Es braucht ein langfristiges Konzept

Smoothies, Brainfood, Aktiv-Joghurts: Ständig kommen neue Produkte auf den Markt, die unsere Ernährung gesünder und uns selbst leistungsfähiger machen sollen. Doch wer sich dauerhaft gesund ernähren will, braucht ein Gesamtkonzept, das nicht von bestimmten Produkten abhängt und flexibel genug für den Alltag ist. Der Ernährungswissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Jürgen König erklärt im Interview, was gesunde Ernährung ausmacht, warum Tiefkühlgemüse besser ist als sein Ruf und was hinter der Formel "Fünf am Tag" steckt.

Frage: Gibt es aus ernährungswissenschaftlicher Sicht eine allgemeingültige Definition von gesunder Ernährung - oder sieht sie für jeden Menschen anders aus?

König: Das wird in der Wissenschaft momentan sehr intensiv diskutiert. Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Mancher wird schnell dick, wenn er viel isst, der andere nicht. Man fragt sich auf wissenschaftlicher Ebene, woran das liegt. Im Moment sind die Gene sehr stark in der Diskussion, wenn es darum geht, warum sich Menschen in ihrem Stoffwechsel so stark voneinander unterscheiden.

Frage: Nach welchen Kriterien sollte man aus Ihrer Sicht die täglichen Lebensmittel auswählen?

König: Es gibt generell keine gesunden und ungesunden Lebensmittel, sondern nur gesunde und ungesunde Ernährungsweisen. Es spricht aus meiner Sicht überhaupt nichts dagegen, Schokolade oder auch einmal eine Schweinsstelze zu essen, solange man das mit Genuss tut und in Maßen. Ich halte aber nichts davon, Kalorien zu zählen.

Prinzipiell sollte man möglichst abwechslungsreich essen: Je vielfältiger die Lebensmittel, desto besser. Beim Obst und Gemüse heißt das, möglichst bunt zu essen - also gelb, grün, rot, orange usw. Komplizierter wird es natürlich, wenn man unter besonderen Bedingungen lebt, schwanger ist oder körperlich schwer arbeitet. Dann sollte man sich an die für die entsprechende Situation formulierten Ernährungsrichtlinien halten und sich ganz bestimmte Lebensmittel oder eventuell sogar Nährstoffergänzungsmittel aussuchen.

Frage: Beim Konzept "Fünf am Tag" geht es darum, jeden Tag fünf Portionen Obst oder Gemüse zu essen. Wie groß sollten diese Einheiten sein?

König: Eine Portion ist ungefähr das, was man in einer Hand tragen kann, also eine Handvoll Trauben zum Beispiel, oder ein Apfel, der in eine Hand passt. Das trifft auch für Kinder zu: Denn für die sind fünf Erwachsenenportionen natürlich zu viel. Was in eine Kinderhand passt, ist für Kinder eine Portion. Auch bei dieser Formel gilt: möglichst vielseitig. Also nicht jeden Tag fünf Äpfel essen, sondern vielleicht einen Apfel, eine Birne, Paradeiser, Melanzani, Karotten und was es eben gerade gibt. Wobei mir natürlich lieber ist, wenn jemand fünf Äpfel pro Tag ist als gar kein Obst oder Gemüse.

Frage: Immer wieder sind neue Ernährungskonzepte in den Medien - Beispiel "Low Carb". Was bringen diese Modediäten?

König: An den meisten dieser Konzepte ist ein bisschen was dran, weil sie immer irgendeinen biochemischen Zusammenhang ansprechen. Bei den Low-Carb-Diäten zum Beispiel geht es um gute und schlechte Kohlenhydrate und gute und schlechte Fette. Das ist zum Teil nicht falsch, denn es kommt tatsächlich auch auf die Fettqualität und nicht nur auf die Fettmenge an. Bei den Kohlenhydraten genauso. Letztendlich sind diese Diäten aber auf Dauer nicht vernünftig umsetzbar. Man braucht ein gutes Konzept für die Ernährung, das langfristig praktiziert werden kann.

Frage: Wie bewerten Sie Tiefkühlgemüse?

König: Viele Menschen halten Tiefkühlgemüse für ein schlechtes Produkt. Oft ist aber das Gegenteil der Fall. Denn Tiefkühlgemüse wird relativ schnell nach der Ernte tiefgekühlt und häufig nur geringfügig verarbeitet. Der Nährstoffgehalt ist daher oft höher als im vermeintlich frischen Gemüse, das seit Tagen im Supermarkt liegt und eine entsprechend geringe Qualität hat.

Frage: Was halten Sie von Smoothies - also trinkbarem Obst und Gemüse?

König: Smoothies sind ernährungsphysiologisch durchaus sinnvoll und haben einen relativ hohen Anteil an wertvollen Inhaltsstoffen. Mir ist es lieber, wenn jemand einen Smoothie trinkt und dadurch die Inhaltsstoffe von drei Portionen Gemüse zu sich nimmt, als wenn er gar kein Obst und oder Gemüse isst. Es ist aber eine Art von Bequemlichkeit, die man auch teuer bezahlt.

Frage: Manche Wissenschafter raten von Smoothies für Kinder ab, weil ihnen dadurch das Gefühl für "echtes" und unverarbeitetes Obst und Gemüse verlorengehe.

König: Das Argument kann ich nachvollziehen. Es gibt amerikanische Studien, in denen Kinder frische Ananas und Dosenananas vorgesetzt bekamen und das Dosenprodukt bevorzugten, weil sie den Geschmack der frischen Ananas nicht kannten. Ich halte es für ganz wichtig, Kindern früh möglichst viele Geschmacksvariationen anzubieten. Angeblich muss man einem Kind 14 Mal etwas anbieten, bevor man wirklich sagen kann, dass es etwas langfristig ablehnt. Man sollte sich also nicht so leicht geschlagen geben und Kindern immer wieder die Möglichkeit geben, eine Geschmacksvielfalt kennenzulernen.

Frage: Nüsse werden heute vielfach als "Brainfood" vermarktet. Sind sie wirklich so wertvoll?

König: Nüsse sind ein wichtiger Nährstofflieferant mit hohen Mengen an wertvollen Vitaminen und guten Fettsäuren. Man kann sie durchaus als Gehirnnahrung bezeichnen. Das trifft aber auf fast jede Nuss zu, auf die herkömmliche Walnuss genauso wie auf die Haselnuss. Da braucht es keine besonders designte Nuss oder eine mit Nährstoffen angereicherte Nussmischung. Nüsse sind zudem fast ein Genussmittel, denn sie haben eben auch einen sehr hohen Fettgehalt.

Frage: Was halten Sie von Ansätzen wie Dinner Cancelling - also dem gelegentlichen Verzicht auf das Abendessen?

König: Ernährungsphysiologisch ist es relativ egal, wann wir die Energie durch Nahrung zu uns nehmen. Was zählt, ist die Gesamtbilanz. Man kann gerne um Mitternacht essen, aber wenn die Energiemenge des gesamten Tages zu hoch ist, wird sie in Fett umgesetzt und man nimmt zu. Das Abendessen wegzulassen, kann für den Einzelnen sinnvoll sein. Eine ernährungsphysiologische Begründung, warum das generell sinnvoll sein sollte, gibt es aber nicht.

 

Danke für das Interview.

Zur Person: Univ.-Prof. Dr. Jürgen König ist Professor für Spezielle Humanernährung an der Universität Wien.

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