Der aha-Effekt: Gesundheit neu denken

(marchmeena29 / iStockphoto)

Keine Frage: Österreich hat ein gutes, funktionierendes Gesundheitssystem. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht besser ginge. Die Austrian Health Academy stellt den Befund.

Kurzfassung:

  • Das österreichische Gesundheitssystem orientiert sich stark an den Interessen der Berufs- und Bezahllobbys. Partikularinteressen spielen dabei eine größere Rolle als die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Betroffenen.
  • Als unabhängige Denkfabrik für das Gesundheitswesen tritt die Austrian Health Academy (aha) an, um Lösungen aufzuzeigen, bei denen das Patienteninteresse im Mittelpunkt steht.
  • Durch Öffentlichkeit soll Druck auf Entscheidungsträger ausgeübt werden.

​Die Forderungen der Austrian Health Academy:

  • Ausbau der Primärversorgung
  • Chronische Leiden verhindern, erkennen und richtig behandeln
  • Verantwortung und Finanzierung in eine Hand
  • Versorgungsziele für Gesundheit und Glück bis ins Alter

"Österreichs Patientinnen und Patienten leiden unter der aktuellen Situation im Gesundheitswesen", so lautet der Befund einer neu gegründeten Denkfabrik für den Gesundheitsbereich.  Experten aus Medizin, Forschung, Gesundheitsökonomie, Finanzwesen und Privatwirtschaft haben sich hier unter dem Dach der "Austrian Health Academy" zusammengeschlossen, um unabhängige Konzepte für das heimische Gesundheitswesen zu entwickeln. Gegenüber dem Gesetzgeber und den Interessensvertretungen tritt man als Lobby für jene auf, die längst im Mittelpunkt des Systems stehen müssten: die Patienten. Mit entsprechenden (Wort-)Geschützen fährt auch das Mission Statement der aha auf:  "tragfähig", "zukunftsorientiert", "nachhaltige Veränderung", "positiv", "verlässliche Daten" – und nicht zuletzt "unabhängig" und "evidenzbasiert".

Kommt Ihnen bekannt vor? "Natürlich haben wir Anleihen bei der Agenda Austria  genommen", schmunzelt aha-Präsident Claus Raidl, "Denn warum sollte man sich nicht an einem erfolgreichen Modell orientieren?"

Neunmal fast gut statt einmal richtig

Als Volks- und Betriebswirt identifiziert Raidl den Föderalismus als eine der Hauptursachen für die Probleme im Gesundheitswesen. Er nennt die Krankenhäuser in Kittsee/Hainburg oder Mödling/Baden, wo jeweils Spitäler in unmittelbarer Nähe voneinander errichtet worden sind. "Das sind Kompromisse auf dem Rücken der Patienten und Patientinnen. Diese lokalen Besonderheiten verschlingen Unsummen!" Die Wünsche der jeweiligen Bundesländer seien zwar verständlich, jeder Landeshauptmann versuche, das Beste für "seine Leut'" heraus zu holen, aber neun Suboptima für die Länder seien eben noch lange kein Optimum für den Bund. "Am Ende fehlt das Geld für die bessere Versorgung der Patienten“, sagt Raidl.


Der Blick auf das Ganze...

"Zwei kleinere Spitäler zu bauen, kostet mehr Geld als ein großes Spital zu errichten", so Raidl. Die aha fordert deshalb eine einheitliche Spitalsplanung auf Bundesebene.

"Die Sozialversicherung und der Bund bezahlen schließlich österreichweit mehr als die Hälfte der Leistungen im Spitalsbereich. Es fehlt ihnen aber die Macht, sie umzusetzen. Wenn die Kompetenz zum Bund wandert, wird weniger Geld verschwendet und wir können endlich die Qualität steigern."

...unter Berücksichtigung des Einzelnen

Patient ist nicht gleich Patient. Je nach Erkrankung und psychosozialem Hintergrund benötigen Menschen äußerst unterschiedliche Gesundheitsangebote, daher muss eine zentrale Planung diese Unterschiede dezentral berücksichtigen.

Was zunächst wie ein Widerspruch klingt ("eine zentralisierte-dezentrale Struktur"), wird von der aha-Ökonomin Maria Hofmarcher folgender Maßen erklärt:  "Alle regional tätigen Krankenversicherungsträger sollen ihre Mittel gemeinsam einheben, zusammenführen, verwalten und Leistungserbringer bezahlen." Das habe den Vorteil, dass "eine Straffung der Kassenlandschaft vorgenommen wird, und regionale Präferenzen der Versicherten besser berücksichtigt werden können."

Befund ohne Therapie

aha-Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Otto Lesch stört, dass "sich das österreichische Gesundheitssystem noch immer nach den Interessen der Berufs- und Bezahllobbys richtet. Die Partikularinteressen spielen eine deutlich größere Rolle als die Patienten. Wir müssen lernen, Entscheidungen nach den Bedürfnissen der Bürger, nicht nach den Bedürfnissen der Landeshauptleute zu treffen!" 

Letztlich seien es nämlich genau diese Partikularinteressen, die eine Erneuerung verhindern. "Fachgesellschaften erarbeiten gute Pläne, aber diese kommen nicht dort an, wo sie sollten. Wir sind in Österreich unglaublich gut darin, die Probleme zu diagnostizieren und Konzepte zu entwickeln. Aber dann passiert nichts. Wir setzen nichts davon um." Dies sei nun das Ziel der Austrian Health Academy: "Anstupsen, damit was weiter geht."

Jammern auf hohem Niveau

"Natürlich jammern wir in Österreich auf hohem Niveau", wissen die Gründer der aha. "Unser System ist im internationalen Vergleich ja nicht krank oder kaputt. Es ist aber in jeder Hinsicht verbesserungswürdig."

Verbesserungen, die zum Beispiel schon in der Ausbildung ansetzen könnten. Lesch: "Das Zulassungssystem für ein Medizinstudium fördert Leute, die in die Forschung gehen wollen, aber nicht unbedingt Leute, die Geduld und Empathie zeigen. Das ist kein Weg für ein humanbasiertes Gesundheitssystem.  Wir haben bereits jetzt zu viele Leute, die mehr an ihrer Dokumentation (sprich: am Computer) arbeiten als am Patienten..."

Was uns Gesundheit wert ist

Damit Reformen funktionieren, darf man "Organisations- und finanzielle Ziele nicht von Versorgungszielen entkoppeln" (Hofmarcher), vielmehr braucht es Gesundheit in allen Politikbereichen.

Lesch: "Und kommen Sie mir nicht damit, dass es zu wenig Geld gibt! Gesundheit ist ein hohes Gut für die Bevölkerung. Es geht darum, als Gesellschaft festzusetzen, was uns Gesundheit wert ist. Hier ist die Politik gefordert zu entscheiden: Will ich Geld für Gesundheit ausgeben oder für den Lobautunnel?"

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Julia Wild

Stand der Information: Mai 2018

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