MTHFR: Kleine Gen-Variation, große Wirkung

SPNs sind vererbbare Veränderungen unserer DNA
SPNs sind vererbbare Veränderungen unserer DNA (KrulUA / iStockphoto)

Eine winzige, vererbbare Gen-Variation beeinflusst unsere Gesundheit: Bei erhöhter Thromboseneigung, Depression, chronischen Schmerzen oder bleierner Müdigkeit sollten Sie zum MTHFR-Test gehen.

Okay, jetzt wird's kompliziert. Aber lesen Sie trotzdem weiter, denn es lohnt sich. Versprochen. 

Haben Sie MTHFR-SNP?

Die Abkürzung SNP steht für eine vererbte genetische Variante eines bestimmten Gens. Früher wurde diesen minimalen Veränderungen keine Bedeutung beigemessen, man hielt sie für eine nicht weiter beachtenswerte "Laune der Natur". Inzwischen weiß man jedoch, dank verbesserter Methoden zur Datenanalyse, dass solche Veränderungen bei manchen Erkrankungen eine Rolle spielen. Die Medizin wird dadurch zwar komplexer, aber sie wird auch besser auf den einzelnen Patienten abgestimmt – vorausgesetzt man kennt die Auswirkungen der einzelnen Gen-Varianten schon. Daran wird gearbeitet, erforscht ist aber noch längst nicht alles.

Eines jener Gene, bei der ein SNP größere Auswirkungen auf unseren Stoffwechsel hat, ist das sogenannte "MTHFR-Gen". Die Abkürzung steht für Methylentetrahydrofolat-Reduktase. Der erste Teil dieses Wortes verrät die Funktion des Gens: Es steuert den Methylierungsprozess im Körper.

Was bedeutet Methylierung?

Methylierung ist ein Stoffwechselprozess, bei dem der Körper DNA repariert, Moleküle recycelt, die für die Entgiftung benötigt werden, Entzündungen reduziert und Gene unter anderem "ein- und ausschaltet", also darüber entscheidet, ob das jeweilige Gen gerade aktiv ist oder nicht. Dieser Vorgang beeinflusst die Entstehung und den Verlauf vieler Krankheiten ebenso wie den Alterungsprozess.

+++ Mehr zum Thema: Wir sind so alt, wie unsere DNA sich fühlt +++

MTHFR-Polymorphismus und Venenthrombosen

Eine Veränderung (SNP) in jenem Gen, das für die Methylierung zuständig ist, hat also tatsächlich große Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Man spricht in diesem Fall von einem MTHFR-Polymorphismus. Dieser kann (und sollte) im Labor abgeklärt werden. Das ist unter anderem deshalb wichtig, weil Menschen mit einer Veränderung im MTHFR-Gen ein erhöhtes Risiko haben für:

Wichtig: Eine MTHFR-Veränderung bedeutet nicht, dass Sie an einer dieser Indikationen erkranken. Sie bedeutet nur, dass Ihr Risiko erhöht ist. MTHFR-Veränderungen sind häufig, allerdings bleiben sie auch häufig unerkannt. Ein Bluttest im Labor gibt Aufschluss.

Wie wird eine MTHFR-Veränderung behandelt?

Ihre Gene nicht Ihr Schicksal. Und: MTHFR-Gene sind auch nicht die einzigen Faktoren, die Einfluss auf den Methylierungsprozess haben. Lebensstilmaßnahmen unterstützen den Körper bei der Methylierung:

  • Regelmäßiger Ausdauersport: mehrmals die Woche 45 Minuten, achten Sie jedoch bei der Wahl der Sportart darauf, Ihre Gelenke nicht übermäßig zu belasten.
  • Reduzieren Sie Übergewicht
  • Achten Sie auf eine ausgewogene, nicht zu proteinhaltige Ernährung mit viel Gemüse
  • Nicht rauchen
  • Vermeiden Sie Umweltgifte (Lesen Sie z.B. die Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten diesbezüglich durch)
  • Betroffene sollten Folsäure vermeiden. (siehe unten)

Bei einer MTHFR-Behandlung kommen auch Nahrungsmittelergänzungen zum Einsatz:

  • Folat (siehe unten)
  • Andere aktive Formen von B-Vitaminen, die an der Methylierung beteiligt sind. Dazu gehören Vitamin B12, Riboflavin und Vitamin B6.

Die Auswahl der Nährstoffe und die benötigte Dosierung variieren von Person zu Person. Nicht zuletzt hängen sie auch von der spezifischen Art der Gen-Veränderung ab, von der Krankengeschichte und den aktuellen Symptomen. Ihr Arzt wird mit Ihnen einen genauen Behandlungsplan erarbeiten.

Folsäure oder Folat: Die Unterschiede

Unter dem Begriff Folat (Vitamin B9) versteht man eine Gruppe von natürlichen Verbindungen, die zu den wasserlöslichen B-Vitaminen gehören. Die Folsäure ist die synthetische Form dieses Vitamins, und wird in Nahrungsergänzungsmitteln und in künstlich angereicherten Lebensmitteln verwendet. Im Alltag werden diese Begriffe allerdings oft synonym verwendet.

Der Unterschied: Die Folsäure selbst ist eine Art "Vorstufe". Sie besitzt keine Vitaminfunktion und muss erst im Körper in das eigentliche Vitamin Folat verstoffwechselt werden. 

Personen mit MTHFR-Polymorphismus können Folsäure nicht in Folat umwandeln. Daher ist es wichtig, nicht Folsäure-Präparate zuzuführen, sondern die bereits bioaktive Folatform 5-MTHF (5-Methyltetrahydrofolat). Das gilt insbesondere für Schwangere, Stillende und ältere Personen, die einen höheren Folat-Bedarf haben.

Es geht aber nicht nur um die Verwertbarkeit für den Organismus: Wird die zugeführte Folsäure nicht in eine verwendbare Form umgewandelt, kann es zu einer Anhäufung von Homocystein kommen. Homocystein ist eine per se wichtige Aminosäure, zuviel davon ist aber toxisch für den Körper.

Folsäure und Folate im Alltag

Zusammengefasst lautet die Empfehlung für Betroffene also:

  • Folsäure vermeiden
  • viel natürliches Folat zuführen

Ersteres geht relativ einfach, indem man keine Folsäure-Präparate nimmt. Auch Schwangere, die automatisch Nahrungsergänzungsmittel mit Folsäure verschrieben bekommen, sollten darauf verzichten und stattdessen zu einer Substitution mit 5-MTHF greifen.

Die Versorgung mit Folat ist in vielen Ländern schlecht. Daher wird z.B. in Kanada, in den Vereinigten Staaten und in vielen Staaten Lateinamerikas Weizenmehl mit Folsäure angereichert, um eine Unterversorgung der Bevölkerung zu verhindern. Für MTHFR-SPN-Träger bedeutet das, sich nach Alternativen ohne Nährstoffanreicherung umzusehen.

Welche Lebensmittel enthalten Folat?

Die Zufuhr von natürlichem Folat ist eine gute Grundlage. Ob Ihre Folat-Versorgung damit gedeckt ist oder ob Sie ein ergänzendes Folat-Präparat benötigen, klären Sie bitte mit Ihrem Arzt.

Folgende Lebensmittel sind reich an natürlichen Folaten:

  • Grünes Blattgemüse (wie Spinat oder Salat, insbesondere Endiviensalat)
  • Spargel
  • Avocados
  • Kohlsprossen
  • Grünkohl
  • Hülsenfrüchte
  • Erdbeeren
  • Speisekleie
  • Schweineleber

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.at


Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Silke Brenner

Aktualisiert am:
Quellen

Methylen-Tetrahydrofolat-Reduktase(MTHFR)-Polymorphismus: https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/blutgerinnung/mthfr-mutation-677ct-mt6771

University Health News Daily: https://universityhealthnews.com/daily/energy/the-mthfr-test-detects-a-genetic-defect-that-may-be-causing-your-fatigue-headaches-depression-and-more/

Supplementation mit Folsäure und 5-MTHF (Metafolin) rückt in den Fokus der Schwangerschaftsvorsorge: https://medizin-aspekte.de/15261-folsaeure_20899/

Prof. Dr. Dr. med. Johannes Huber, Dr.med. Michael Klentze: "Die revolutionäre Snips-Methode: Genetisch bedingte Gesundheitsrisiken erkennen und aktiv gegensteuern" (Südwest Verlag, 2005) 

http://www.vitalstoff-lexikon.de

http://www.diabetes-rhein-erftkreis.de/pdf-mai-2015/Folsaeure.pdf

Weitere Artikel zum Thema

Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die durch generalisierte Schmerzen gekennzeichnet ist.

Die ausreichende Aufnahme von Folsäure ist besonders für Schwangere wichtig, ein Mangel dringend zu vermeiden.

mehr...