Mangelernährung im Alter

Ältere Dame und Pflegerin: Ein Screening hilft, Mangelernährung frühzeitig zu erkennen. ((c)Ocskay Bence / iStockphoto)

Wie Mangelernährung frühzeitig diagnostiziert werden kann und welche Therapiemöglichkeiten es gibt, lesen Sie hier!

Was versteht man unter Mangelernährung?

Mangelernährung oder Malnutrition bezeichnet einen Ernährungszustand, bei dem ein Mangel oder Überschuss bzw. ein Ungleichgewicht von Energie, Eiweiß und anderen Nährstoffen besteht. Dabei kommt es zu messbaren Beeinträchtigungen im Körper sowie seiner Funktionen.

Mangelernährung tritt ein, wenn der Körper nicht die Menge an Kohlenhydraten, Eiweiß, Vitaminen und anderen Nährstoffen erhält, die nötig ist, um die Gesundheit und die normalen Organfunktionen aufrechtzuerhalten.

Dabei kann Mangelernährung nicht nur offensichtlich unterernährte, sondern auch adipöse oder übergewichtige Personen betreffen. Meistens wird die Mangelernährung allerdings bei untergewichtigen Personen beobachtet, diagnostiziert und behandelt.

Anzeichen für die Entwicklung einer Mangelernährung sind mangelnder Appetit, unzureichende Flüssigkeitsaufnahme, Zurückweisen von Mahlzeiten und Essensverweigerung, einseitige Lebensmittelauswahl und unfreiwillige Gewichtsabnahme (BMI < 20 kg/m² und ein Gewichtsverlust von 5 % des Körpergewichts in drei Monaten bzw. von 10 % in sechs Monaten).

Wie kann Mangelernährung frühzeitig erfasst und diagnostiziert werden?

Da Mangelernährung im Alter sehr häufig zu beobachten ist, wird Personen ab 65 Jahren sowohl im ambulanten (beim Hausarzt und im häuslichen Pflegedienst) als auch im stationären Bereich (Senioreneinrichtungen, Krankenhäusern) ein routinemäßiges Screening empfohlen. Dadurch kann einer Mangelernährung vorgebeugt bzw. diese frühzeitig erkannt werden.

Dieses Screening ist eine mittels Fragebogen durchgeführte Vorsorgeuntersuchung. Wird dabei ein Risiko für bzw. ein Verdacht auf Mangelernährung festgestellt, erfolgt anschließend eine intensivere Untersuchung bzw. Befragung.

Ein validiertes und für ältere Menschen geeignetes Screening-Testinstrument ist das sogenannte "Mini Nutritional Assessment" (MNA). Dieser Fragebogen ist sowohl für den ambulanten als auch den klinischen Bereich (Seniorenheime, Pflegeeinrichtungen und Kliniken inklusive Geriatrie) geeignet. Die Kurzform des MNA besteht aus sechs Fragen zu Appetit, Gewichtsverlauf, Mobilität, bestehenden Krankheiten, psychischer Verfassung (Demenz) und BMI. Bei bettlägerigen Personen kann der BMI häufig nicht ermittelt werden; in solchen Fällen stellt die Messung des Wadenumfangs eine weitere Möglichkeit dar, den Ernährungsstatus einschätzen zu können.

Wie kann die Diagnose gestellt werden?

Bei Verdacht auf Mangelernährung, z.B. durch das oben beschriebene Screening, ist eine detaillierte Diagnostik nötig. Dafür ist das sogenannte MNA-Komplettassessment (umfasst 18 Fragen) eine geeignete Methode. Dieses stellt die erweiterte Version des kurzen MNA mit nur sechs Fragen dar. Dieser erweiterte Fragebogen beinhaltet auch Fragen zu Wohnsituation, Ernährungsgewohnheiten, Häufigkeit des Verzehrs bestimmter Lebensmittel, Hilfestellung beim Essen und Medikamentenmissbrauch. Dadurch können Ursachen für eine Mangelernährung identifiziert und Ansatzpunkte für eine (Ernährungs-)Therapie gewonnen werden.

Spezifische Laborparameter wie Albumin-, Transferrin- und Präalbuminkonzentrationen im Blut bzw. Serum sowie eine erniedrigte Lymphozytenzahl können als Hinweis auf eine Malnutrition gedeutet werden. Allerdings können veränderte Blutwerte auch auf bestehende Krankheiten zurückgeführt werden, weshalb die Diagnose einer Mangelernährung nicht allein aufgrund von Laborparametern gestellt werden sollte.

Neben der Beobachtung und Erfassung des Ernährungsverhaltens, der Identifizierung laborchemischer Parameter und der Auswertung von Screening-Fragebögen ist der BMI ein wichtiges Instrument zur frühzeitigen Erkennung der Mangelernährung. Er wird anders als bei jüngeren Erwachsenen klassifiziert, denn bei diesen gilt laut WHO ein BMI < 18,5 kg/m² als Untergewicht. Personen ab 65 Jahren werden bereits ab einem BMI von 20 kg/m² als untergewichtig eingestuft. Ein BMI von 24–29 kg/m² wird bei Senioren als normalgewichtig angesehen, während ein jüngerer Erwachsener bereits als übergewichtig gelten würde.

Warum kommt es zu Mangelernährung?

Unterernährung tritt auf, wenn der Energie- und Nährstoffbedarf des Körpers nicht gedeckt werden kann bzw. wenn die Nährstoffe schneller ausgeschieden werden, als sie aufgenommen werden können. Dies ist häufig bei Erkrankungen, schweren Verletzungen oder langwierigen Krankenhausaufenthalten der Fall.

Die Ursachen der Mangelernährung im Alter sind komplex und individuell verschieden. Zu den primären Ursachen zählen unter anderem:

  • falsche Essgewohnheiten
  • fehlender Appetit
  • Zahnprobleme
  • erhöhter Nährstoffbedarf
  • Malabsorption (mangelhafte Aufnahme von Substraten aus dem bereits vorverdauten Speisebrei)
  • Alkoholismus und Medikamentenmissbrauch
  • verminderte Geruchs- und Geschmackswahrnehmung
  • Kau- und Schluckbeschwerden

Neben den genannten Ursachen können auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen mit einer verminderten Energieaufnahme in Verbindung stehen. Ebenso können akute und chronische Krankheiten wie Schilddrüsenüberfunktion, verschiedene Infektionserkrankungen oder operative Eingriffe zu einem erhöhten Energie- und Nährstoffbedarf führen und dadurch zur Entstehung einer Malnutrition beitragen.

Sekundäre Ursachen für die Entwicklung einer Mangelernährung sind:

  • soziale Isolation
  • körperliche Behinderung bzw. Immobilität
  • psychische Störungen
  • Armut
  • Depressionen
  • Gedächtnisschwäche (Demenz)

Neben den körperlichen Schwierigkeiten, die sich im Alter ergeben, spielen auch soziale Gegebenheiten, wie der Verlust des Partners oder Einsamkeit, eine Rolle.

Alte, gebrechliche und allein lebende Personen sind oftmals nicht mehr in der Lage, ihre Nahrungsmittel selbst zu besorgen, weshalb sie besonders gefährdet sind, eine Mangelernährung auszubilden.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die Therapie der Mangelernährung besteht darin, mithilfe von Ernährungsprogrammen die Energieaufnahme so weit zu steigern, dass der Bedarf an allen Nährstoffen gedeckt und die notwendige Energieaufnahme erreicht wird. Dabei sollten die individuellen Bedürfnisse berücksichtigt sowie Ursachen für den Mangelzustand erhoben und ausgemerzt werden. So kann eine Zahnbehandlung, eine Schlucktherapie oder auch eine antidepressive Therapie, die Optimierung der Medikamenteneinnahme und pflegerische Unterstützung während der Mahlzeiten erforderlich sein.

Das Angebot an energiereichen Lebensmitteln und Speisen, eine Anreicherung mit Eiweiß, Kohlenhydraten oder Fett, das Einführen von Zwischenmahlzeiten und Trinknahrungen sind ebenfalls relevante therapeutische Maßnahmen.

Studien haben gezeigt, dass Ernährungsinterventionen mit und ohne die zusätzliche Gabe von Supplementen die Nahrungsaufnahme steigern, die allgemeine Lebensqualität verbessern und zu einer Zunahme des Körpergewichts sowie der Energieaufnahme führen. Auch die Körperzusammensetzung kann durch eine Ernährungstherapie positiv verändert werden. Ernährungsinterventionen vermögen allerdings laut Kenntnissen aktueller Studien nicht, die Sterblichkeit positiv oder negativ zu beeinflussen.

Manchmal kann der Ernährungszustand einer Person über orale Ernährung bzw. über die zusätzliche Gabe oraler Aufbau- und Zusatznahrungen nicht gedeckt werden. In Fällen, in denen Personen nicht mehr essen können oder wollen und somit der Nährstoffbedarf nicht mehr gedeckt wird, erfolgt die Gabe der Nahrung über künstliche – enterale oder parenterale – Ernährung.

Bei der enteralen Ernährung erfolgt die Ernährung direkt über den Magen-Darm-Trakt. Dabei werden unterschiedliche Sonden verwendet:

  • Die Magensonde (Nasogastralsonde) oder Jejunalsonde ist ein Schlauch, der durch Nase (oder Mund), Rachen und Speiseröhre in den Magen oder bis in einen Teil des Dünndarms führt.
  • Bei der perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG) wird eine Sonde direkt durch die Bauchdecke in den Magen gelegt.

Dabei erhalten die Patienten spezielle Nährstofflösungen, die alle Nährstoffe wie Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette sowie Vitamine und Mineralstoffe in optimaler Zusammensetzung enthalten. Der Nährstofflösung können auch Medikamente beigemischt werden. Bei guter Schulung des Patienten bzw. seiner Angehörigen ist diese Form der künstlichen Ernährung auch zu Hause möglich.

Bei der parenteralen Ernährung wird der Verdauungstrakt "umgangen", die Nährstoffe werden durch Infusionen direkt in die Blutbahn verabreicht. Diese Form der künstlichen Ernährung kann viele Komplikationen (z.B. Entzündung der Eintrittsstelle des Katheters) nach sich ziehen, weshalb – sofern eine natürliche Ernährung nicht möglich ist – die enterale Ernährung vorgezogen wird.

Wie viele Menschen sind in Europa mangelernährt?

Die WHO sieht Mangelernährung als ein weltweites Problem an, welches somit nicht – wie häufig angenommen – nur ein Problem von Entwicklungsländern ist.

Schätzungen zufolge besteht in Europa bei 33 Millionen Menschen das Risiko einer Mangelernährung. Studien haben gezeigt, dass rund ein Drittel der in Krankenhäusern und Pflegeheimen lebenden Patienten ein Risiko für die Entstehung einer Mangelernährung aufweist. Außerdem haben rund 20 % der 60- bis 70-jährigen, 40 % der 70- bis 80-jährigen und 60 % der 80- bis 90-jährigen in der Europäischen Union lebenden Personen ein Risiko für Mangelernährung.

Chronisch Kranke, arme oder sozial isolierte, allein lebende Personen bzw. Patienten, die vor Kurzem aus dem Krankenhaus entlassen wurden, haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Mangelernährung.

Was sind die Folgen einer Mangelernährung?

Zunächst führt Mangelernährung zur Abnahme von Fettmasse. Allerdings werden vor allem durch einen raschen Gewichtsverlust auch fettfreie Körpermasse wie die Muskulatur abgebaut, wodurch auch andere Organe bzw. deren Funktionen betroffen sind. Sarkopenie – übermäßiger Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft – kann ebenfalls Folge einer chronischen Malnutrition sein.

Außerdem kann Mangelernährung zu einer Beeinträchtigung der Immunantwort führen, was zu einem erhöhten Infektionsrisiko, schlechter Wundheilung, verzögerter Genesung und längerer Verweildauer im Krankenhaus führen kann. Weitere Folgen sind Muskelfunktionsstörungen, schlechtere Lebensqualität, erhöhte Sterblichkeit sowie höherer Bedarf an personellen und finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen.

Einerseits stellen chronische Krankheiten ein Risiko dar, eine Mangelernährung auszubilden. Auf der anderen Seite begünstigt Mangelernährung wiederum die Entstehung chronischer Krankheiten sowie von Altersgebrechlichkeit ("Frailty").

Dabei ist Gebrechlichkeit oder "Frailty" nicht als Krankheit per se anzusehen, sondern ein komplexes Syndrom, das mit dem Lebensalter eines Patienten assoziiert auftritt. Man spricht von "Frailty", wenn bei einem älteren Patienten drei oder mehr der nachfolgend aufgeführten Faktoren vorliegt:

  • unfreiwilliger Gewichtsverlust (über 10 % in einem Jahr oder mehr als 5% in sechs Monaten)
  • objektivierte Muskelschwäche (z.B. durch Handkraftmessung bestimmbar)
  • subjektive mentale, emotionale, physische Erschöpfung
  • Immobilität, Instabilität, Gang- und Standunsicherheit mit Sturzneigung
  • herabgesetzte körperliche Aktivität

Wie ist die Prognose?

Mangelernährung ist durch die Aufnahme adäquater Ernährung wieder "heilbar". Voraussetzung ist, dass Angehörige, Pflegepersonal und Ärzte Änderungen im Ernährungsverhalten, Gewichtsabnahme und einen schlechten Allgemeinzustand erkennen und sensibel darauf reagieren. Der Verlauf bestehender Krankheiten bzw. die Entstehung neuer Beschwerden kann durch die Behebung bzw. Vermeidung eines unzureichenden Ernährungszustands positiv beeinflusst werden.

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. med. Christian Maté
Redaktionelle Bearbeitung:
Dr. med. Christian Maté

Aktualisiert am:
Quellen

 Baldwin C, Spiro A, Ahern R, Emery PW: Oral nutritional interventions in malnourished patients with cancer: a systematic review and meta-analysis. J Natl Cancer Inst, 2012 Mar 7; 104(5): 371-85
Baldwin C, Weekes CE: Dietary counselling with or without oral nutritional supplements in the management of malnourished patients: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. J Hum Nutr Diet, 2012 Oct; 25(5): 411-26
Bauer JM, Wirth R, Volkert D, Werner H, Sieber CC: Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie im Alter – von der Pathophysiologie zur Therapie. Ergebnisse eines internationalen Expertenmeetings der BANSS-Stiftung. Dtsch Med Wochenschr 2008; 133: 305-310
Küpper C: Mangelernährung im Alter. Ernährungs-Umschau 4/10, 2010
Elmadfa I et al: Österreichischer Ernährungsbericht 2012. 1. Auflage, Wien 2012
Elmadfa I, Leitzmann C: Ältere Menschen. In: Ernährung des Menschen. 4. Auflage, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2004, S. 496-500
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