Warum blaue Pillen anders wirken als rote

(Maxim / Fotolia.com)

Was passiert beim Placebo-Effekt? Wie wirken mentale Strategien? Und sind positive Gedanken immer eine gute Idee? Ein Interview mit dem Neurobiologen Dr. Marcus Täuber.

netdoktor.at: Wie kann ich meine Selbstheilungskräfte am besten aktivieren?

Dr. Marcus Täuber: Stress schaltet unsere Physiologie in den Überlebensmodus. Immunabwehr, Wundheilung und Regeneration werden gehemmt. Das Gegenstück zur Stressreaktion ist die Entspannungsreaktion. Echte tiefgreifende Entspannung ist das Fundament für das optimale Wirken unserer Selbstheilungskräfte.

Deshalb ist auch die Beziehung des Patienten zum Coach oder Therapeuten ganz entscheidend. Durch Vertrauen in Person und Methode wird Oxytocin ausgeschüttet. Dieser als Treue-Hormon bekannte Botenstoff hat eine starke Anti-Stress-Wirkung, und fördert so Erholungsprozesse. 

Welche Rolle spielen unsere Gedanken bei Heilungsprozessen?

Aus der Placebo-Forschung wissen wir, dass eine positive Erwartungshaltung, frühere Erfahrungen und die Bedeutung, die wir der Krankheit und der Therapie geben, wesentliche Faktoren zur Mobilisierung der Selbstheilungskräfte sind.

Wie macht sich denn die Medizin diesen Placebo-Effekt zunutze?

Eine Vielzahl an Parametern beeinflusst den Placebo-Effekt. Ist sich der Arzt oder der Arzneimittelhersteller dessen bewusst, können diese Parameter gezielt zur Wirksamkeitssteigerung genutzt werden. Die Erklärungen zur geplanten Therapie sowie die Voraussage über Wirkung und Nebenwirkung des verabreichten Medikaments beeinflussen die Erwartung des Patienten. Die Präzision von Anweisungen (z.B. 2 x täglich 2 Tabletten zum Frühstück und zum Abendessen) verstärkt die Wirkungserwartung, weil implizit ein Zusammenhang zwischen Menge und Wirkung vermittelt wird. Scheinoperationen, Injektionen und Infusionen wirken stärker als oral verabreichte Kapseln oder Tabletten. Blaue Tabletten werden als eher sedierend, rote oder pinkfarbene als eher stimulierend erlebt. Sehr kleine und sehr große Tabletten sind wirksamer als normal große. Präparate mit Geschmackszusätzen werden als wirkungsvoller beschrieben. Ein unangenehmer Geschmack wirkt stärker als ein angenehmer.

Ob mir der Arzt ein Placebo verschreibt, um meine Selbstheilungskräfte zu aktivieren, kann ich als Patient allerdings schwer beeinflussen. Welche Mitteln stehen mir selber zur Verfügung?

Mentale Techniken wie Imagination stellen Interventionen dar, die sogar über einen reinen Placebo-Effekt hinausgehen. Schmerzlinderung durch Placebos wird über körpereigene Opiate, die Endorphine, vermittelt. Blockiert man die Rezeptoren dieser Endorphine, scheitern Placebos dabei, Schmerz zu mindern. Das Spannende: durch Fokus und Vorstellung kann trotz Rezeptorblockade der Schmerz erfolgreich besiegt werden. Deshalb muss dies über einen anderen Mechanismus im Körper ablaufen als bei der Placebo-Wirkung.  

(Andrea Danti / Fotolia.com)

Was passiert im Gehirn, wenn wir eine Besserung von Symptomen erwarten?

Eine positive Erwartungshaltung aktiviert das Belohnungszentrum, erhöht das Dopamin im Gehirn. Dopamin erhöht die Motivation, und bewirkt in weiterer Folge eine Endorphin-Ausschüttung. Schmerzen werden gelindert, ein Wohlgefühl wird erzeugt.

Apropos Motivation: In Ihrem Buch weisen Sie hier auf die Unterschiede zwischen Wille und Klarheit hin. Worum geht es Ihnen da?

Der Wille kommt aus einer emotionalen Abhängigkeit, also Mangel und Bedürftigkeit. Etwas zu sehr zu wollen, macht uns zum Rumpelstilzchen. Dagegen zeigt der entspannt fokussierte Bogenschütze, der scheinbar mühelos ins Schwarze trifft, Klarheit. Sie entsteht dann, wenn wir etwas einfach tun, ohne zu Grübeln oder sonst wie in die Anspannung geraten.

Ab wann hat krampfhaft positives Denken negative Konsequenzen?

Etwas krampfhaft zu tun, hat per se immer negative Konsequenzen. Positives Denken heißt in seiner ursprünglichen Form, sein Ziel zu fokussieren und auch gegen Widerstände sein Ding durchzuziehen. Das ist gut. Leider hat eine ganze Generation von Motivationstrainern mit "Du kannst alles was Du willst" vor allem eines hinterlassen: Statt mehr Erfolg mehr Schuldgefühle und Frustrationen.

Klingt nach Teufelskreis. Na super... Wie kann man den durchbrechen?

Weg von Anspannung und Druck. Es ist einer der größten Märchen, dass wir mit Push-Strategien erfolgreicher werden. Druck funktioniert nicht beim ersten Date, nicht beim nachhaltigen Verkauf und auch nicht um mehr Gesundheit zu erlangen. Wir blockieren uns durch Stress. Wie fliegt ein Flugzeug? Nicht durch Druck, sondern durch Auftrieb, durch Sog.

Pull statt Push ist die Devise, die uns mit Gelassenheit und Klarheit nachhaltig zum Erfolg führt.

Danke für das Gespräch!

Dr. Marcus Täuber ist promovierter Neurobiologe, diplomierter Mentaltrainer und
Lehrbeauftragter der Donau Uni Krems. 2015 gründete er das Institut für mentale Erfolgsstrategien (IfMES). Sein aktuelles Buch „Gewinner grübeln nicht“ zeigt Strategien auf, um mehr Erfolg und Gesundheit zu erlangen.

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:
,

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

mehr...