Glück kann man lernen

Glück kann man in der Schule lernen.
Glück kann man in der Schule lernen. (ulkas / iStockphoto)

Mathe, Englisch, Deutsch – und Glück. Dieses Schulfach gibt es tatsächlich. Was Schüler dabei für ihr Leben lernen, hat uns Dr. Ernst Fritz-Schubert, Begründer des Glücksunterrichts, im Interview erzählt.

Kurzfassung:

Sie wollen Glück auch für Ihre Ohren? Hören Sie das ganze Gespräch in unserem Podcast.


Schule und Glück? Nur wenige werden diese beiden Begriffe miteinander in Verbindung bringen. Haben Schulen doch oft den bitteren Beigeschmack von Defizitorientierung und Leistungsdruck. Wer keine guten Noten hat, bleibt sitzen. Wer sich schlecht benimmt, fliegt von der Schule. Für viele Lehrer und Schüler ist die Schule ein Ort, der mit Belastung und Überforderung verbunden wird. Dabei wäre Lernen ein zutiefst menschliches Bedürfnis – nicht zuletzt, um mit den Widrigkeiten und der Komplexität des Lebens besser umgehen zu können. Genau hier setzt die sogenannte „positive Psychologie“ an: Sie sieht die Schule als Platz der Möglichkeiten, an dem sich Schüler entfalten und ihre Stärken entdecken können. Auch die Rolle des Lehrers wandelt sich: Statt eifrigem Fehlerfahnder mit rotem Korrekturstift wird er zum „Schatzsucher“.

+++ Mehr zum Thema: 10 Tipps für einen gesunden Schulanfang +++

Loben statt toben

Die sogenannte "positive Psychologie" setzt genau hier an und stellt vor allem Anerkennung sowie Lob in den Vordergrund. Die Methode setzt damit auf eine Stärkung des Selbstvertrauens – genau das fehlt vielen Jugendlichen. Lebenszufriedenheit und Lebensfreude kann man durchaus  lernen, zum Beispiel im Schulfach Glück. netdoktor.at hat mit dem Begründer dieses Fachs, Dr. Ernst Fritz-Schubert, darüber gesprochen, was Glück mit Misserfolg zu tun hat, wie man Glück in der Schule lernt und wie es mit ein paar einfachen Tipps gelingt, im Handumdrehen ein Stück glücklicher zu werden.

netdoktor.at: Herr Doktor Fritz-Schubert, was ist Glück überhaupt und was verstehen Sie darunter?

Dr. Ernst Fritz-Schubert: Viele Menschen glauben, dass Glück nur mit Zufall und Wohlfühlen, also guten Gefühlen, zu tun hat. Wir beschäftigen uns aber auch mit Lebensglück, das nicht nur die positiven Aspekte beinhaltet, sondern auch die negativen. Das finde ich besonders wichtig, weil wir manchmal mehr aus den negativen Ereignissen als aus den positiven lernen. Zu diesem Lebensglück gehören aber - so wie das Meer aufsteigende und absteigende Wellen hat - der Erfolg und genauso der Misserfolg. Es ist wichtig, dass wir lernen, auch damit umzugehen. Beim Glücksbegriff kann man also Zufall, Wohlgefühl und auch Erfolg und Misserfolg miteinschließen.

Was ist das Glück im Misserfolg?

Das Glück im Misserfolg ist der Zuwachs an Erfahrung. Dieser Erfahrungszuwachs schützt einen dann vor neuerlichen unüberlegten Taten. Es existiert also ein Erfahrungsschatz, auf den man zurückgreifen kann. Insofern hat also der Misserfolg auch einen Lernzuwachs – und vielleicht auch einen Zuwachs am eigenen Selbst und dem Gefühl mit sich selbst richtig umzugehen.

Sie sind Autor und waren selbst Schulleiter an der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg. 2007 haben Sie dann das Schulfach Glück in Ihrer Schule eingeführt. Was wollten Sie damit bewirken? Und wie unterrichtet man Glück?

Ein Schulleiter hat ja nicht unbedingt mit den glücklichen Schülern zu tun, sondern eher mit denen, die durch Versäumnis, Aggression oder Depression aufgefallen sind und die einem dann mitsamt den Eltern – die dazugehören  – vorgeführt werden. Ich dachte mir damals, dass man nicht warten sollte, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, um etwas zu ändern. Heute ist das häufig so, dass zuerst das Leid kommt und erst dann nach Lösungen gesucht wird. Es gibt zum Beispiel irgendwo den Boxraum, in dem man sich abreagieren kann, oder vielleicht gibt’s auch das Ritalin (Anm.: ein Arzneistoff zur Behandlung von ADHS) für den Hyperaktiven. Ich habe mir dann gedacht, dass es vielleicht viel günstiger wäre, schon im Vorfeld etwas dafür zu tun, dass die Menschen physisch und psychisch gesund bleiben. Zur psychischen Gesundheit gehört eigentlich auch die Erfahrung mit Glück, mit dem, was Glück eigentlich ausmacht, insbesondere in einer Zeit, in der sehr viele Glücksversprechen gemacht und später nicht eingehalten werden. Wir leben in einer Zeit, in der Glück käuflich erscheint. Ich wollte, dass ein Bewusstsein bei Kindern geschaffen wird, das über die Belehrung hinausgeht. Es geht darum, dass Erfahrungen für ein gelingendes Leben vermittelt werden, die emotional und körperlich nachhaltige Erlebnisse schaffen, die die Kinder und Jugendlichen auch nicht vergessen. Das bedeutet, sich selbst kennen zu lernen. Auch die Fähigkeiten anderer kennen zu lernen, nicht nur in der verbalen Art und Weise über das Internet, in dem wir dann gar keine Empathie verspüren.

+++ Mehr zum Thema: Wie süchtig macht das Internet? +++

Und wie lernt man das?

Eigentlich durch das, was auch Aristoteles beschreibt: "Verstand kann man belehren, Charakter muss man üben." Dafür gibt es Übungen. Man versucht dann zum Beispiel, seine eigenen Stärken herauszufinden und stellt sich selbst Fragen wie: Was mach ich gerne? Was zeichnet mich aus? Was unterscheidet mich von den anderen? Was sind meine Charaktereigenschaften? Die Dinge, die uns als Persönlichkeiten ausmachen, müssen wir versuchen wiederzuentdecken und unseren Bedürfnissen entgegenzustellen. Hat man seine Charaktereigenschaften gefunden, muss man sich natürlich auch fragen, was man damit machen möchte. Das heißt, man braucht so etwas wie eine Bedürfnisinventur. Man muss lernen, nicht immer nur intuitiv oder immer kognitiv zu handeln, sondern beides zusammenzufügen. Es geht also unter anderem darum, die Fehlerhaftigkeit unseres Denkens und Fühlens aufzuzeigen. Das hilft jungen Menschen, die Dinge, die ihnen wichtig sind durch Pläne und Umsetzung zu realisieren und dann die schönste menschliche Fähigkeit, nämlich reflektieren zu können, anzuwenden. Wir wollen den Kindern ein bisschen Zeit für sich in einer sehr schnelllebigen Welt geben und ihnen helfen, achtsamer mit sich selbst umzugehen, nicht alles gleich zu konsumieren, sich nicht den Zwängen unterzuordnen. 

Können Sie vielleicht dazu ein konkretes Beispiel geben?

Man nimmt einen roten Faden und macht jedes Mal, wenn eine  Herausforderung gut gemeistert oder ein Hindernis überwunden wurde, einen Knoten hinein. Anschließend erzählt man seinem Nachbarn, welche Stärken man eingesetzt hat, um die Herausforderung zu meistern. Ob das die nächste Prüfung ist oder die Überwindung der Trennung der Eltern. Meist geht es um die anstehenden altersbedingten Entwicklungsaufgaben, die gelöst werden wollen, um die eigene Identität zu finden.

Gab es dafür irgendein Schlüsselereignis?

Ja, natürlich. Das wichtigste Ereignis war ein Schüler, der mit 16 Jahren zu mir kam und mir sagte: „Herr Dr. Fritz-Schubert, Sie sind der Erste, der mit etwas zutraut“. Das war ein Erlebnis, das ich nie mehr vergessen werde. Ich hatte auch einen Jungen, ein Kind russischer Immigranten, der mit 16 Jahren kaum Deutsch gesprochen hat, der mit Hängen und Würgen die Hauptschule geschafft hat. Der durch den Unterricht im Fach Glück einen  Weg für sich gefunden hat, weil sein  Vertrauen zu sich selbst gewachsen ist und  weil er gelernt hat, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Nach der Schule hat er eine passende Lehrstelle gefunden. Er ist stolz, dass er alles selbst geschafft hat und sich seinen„Herzenswunsch“ erfüllen konnte. Dafür hat er sich vorher intensiv im Glücksunterricht mit der Planung und der Umsetzung seines „Herzenswunsches“ beschäftigt. Dieses Beispiel zeigt das handlungsorientierte Prinzip des Unterrichts oder, anders ausgdrückt, den Weg, wie man Glück lernen kann.

Wie benotet man Glück?

Ich mache da meistens eine Gegenfrage: Wie kann man das Fach Religion benoten? Oder wie kann man Sport benoten? Geht es denn wirklich darum, wie religiös oder sportlich jemand ist? Ich hoffe nicht. Und trotzdem bekommt das übergewichtige Kind am Barren oder am Reck keine gute Note. Wir leben in einem System, das durch Bewertung  Leistungsorientierung vermitteln soll. Ein Fach findet in diesem System nur Anerkennung, wenn es benotet wird. Das betrifft leider auch das Glück . Wie kann man das machen? Indem nicht der Zustand, also „glücklicher geworden“ oder „weniger glücklich geworden“, bewertet wird, sondern das dokumentiert wird, was man erfahren oder beobachtet hat und wie das Gelernte angewendet werden kann. Die Schülerinnen und Schüler dokumentieren und präsentieren ihre Suche nach den guten Gründen. Glück ist letztlich Projektunterricht. Und Projektunterricht wird ja auch benotet.

Vom großen und vom kleinen Glück

netdoktor.at: Ist Glück vielleicht auch Ansichtssache?

Dr. Ernst Fritz-Schubert: Ja, natürlich hat Glück mit Haltungen und Einstellungen zu tun. Das sind ganz bestimmte Haltungen, die uns letzen Endes in den Situationen weisen, den einen oder anderen Weg zu gehen. Und das kann zu positiven Emotionen und zu einem Glücksgefühl führen, die mir auch zeigen, ob etwas gut oder schlecht gewesen ist. Immer dann, wenn wir auf dem richtigen Weg sind, wenn wir zum Beispiel schwierige Situationen im Leben überstehen oder sich unser Selbstwert, unsere Achtung vor uns selbst, steigern kann, dann taucht so etwas wie ein Glücksgefühl auf. Aber auch Ärger, Angst, Trauer oder Wut sind Emotionen, die uns helfen, den richtigen Weg zu finden. Natürlich ist es günstig, mehr positive als negative Emotionen zu haben. Es gibt Spezialisten, die sagen, sie müssten im Verhältnis 3:1 stehen. Wesentlich ist, beides richtig wahrzunehmen und zu erkennen, sensibel zu sein und die richtigen Schlussfolgerung daraus zu ziehen.

+++ Mehr zum Thema: Ängste beim Kind +++

Ist Glück auch messbar? Man redet ja auch oft vom großen Glück und vom kleinen Glück ...

(Boogich / iStockphoto)

Das ist oft sehr subjektiv. Was für den einen kleines Glück ist, ist für den anderen das große Glück. Es sind vielleicht auch viele kleine Glücksmomente für das ganz große Glück verantwortlich. Das, was man beim Glück bewerten kann, ist zum Beispiel, wie Selbstachtung oder Selbstwert von der eigenen Leistung abhängt. Traut man sich etwas zu oder nicht? Also Selbstwirksamkeit kann man bewerten. Man kann zum Beispiel bewerten, ob das eigene Lebenskonzept stimmig oder chaotisch ist. Fragen dazu könnten lauten: Hat man in seinem Leben eine Ordnung? Traut man sich zu, auch Widrigkeiten zu meistern, damit man auch resilient sein kann? Wie sehr findet man Sinn und auch sich bedeutsam, indem was man macht? Das sind alles Indikatoren, die dafür verantwortlich sind, dass man sich vielleicht besser fühlt als andere. Und die kann man messen. Die Psychologie stellt hierzu viele Messinstrumente zur Verfügung, die anzeigen, wie man sich fühlt oder wie sehr man sich und seine Umgebung annimmt oder ablehnt. Man könnte allerdings auch den einfach Weg gehen, wie es im sogenannten Glücksatlas unter Lebenszufriedenheit beschrieben wird. Dort wird einfach gefragt, wie wohl man sich gerade fühlt und wie man das im Verhältnis zur Vergangenheit sieht. Da kommt dann ein Wert heraus, der bei Österreichern und Deutschen im Durchschnitt so bei 7 liegt. Und dann meint man wunder was, wenn das Ergebnis 7, 2 oder 6,9 ist. Wenn Deutschland zufällig wieder Fußballweltmeister wird, was glauben Sie, wie dann das Ergebnis zu diesem Zeitpunkt ausfallen wird? Man muss sich also fragen, ob das tatsächlich eine Messgröße sein kann. Subjektives Wohlbefinden, also Zufriedenheit und positive Gefühle, sind nämlich von zeitnahen Ereignissen und Stimmungen geprägt und das ist zu wenig, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob jemand glücklich ist oder nicht.

Gibt es eigentlich so etwas wie eine soziale Frühprägung, die uns zu glücklichen oder weniger glücklichen Menschen macht?

Ja, es gibt auch eine genetische Begründung. Untersuchungen zeigen, dass unsere Gene etwa zu 50 Prozent mitbestimmen, ob wir glückliche oder weniger glückliche Menschen sind. Sie bestimmen beispielsweise, wie Serotonin in unserem Körper transportiert wird. Auch unsere äußere Erscheinung trägt vielleicht dazu bei, ob andere besser oder schlechter mit uns umgehen. Daneben gibt es  auch eine frühkindliche Prägung. Da müssen Eltern in die Verantwortung genommen werden. Sie haben dafür zu sorgen, dass ihre Kinder eine glückliche Kindheit erleben. Dass die Kinder Vertrauen zu sich und ihrer Umgebung entwickeln, offen sind für neue Erfahrungen, sich als wirksam empfinden und selbstbestimmt Verantwortung übernehmen wollen. All das prägt unser gesamtes Leben und trägt dazu bei, ob das Leben gelingt oder scheitert.

Ist Glück etwas Flüchtiges oder auch etwas, das man dauerhaft erfahren kann?

Der Glücksbegriff in der Psychologie spricht immer den affektiven Bereich an. Das bedeutet, Glück sind kleine Momente des „Peaks“ (Anm.: Höhepunkt, Gipfel), die gleich wieder vergehen. Das hat die Natur so vorgesehen: Wenn etwas Schönes passiert, dann ist das ein Glücksmoment, der gleich wieder weg ist. Wir sollen ja danach wieder etwas Neues suchen, das dieses Glücksgefühl auslöst. Wenn man diesen Aspekt nun langfristig betrachtet, dann muss man sich mit der kognitiven Schwester des Glücks beschäftigen der Zufriedenheit. Es gibt verschiedene Bereich der Zufriedenheit, die man betrachten kann: das kann unsere Arbeit sein, das kann unsere Umgebung sein, die Menschen, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen haben. Das hat aber auch im Vergleich damit was zu tun, wie wir uns selbst empfinden. All das sind Komponenten, die positiv oder negativ sein können und die unsere Zufriedenheit mitbestimmen. Viele Psychologen sagen, dass Glück ein Lustempfinden ist und setzen Lust und Glück gleich. Sigmund Freud hat auch gesagt, dass Glück nicht mehr als ein aufgestautes Bedürfnis ist, das jetzt gerade befriedigt wird. Laut Freud wäre es furchtbar langweilig, wenn dieses Glück andauern würde. Es gibt aber natürlich Momente, die nicht einfach befriedigt werden können, wie etwa Selbstwachstum oder die Kontemplation (Anm.: konzentriertes Betrachten) in der Natur. Das ist nicht nur ein Augenblick, sondern das ist manchmal auch etwas Längerfristiges, so wie die Liebe oder eine Beziehung. Ein anderer Wiener Zeitgenosse, Viktor Frankl, hat drei Wege zum Glück vorgschlagen. Der eine Weg ist Haltung zu gewinnen, der zweite Weg ist Ziele zu erreichen, die wichtig sind, und der dritte Weg ist, kontemplativ zu sein. Das ist weit mehr als das, was das Glück auf den Trieb und die Triebbefriedigung, wie das Sigmund Freud so gerne gesehen hätte, beschränkt. Insofern gibt es also da noch ein bisschen mehr.

Würden Sie sagen, jeder ist seines Glückes Schmied?

Hier geht es um die Frage nach dem „Sein“. Dieses Sein, dieses Selbst, diese Identität, die Frage der Authentizität, wie echt man eigentlich ist, das sind Fragen, die wir selbst beeinflussen können. Wenn man das dann als Glück, Lebensglück, Lebenseinstellung oder Lebensmaxime bezeichnet, kann man natürlich sagen, dass man hier einen ziemlich großen Einfluss hat. Wenn man aber sagt „Es ist halt so“ oder „Ich kann eh nichts machen“ dann sind das Zeichen der eigen Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Das ist etwas, das uns hindert, nach Lösungen zu suchen. Auf dem Weg vom Erdulder zum Gestalter findet die Schmiedearbeit statt. Ein Sprichwort sagt „Es ist unheimlich schwierig, das Glück in sich selbst zu finden, aber es ist aussichtslos, es außerhalb zu suchen.“ Das muss man sich zu Herzen nehmen. Des Glückes Schmied bedeutet also, mich selbst zu erkennen und mich zu fragen: „Wer bin ich eigentlich? Was ist mein Sein?“ Wir haben die Such nach dem Sein verlernt, weil wir uns so sehr mit dem Haben beschäftigen. Erich Fromm hat das so schön beschrieben „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leuten zu gefallen, die wir nicht leiden können“. Wir haben uns sozusagen von der Sein-Gesellschaft zur Haben-Gesellschaft entwickelt. Wir begründen heute unser Sein durch das Haben. Und das ist genau der verkehrte Weg. Zuerst müsste das Sein kommen und dann das Haben. Wenn wir wüssten wer wir sind, dann würden wir auch wissen, was wir tatsächlich brauchen und vor allem was wir eigentlich nicht brauchen. Das passt vielleicht nicht ganz zu unserer spätkapitalistischen, konsumorientierten Gesellschaft und das ist vielleicht -  wirtschaftlich gesehen - eben gar nicht so wünschenswert.

Wie findet man denn heraus, ob man echt ist? Gibt es da einen Weg, den man lang gehen soll?

Ja, den gibt es. Da muss man so etwas wie eine Inventur machen. Es geht darum, seine Stärken, Glaubenssätze, Bedürfnisse, Visionen, Kindheitsträume, aber auch seine Schwächen herauszufinden und damit entsprechend umzugehen - also sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen zu regulieren. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – hat Erich Kästner schon gesagt. Man hat also wirklich eine Chance ein Stückchen das zu realisieren, was einem wichtig ist. Dann kommt noch dazu, dass man erkennt, ob das, was man an Stärken eingesetzt hat, um Bedürfnisse zu erfüllen, auch wirklich sinnvoll ist. Und da geht es nicht um den universellen Sinnbegriff, sondern ob etwas für einen selbst einen logischen Zusammenhang ergibt. Wenn man sich mit Leuten trifft, die man nicht leiden kann, nur um irgendeine gesellschaftliche Anforderung zu erfüllen, dann hat man natürlich Pech. Das ist genauso dumm, wie Buchstaben wahllos zusammenzuwürfeln und zu glauben, man kann damit Wörter oder Sätze kreieren. Das funktioniert nicht. Man muss höllisch aufpassen, dass man sich selbst treu bleibt und nicht irgendeinem Mainstream folgt, der nur ein äußeres Klischee erfüllt, das gar nichts mit einem selbst zu tun hat.

Haben wir verlernt Bedürfnisse zu formulieren?

Wir erfahren eine Reihe von Bedürfnissen durch Fremdbestimmung. Das betrifft vor allem die materiellen Bedürfnisse. Unser Status wird durch die Dinge bestimmt, mit denen wir uns umgeben. Ob das jetzt Markenartikel, irgendwelcher technischer Schnickschnack oder Autos sind. In vielen Fällen entscheiden wir gar nicht mehr selbst, welche Bedürfnisse wir eigentlich haben. Was unsere psychischen Bedürfnisse betrifft, ähneln wir uns sehr. Wir brauchen alle ein bestimmtes Maß an Selbstbestimmtheit. Wir wollen, dass alles so läuft, wie es uns entspricht. Wir wollen aber gleichzeitig auch Geborgenheit. Wir haben hier also eine Komponente, mit der wir auch alles wieder in Einklang bringen müssen. Und wir wollen vor allem unsere Kompetenz entwickeln, wir wollen ein Stückchen weiterkommen. Wir wollen nicht auf der Stelle stehen bleiben. Das verstehe ich auch unter Sinnsuche. Also wenn das, was man tut, einem nicht weiterhilft, dann sollte man noch einmal darüber nachdenken und es vielleicht besser lassen. Vielleicht hat uns dann nur Lust oder Zwang geleitet. Manchmal muss man eben auch den einfachen Weg, die Komfortzone, verlassen, um Haltungen oder Ziele zu erreichen, die erst später eine langfristige positive Stimmung, Lebensglück oder Sinnhaftigkeit versprechen. Das ist vielleicht ein bisschen anstrengend für manche, die den einfachen Weg gehen wollen.

The Pursuit of Happiness

Jeder will ja glücklich sein. Aber kann es sein, dass das unermüdliche Streben nach Glück eher noch mehr Stress erzeugt als Wohlbefinden?

Da kann ich auch wieder Viktor Frankl zitieren: „Je mehr man nach dem Glück jagt, desto mehr verjagt man es.“ Was der Mensch in Wirklichkeit sucht, sind die guten Gründe zum Glücklichsein. Wenn er die findet, dann stellt sich das Glück von ganz alleine ein. So einfach lässt sich das beantworten.

Im Staat Bhutan ist das Recht auf Glück in der Verfassung enthalten. Sollten wir uns daran orientieren?

(pixelfit / iStockphoto)

Man muss sich in jedem Fall damit beschäftigen. Dieses Bruttonationalglück ist etwas ganz Wichtiges, das man auch messen kann. In anderen Verfassungen haben wir das aber auch schon stehen. So ist es also nicht. Das Streben nach Glück steht seit 1776 in der amerikanischen Verfassung – The Pursuit of Happiness. Ich denke, in vielen Variationen findet sich das auch wo anders. "Einigkeit, Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Blüh im Glanze dieses Glückes…." heißt es in der deutschen Nationalhymne. Das sind überall Hinweise, die eigentlich dieses menschliche Bedürfnis nach Glück zeigen. Was eigentlich auch von der Evolution vorgegeben ist. Wir streben nach allem, was unserer Erhaltung und unserem Wohlbefinden dient. Da muss man aber auch ein wenig aufpassen, dass man sich nicht an den äußeren Faktoren festklammert: gute Arbeit, gutes Geld, gute klimatische Bedingungen. Das sind zwar Faktoren, die eine Rolle für unser Wohlbefinden spielen, aber es ist viel wichtiger, dass man mit sich selbst zu Recht kommt, also eine Selbstakzeptanz hat und ein Wachstum in sich selbst spürt. Deswegen ist es ja auch in vielen armen Ländern so, wo diese äußeren Faktoren nicht so gut sind, dass die Menschen glücklicher sind. Das Glück in sich selbst zu finden, ist oft schwer, das ist ein dauerhafter Arbeitsprozess. Es ist jedoch aussichtslos Glück außerhalb an irgendwelchen Faktoren festzumachen. Man sollte sich davon lösen, seinen Blick klären und eine Reise nach innen machen. Dazu muss man nicht ins Kloster gehen, um diese Idee zu bekommen, dass es noch etwas anderes  im Leben gibt als das, was man bisher gedacht hat. Das ist etwas, das man den Kindern relativ früh mitgeben kann. Auch so eine Art Lebensphilosophie. Das wäre mein Wunsch. Wenn das einmal in den Erziehungsbereichen, auch in den Kindergärten, gemacht wird. Man sollte sich immer wieder diese Frage des Sich-Auseinandersetzens mit sich selbst stellen und gleichzeitig wissen, dass es eine Resonanz gibt, dass wir Subjekte sind, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das ist etwas ganz wichtiges. Viele Fragen können wir ja nicht ganz beantworten. Woher wir kommen und wohin wir gehen, zum Beispiel. Aber vielleicht bekommen wir ja irgendwann heraus, wofür wir hier sind. Das sind so Fragen, die den Kindern mit nach Hause gegeben werden sollten. Nicht so wie das in der Schule im Augenblick ist. Wo man fertige Antworten bekommt und diese dann reproduzieren muss.

Was unterscheidet Schüler, die Glückunterricht haben, von jenen, die keinen haben? Welche Vorteile haben Glücksschüler? Sind die zufriedener? Gibt es dazu wissenschaftliche Untersuchungen?

Ja, natürlich. Das hat die Wohlbefindensforschung längst bewiesen, dass diese Kinder weniger Stresshormone erzeugen, das Cortisol nimmt ab. Dadurch sind alle Krankheiten, die damit verbunden sind, entsprechend geringer, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infekte. Die Schüler, die sich mit Glück beschäftigt haben und im Unterricht waren, haben ein ganz anderes Gefühl für sich selbst und auch mehr Selbstachtung. Diese Kinder machen nicht alles nur an der Leistung fest und sind auch nicht gleich traurig, wenn ihre Leistung einmal nicht so gut ist. Die wissen auch, dass es noch was ganz anderes gibt. Diese Schüler haben eine andere Beziehung zu anderen Menschen, sie sind empathischer. Warum? Weil sie erfahren haben, dass es sich lohnt andere wertzuschätzen und dass es sich nicht lohnt, andere zu demütigen, weil das für einen selbst schlechte Gefühle produziert. In Untersuchungen haben wir auch festgestellt, dass diese Kinder ein Gefühl entwickeln, dass das, was rund um sie passiert, in irgendeiner Weise auch von ihnen beeinflusst werden kann. Dass es nicht nur darum geht, sich für etwas zu entscheiden, sondern dass man sich ab und zu auch gegen etwas entscheiden muss. Auch das ist wichtig. Diese Erfahrung, Entscheidungen zu treffen, die nachher einigermaßen widerspruchsfrei sind, ist ganz wichtig. Dazu haben wir auch Forschungsergebnisse. Die Schüler haben ein anderes Selbstwertgefühl, eine andere Selbsteinschätzung, ein anderes Gefühl, was bewirken zu können. Das konnten wir alles schon mit Hilfe von psychologischen Begleituntersuchungen nachweisen.

+++ Mehr zum Thema: Wenn Kinderseelen Hilfe brauchen +++

Ist das vielleicht so etwas wie Psychotherapie, bevor das erste große Problem auftritt?

Psychotherapie setzt ja voraus, dass schon irgendwo ein Mangel vorliegt. Dieser Mangel liegt ja in unserem Fall nicht von vornherein vor. Das heißt, wir haben einen nach Stärken und Ressourcen orientierten Ansatz. Deswegen wehre ich mich auch dagegen, dass das, was wir machen, eine antizipatorische Psychotherapie ist. Wenn die Menschen stark genug sind, Mut haben, mit sich selbst gut umgehen und sich selbst regulieren können, dann ist das etwas, das eine Therapie bei vielen nicht mehr notwendig macht. Bei vielen könnte man sich eine Therapie sparen, wenn man frühzeitig anfangen würde, das aufzubauen, was den Menschen ausmacht, damit er mit sich selbst besser umgehen kann. Er sollte zum Beispiel nicht erst darauf angewiesen sein, seinen Mutterkomplex beim Therapeuten zu verarbeiten, wenn er schon 40 oder 60 Jahre alt ist. Das kann er schon früher machen.

+++ Mehr zum Thema: So feuern Sie den Stress +++

Warum gibt’s denn dann den Glücksunterricht nicht schon längst in allen Schulen?

Da gibt es verschiedene Gründe. Das hängt vor allem mit der Funktion der Schule zusammen, die sich immer als Quelle der Sozialisation und Produktion sieht – Hier will man Menschen fähig machen, in der Gesellschaft zu leben und Menschen zu befähigen, sich in der Produktion beziehungsweise im Handel oder der Dienstleistung entsprechend einzugliedern. Die Schule heute verfolgt eher einen funktionsbezogenen Ansatz. Deswegen wäre das, was wir als personale Kompetenzen bezeichnen, etwas ganz wichtiges. Nur das Problem bei den personalen Kompetenzen liegt darin, dass man die nicht benoten kann. Wenn man sie benoten könnte, dann wäre es wesentlich einfacher. Zudem wird dieser neue Ansatz, Glück zu unterrichten, auch skeptisch beäugt. Da denken sich viele vielleicht: Sind das die Scientologen? Oder andere Scharlatane? Das ist etwas, was es einerseits charmant und attraktiv für Schüler macht, aber andererseits von der Schulaufsicht ein bisschen skeptisch betrachtet wird. Was interessant ist: Es gibt diesen Ansatz mittlerweile seit 11 Jahren, seit 2007. Und es gibt gerade in Österreich ganz viele Stationen, wo man auch Lehrkräften hilft, vom Fehlerfahnder zum Schatzsucher zu werden. Es gibt mittlerweile Krankenkassen wie in Tirol, die sich jetzt auf den Weg machen, Gesundheit und Glück miteinander zu verbinden. Damit würde man sich ja auch jede Menge Geld sparen, wenn man den Menschen hilft, psychisch gesund zu sein und dann auch physisch gewisse Konsequenzen nicht ertragen zu müssen. Es ist aber tatsächlich so, dass die Auseinandersetzung mit dem Glück auch aus dem politischen System mitschwingt. In unseren westlichen Kulturen wird Glück doch mehr als Privatsache gesehen und Persönlichkeitsentwicklung als Aufgabe der Eltern. Das wird sich aber aufgrund der vielen Bildungslandschaften ändern. Es sind nicht nur mehr die Eltern oder die Schule, sondern die Medien, die einen großen Beitrag zur Bildung und Missbildung der Kinder leisten.

Wieviel macht der kulturelle Hintergrund bei der Glücksfindung aus?

Der kulturelle, gesellschaftliche Hintergrund ist natürlich ganz entscheidend. Es gibt Kulturen, die weniger bedürfnisorientiert sind wie der Buddhismus. Es gibt Kulturen, die das Individuum nicht in den Vordergrund stellen wie das in den westlichen Kulturkreisen meistens ist, wo man dann auch mehr in der Gemeinschaft lebt. Das alles hat auch damit zu tun, wie die Menschen Glück empfinden. Deswegen ist dieser weltweite Vergleich von Glück problematisch. Man kann nicht einfach sagen, dass die Norweger die Glücklichsten sind und die Rumänen die am wenig Glücklichsten. Im afrikanischen Urwald ist die Gemeinschaft so stark, dass diese Menschen vielleicht gar nicht über das Glück nachdenken, weil sie es einfach haben, solange nicht der weiße Mann alle Bäume umfällt, Schiffe baut, die Bewohner dann mit in die USA nimmt und versklavt. Das Kulturelle spielt also schon eine große Rolle, weil das Verständnis von Glück unterschiedlich ist.

Haben Sie abschließend noch ein paar Tipps, was man selbst tun kann, um vielleicht ein Stück weit glücklicher zu werden?

Da gibt es eine ganze Reihe von Tipps. Dankbarkeit zum Beispiel, das ist der einfachste Tipp. Sagen Sie den Menschen, mit denen Sie zu tun haben auch einmal Danke. Und zwar nicht nur einfach ein verbales „Danke“, sondern mit Dankesbrief. Schreiben Sie sich die Dinge auf, die gut gelaufen sind, damit Sie sich an sie besser erinnern. Suchen Sie nach dem, was Sie wirklich brauchen. Streichen Sie die Menschen von Ihrer Telefonliste, die Sie nicht unbedingt brauchen. Reduzieren Sie, auch das ist eine Möglichkeit. Es gibt ganz viele Dinge, die eine Vereinfachung darstellen. Unsere Welt ist so komplex. In dieser Komplexität, samt dem Multitasking, samt den vielen Dingen, die wir brauchen oder auch nicht brauchen, sollten wir uns ein bisschen reduzieren, auf das Wesentliche beschränken und die liebsten Menschen in unserem Leben auch richtig lieb haben. Man sollte sich auch überlegen, wieviel man selbst bestimmen kann und was einen selbst eigentlich ausmacht. Das sind Dinge, die man ohne Weiteres leicht umsetzen kann, dafür braucht man keine große Anweisung. 

Zur Person

Dr. phil. Ernst Fritz-Schubert ist Dozent an der Universität Kassel und an der SRH Hochschule Heidelberg. Der Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Glück und Wohlbefinden leitet das nach ihm benannte Fritz-Schubert-Institut, das Methoden zur Persönlichkeitsstärkung erforscht und entwickelt. Weitere Informationen und Downloads unter www.Fritz-Schubert-Institut.de

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

Resilienz beschreibt die Fähigkeiten der menschlichen Psyche, trotz widriger Umstände gesund zu bleiben und gestärkt aus Krisen hervorzugehen.

In der Schule werden Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl neu ausgehandelt – zum Wohle oder zum Schaden des Kindes.

zur Übersicht