Sind Männer Feiglinge?

Ein Mann im Gespräch mit seiner Ärztin
Mann bei seiner Ärztin: Bevor das starke Geschlecht bei Beschwerden den Arzt aufsucht, vergehen oftmals Jahre (Kirill Linnik / Shutterstock)

Oder gibt es andere Gründe, warum Männer so ungern zum Arzt gehen? Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer bei einem gesundheitlichen Problem den Gang in eine Ordination meiden, ist vier Mal höher als bei Frauen.

Und dass, obwohl ihre Lebenserwartung im Durchschnitt sechs Jahre niedriger ist als jene von Frauen und auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Grund eines Notfalles oder lebensgefährlicher Ereignisse ins Krankenhaus eingewiesen werden, wesentlich höher ist. Immer wieder machen sich Frauen über Männer lustig: wenn diese nämlich Kinder bekommen müssten, würde keines jemals das Licht der Welt erblicken. Aber was steckt hinter diesem sorglosen Umgang der Männer mit ihrer eigenen Gesundheit?

Selbst-Vernachlässigung

Wie ist es nun tatsächlich um die Gesundheit der Männer bestellt? Die Fakten sind wenig ermutigend:

  • 45 Prozent der Männer sind übergewichtig.
  • Ein Drittel der übergewichtigen Männer ist krankhaft fettleibig (Adipositas).
  • 60 Prozent sind körperlich inaktiv.
  • Doppelt so viele Männer wie Frauen trinken mehr als die empfohlene Maximalmenge Alkohol.
  • Sieben von acht Männern weisen mindestens einen Risikofaktor für eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall auf.
  • Nur 25 Prozent der Männer mit Bluthochdruck nehmen auch Medikamente dagegen ein.
  • Ungeachtet dessen, dass Hodenkrebs die häufigste Krebserkrankung unter Männern zwischen 20 und 40 Jahren ist, unterlassen es 87 Prozent der europäischen Männer, ihre Hoden zu untersuchen.

Ähnlich verhält es sich bei Prostatakrebs - immerhin ist dieser Krebs bei Männern so häufig wie Brustkrebs bei Frauen -, doch kaum einmal hört man Männer sich darüber unterhalten, wie wichtig es wäre in diesem Zusammenhang auf erste Anzeichen zu achten bzw. regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Wie viele Männer haben eigentlich schon etwas über die Vorsteherdrüse gehört oder wissen, wo sie sich befindet und wofür sie verantwortlich ist?

Das Tragische daran: viele Krebserkrankungen sind heilbar, wenn sie in einem frühen Stadium entdeckt werden - dies betrifft insbesondere den Hodenkrebs. Ein vergleichbares Bild zeigt sich bei Hautkrebs. Die statistischen Daten zeigen eine gleich hohe Verteilung dieser Erkrankung unter Männern und Frauen. Die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, ist bei Männern aber vier Mal so hoch. Dies ist einzig und allein auf den Umstand zurückzuführen, dass Frauen wesentlich früher mit gesundheitlichen Problemen zum Arzt gehen.

Vom Gefühl der Peinlichkeit und dem "Weißer-Mantel-Syndrom"

Das Problem liegt teilweise darin begründet, dass Männer häufig ein gewisses Gefühl der Peinlichkeit an den Tag legen, wenn es um ihren Körper geht, und Ärzten gegenüber oftmals eine ablehnende Haltung einnehmen - das so genannte "Weißer-Mantel-Syndrom".

Viele Männer tun sich schwer damit, bestimmte anatomische Gegebenheiten und Funktionen zu beschreiben, vor allem dann, wenn es sich dabei um intime Körperregionen handelt. Viele fürchten, wegen ihrer Beschwerden abgeurteilt bzw. ausgelacht zu werden. Immer wieder kommt es vor, dass männliche Patienten vor der Untersuchung zu ihrem Arzt sagen: "Versprechen Sie mir, dass Sie nicht lachen".

Für manche Männer scheint es einfacher zu sein, über ihre rektale Blutung nicht zu reden und davon auszugehen, dass es sich dabei lediglich um Hämorrhoiden handelt und nicht um Darmkrebs. Frauen scheinen im Umgang mit ihrer Gesundheit nicht diese Probleme aufzuweisen. Auch wenn sie Hemmungen haben, halten diese sie nicht davon ab, zum Arzt zu gehen.

Der Macho

Das Machogehabe mancher Männer trägt sicherlich zum Problem der männlichen "Arztflucht" bei. Männer, aber auch schon kleine Buben, sind darauf ausgerichtet "hart, tapfer und unabhängig" zu sein.

Und nur wenige Männer können damit rechnen, dass ihnen die Kollegen verständnisvoll den Arm auf die Schulter legen, wenn sie über ihre Beschwerden auf Grund von Stress, Ängsten, Depressionen, Brustschmerzen oder über Probleme wegen Glatzköpfigkeit, Alkohol- und Nikotinkonsum erzählen.

Nach wie vor halten sich einige Vertreter des starken Geschlechts nur dann für stark, wenn sie unnötige Risiken eingehen und exzessiv trinken und rauchen. Scheinbar sind die männlichen Rollenmodelle lediglich moderne Versionen eines John-Wayne-Typs - eines revolverschwingenden, whiskytrinkenden Frauenhelden, der keine Prügelei auslässt und daraus immer als Held hervorgeht.

Richtige Männer achten weder auf Kalorien noch auf Fettgehalt bestimmter Nahrungsmittel bzw. überlegen sie sich nicht, was gesund ist oder nicht. Mittlerweile dürfte zwar beinahe jeder wissen, was eine gesunde Ernährung ausmacht. Das Problem dabei ist aber, wie man die Leute dazu bringt, sie auch einzuhalten. Für die Machos unter den Männern scheint es jedenfalls nicht vertretbar zu sein, den Hot Dog durch Spinatravioli zu ersetzen.

Ausreden & Verleugnung

Es ist immer möglich, eine Ausrede zu finden, wenn man bestreitet, dass ein gesundheitliches Problem besteht. Männer sind Weltmeister in dieser Disziplin. Hier ein paar Beispiele aus der täglichen Arztpraxis:

"Es ist unmöglich, dass ich mir frei nehme, um den Arzt aufzusuchen."

Wirklich? Wann waren Sie das letzte Mal auf ein Bier mit Ihren Kollegen?

"Ich habe so meine Bedenken, was die Nebenwirkungen von Medikamenten betrifft."

Schauergeschichten über Nebenwirkungen von Medikamenten gibt es zuhauf, Tatsache ist aber, dass Arzneimittel jahrelangen - wenn nicht sogar jahrzehntelangen - Tests unterzogen werden, bevor sie auf den Markt kommen. Fazit: verschreibungspflichtige Medikamente sind sicher, wenn sie richtig verschrieben und verwendet werden.

"Ich bin der Brötchengeber der Familie und kann es mir nicht leisten, mit unangenehmen Nachrichten konfrontiert zu werden."

Warum dann die Beschwerden durch ein ständiges Aufschieben des Arzttermins noch verschlimmern?

"Ich kann nicht zum Arzt gehen, weil es eine Frau ist und ich ein Problem mit dem Harntrakt habe."

Verständlich. Aber Sie können immer auch zu einem männlichen Arzt gehen.

Warum kann eine Frau nicht mehr wie ein Mann sein? ...weil sie das sechs Jahre ihres Lebens kosten würde.

Männer müssen lernen, über ihre gesundheitlichen Probleme zu sprechen, so wie das Frauen auch tun. Wenn die Vertreter des starken Geschlechts doch endlich über Schwierigkeiten im Job, familiäre Angelegenheiten oder Beziehungsprobleme ebenso leicht reden könnten wie über Fußball und schmutzige Witze. Dann wären sie wesentlich weniger Stress und psychischer Anspannung ausgesetzt.

Aber statt Frauen in punkto Umgang mit der Gesundheit nachzueifern, haben viele Männer die Kindheit - wo sich ihre Mutter um sämtliche gesundheitliche Belange gekümmert hat - scheinbar nie erfolgreich hinter sich gelassen. Mädchen lernen bereits in der Kindheit, die fürsorgliche Rolle zu übernehmen, die sie später als Frauen in Familie und Gesellschaft ausüben. Mütter füttern, pflegen und waschen ihre Söhne sowie bringen sie, wenn nötig, zum Arzt.

Einige Frauen vereinbaren später sogar die Arzttermine ihrer Männer bzw. beknien sie, doch endlich eine Ambulanz aufzusuchen, denn viele Männer würden von alleine nie dorthin gehen. Männer müssen lernen, dass die Verantwortung für ihre Gesundheit nicht in den Händen ihrer Ehefrauen bzw. Lebensgefährtinnen liegt, sondern ausschließlich sie selbst - und niemand anders - dafür verantwortlich sind.

Wenn Sie nächstes Mal wieder zaudern, zum Arzt zu gehen, denken Sie daran: Wenn Sie jetzt keine Zeit für Ihre Gesundheit haben, werden Sie eines Tages Zeit für Ihre Krankheit haben müssen.

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