagt Erich Fenninger, Chef der österreichischen Volkshilfe.

Darüber hinaus werden Zusatzqualifikationen erfasst. Können die Personen mit Demenz umgehen? Wie sieht es mit der Belastbarkeit aus? Mit dem Qualitätssiegel sollen wesentliche Problembereiche entschärft werden. Rechtssicherheit, angemessene Qualifikation und professionelle Supervision helfen, die Pflege nach einheitlichen Standards zu  gestalten. 

Die rechtliche Situation ist in Österreich jedenfalls lückenhaft. 24-Stunden-Pflege ist ein freies Gewerbe. Jeder, der will, darf. Ob die betreffende Person qualifiziert ist, interessiert den Gesetzgeber wenig.   

Endlich legal

Doch zumindest wurde die Vollzeitbetreuung mit der aktuell geltenden Regelung aus der Grauzone geholt. Schon vorher waren etliche Frauen aus dem Osten für Pflegedienste im Land. Ihre Tätigkeit war eigentlich nicht erlaubt. Um Pflegenotstand zu vermeiden, wurde dies letztlich auf niedrigem Niveau legalisiert. Das erleichtert den Zugang zu Pflegerinnen, mangelnde Ausbildung verursacht aber nach wie vor Probleme. 

Kein einfaches Gewerbe

Etwa 6% der österreichischen 450.000 Pflegegeldbezieher werden rund um die Uhr betreut. Das macht, aufgrund der abwechselnden Pflege durch zwei Personen, in Summe über 60.000 Betreuerinnen. Was gerne übersehen wird: Jene Heimhilfen, die im 3-Wochen-Rhythmus mit Pflegebedürftigen leben, haben Familie im Heimatland. Die Motivation für den harten Job ist meist der ökonomische Druck zu Hause. Die betroffenen Frauen, oftmals Mütter, müssen sich um Betreuung für ihre Kleinen umsehen, während sie bei uns nach den Alten sehen.

Die Volkshilfe – selbst Anbieter von Pflege rund um die Uhr – sieht das Problem: "Es ist eine Prekarisierung", sagt Erich Fenninger. Die Lösung unserer Pflegeanliegen verursacht anderswo Schwierigkeiten, die man bei dem Thema bedenken sollte. 

Am Ende alles Gut?

Wer sich gut vorbereitet und die richtigen Fragen stellt, hat schon viel für eine problemlose Pflege getan. Für Louise Riener und ihre vier Geschwister war die häusliche Pflege trotz aller Kosten und Schwierigkeiten ihr Geld wert. Die Mutter konnte bis zum Schluss in den vertrauten eigenen vier Wänden bleiben. 

24-Stunden-Pflege: Die Kosten berechnen

  • Für Ersteinschätzung und Vermittlung fallen zwischen 400 und 1.000 Euro an.
  • Die Pflegerinnen erhalten rund 65 bis 70 Euro pro Tag. Dazu kommt eine Verwaltungspauschale für den Vermittler. Pro Monat fallen  damit rund 2.300 Euro an.
  • Die Kosten für An- und Heimreise der Pflegerinnnen sind vom Auftraggeber zu bezahlen. Das können monatlich bis zu 400 Euro sein.
  • Der Auftraggeber stellt Unterkunft und Kost bereit. Das können durchaus 300 Euro im Monat oder mehr sein.
  • Ist die Pflegestufe der zu pflegenden Person korrekt? Das Pflegegeld liegt zwischen 157 und 1.688 Euro im Monat.
  • Ab Pflegestufe 3 zahlt der Bund 550 Euro Zuschuss.
  • Je nach Pflegestufe und Leistungen fallen monatliche Kosten zwischen 800 und 3.000 Euro an.

+++ Mehr zum Thema: Plötzlich Pflegefall – was ist zu tun? +++

Checkliste: Was soll ich prüfen?

​Die 24-Stunden-Pflege bedarf einer guten Vorbereitung. Die folgenden Fragen sollten vorab beantwortet sein:   

  • Brauche ich die 24-Stunden-Pflege überhaupt? 
  • Wenn ja: Welche Leistungen benötige ich. Gibt es nötige Zusatzqualifikationen?
  • Wie wird das Personal ausgewählt? In direkten Gesprächen oder telefonisch?
  • Sind Grundausbildung der Pflegerinnen und Sprachkenntnisse garantiert?
  • Gibt es laufende Termine mit dem Anbieter vor Ort?
  • Sind vertragliche und rechtliche Dinge korrekt geregelt?
  • Ist der Anbieter zertifiziert (ISO oder Qualitätssiegel)?

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Aktualisiert am:

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