Da findet sehr viel im Kopf statt

Schon im Mittelalter fürchteten die Menschen, sich durch die eigenen Verdauungsvorgänge selbst zu vergiften. Diesen "Horror autotoxicus" entlarvt der Pharmakologe Univ. Prof. Dr. Eckhard Beubler als Mythos. Im Interview mit NetDoktor.at stellt er klar, welche Schadstoffquellen wirklich relevant sind und nimmt auch zum Heilfasten als Entgiftungsmethode Stellung.

Frage: Egal ob Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch: Spritzmittel und Schwermetalle lassen sich nicht völlig vermeiden. Welche Schadstoffe werden durch unsere Ernährung aufgenommen?

Beubler: Schadstoffe sind heute ubiquitär, also überall, vorhanden. In erster Linie sind hier aus dem Pflanzenschutz die halogenierten Kohlenwasserstoffe (HKW) zu nennen, die als Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt wurden und mit denen wir es noch lange zu tun haben werden. Halogenierte Kohlenwasserstoffe haben sowohl in der Umwelt als auch im Körper eine lange Halbwertszeit. Ein Beispiel ist das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). Obwohl DDT schon lange verboten ist, beginnen erst jetzt die DDT-Konzentrationen in der Muttermilch zurückzugehen. Man sieht also, dass der Entgiftungsprozess des Körpers sehr lange dauern kann. HKW sind zum Glück für den Menschen nicht wirklich toxisch wie für Insekten. Dennoch möchte man keine Stoffe im Körper haben, die man nicht braucht. Heute verfolgt man einen integrierten Pflanzenschutz [Anm. der Red.: Darunter versteht man eine Kombination aus biologischen, anbautechnischen, pflanzenzüchterischen u.a. Methoden, bei der die Reduzierung des Gebrauchs chemischer Pflanzenschutzmittel im Vordergrund steht], die HKW sollten also nicht mehr verwendet werden.

Frage: Sind halogenierte Kohlenwasserstoffe auch außerhalb des Bereichs Pflanzenschutz ein Thema?

Beubler: Zu den HKW zählen noch die Dioxine, die bei der Verbrennung aller möglicher Substanzen entstehen, u.a. auch beim Rauchen. Der Passivraucher ist dabei genauso betroffen. Die österreichische Lösung mit der gedachten Grenze zwischen Raucher und Nichtraucher in einem Lokal bringt hier nichts, weil sie die Nichtraucher nicht schützt. Da hat der Gesetzgeber kläglich versagt.
Dioxin ist nachweislich kanzerogen und teratogen, also fruchtschädigend. Deswegen soll natürlich eine werdende Mutter nicht rauchen, aber auch nicht mitrauchen.

Frage: Wie sieht es mit den Schwermetallen aus?

Beubler: Die sind ein anderes Kapitel. Es gibt Schwermetalle, die weit verbreitet sind, weil sie in der Natur vorkommen – etwa Quecksilber. Die höchste Aufnahme an Quecksilber erfolgt über Meeresfische. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass sich der Quecksilbergehalt in Meeresfischen in den letzten hundert Jahren nicht sonderlich verändert hat.

Frage: Würden Sie also empfehlen, weniger Meeresfisch zu essen?

Beubler: Nicht weniger Meeresfisch, sondern nicht mehr. Einmal in der Woche Meeresfisch empfiehlt sich schon, weil er eine wichtige Quelle für Omega-3-Fettsäuren ist. Dazu muss gesagt werden, dass in der Ernährung das Schwarz-Weiß-Denken immer schlecht ist. Eine vollwertige Mischkost ist sicher das gesündeste.

Obwohl für den Menschen Meeresfisch die Hauptquelle für Quecksilber ist, sollte man Quecksilber aus der menschlichen Umgebung so gut es geht entfernen, weil sich die Mengen natürlich addieren. Daher war es sinnvoll, Quecksilber-Fieberthermometer aus dem Handel zu nehmen. Es gibt aber auch Rückschritte, ersichtlich etwa am Beispiel Energiesparlampen. Das ist Sondermüll, den wir da produzieren, der auch Quecksilber enthält. Hier haben Geschäftemacher in die falsche Richtung gelenkt.

Zu den primär toxischen Metallen gehören neben Quecksilber auch Blei und Cadmium. Bei Blei hat man erst sehr spät reagiert, aber Blei verschwindet jetzt langsam aus Nahrung und Umwelt, weil bleifreies Benzin verwendet wird. Cadmium gelangt hauptsächlich durch den Reifenabrieb in die Umwelt, hier nimmt die Belastung natürlich zu.

Frage: Wie geht der Körper dann mit den Schadstoffen um?

Beubler: Die meisten Schadstoffe werden wieder ausgeschieden. So können unerwünschte Stoffe mit der in der Leber gebildeten Galle über den Darm entsorgt oder über die Niere, die Haut sowie die Atmung abgegeben werden.

Lästig sind nur jene Schadstoffe, die gespeichert werden, also die HKW und die Schwermetalle. Blei und Quecksilber haben den Nachteil, dass sie eine lange biologische Halbwertszeit haben. Dass alles aus dem Fettgewebe bzw. den Knochen abgebaut wird, erlebt man also gar nicht.

Die meisten Arzneimittel werden sofort wieder ausgeschieden, da ist eine fallweise Einnahme nicht wirklich ein Problem. Aber alles, was man tagtäglich macht, kann das Gleichgewicht stören und schaden.

Frage: Stellen die Schadstoffe in den durchschnittlichen Aufnahmemengen eine Gesundheitsgefahr dar?

Beubler: Nein, in den durchschnittlichen Aufnahmemengen nicht.

Frage: Nehmen wir an, dass ein schwer Übergewichtiger in kurzer Zeit sehr viel an Gewicht verliert und die Fettspeicher radikal dezimiert. Stellt das eine Gesundheitsgefahr dar, wenn er mit seinen Fettspeichern auch die Schadstoffdepots leert?

Beubler: Theoretisch ist das möglich, es wurde aber noch nie beobachtet. Dazu sind diese Mengen zu gering, die in den Speichern gelagert sind, um eine akute Vergiftung herbeizuführen.

Frage: Und wie sieht es in der Schwangerschaft aus?

Beubler: Abnehmen in der Schwangerschaft ist unvernünftig, genauso in der Stillzeit. Aber eine Vergiftung des Babys durch den Abbau der Fettspeicher ist auch hier nicht nachgewiesen.

Frage: Häufig fällt der Begriff "Entgiften" im Rahmen der alternativen Medizin und Naturheilkunde, z. B. beim Heilfasten. Gibt es aus Ihrer Sicht positive Aspekte einer "Entgiftungskur"?

Beubler: Ich sehe das Heilfasten als eine Philosophie, ein Gesamtkonzept, da geht es nicht nur um Essen sondern auch um Bewegung, um geistiges Training, um Meditation. Das Konzept ist schon sehr alt, also schon in den 30er-Jahren in die Welt gesetzt worden, und die Inhalte sind noch älter; sie finden sich in vielen Naturreligionen.

NetDoktor.at: Das Heilfasten sehen Sie also mehr als eine Entgiftung der Seele?

Beubler: Beim Fasten findet sehr viel im Kopf statt. Es ist nichts Schädliches, aber es ist nicht die Lösung aller Probleme: Wenn ich schon 140 Kilo wiege, habe ich mir schon viele Risiken eingehandelt. Das hat aber nicht erst mit 140 Kilogramm, sondern bereits mit 85 Kilogramm begonnen. Und wenn man dort nicht reagiert, hat man quasi verloren. Denn der Weg zurück ist sehr schwer. Man sollte sich also schon als Jugendlicher bewusst sein, was man tut. Es kommt immer drauf an, was man täglich macht. Weniger ist beim Essen auf jeden Fall besser- nicht nur, weil man weniger Kalorien aufnimmt, sondern auch weniger Schadstoffe.

Ich verurteile niemanden, der heilfastet. Aber der Bernhard Ludwig [Anm. der Red.: Psychologe und "Seminar-Kabarettist"] hat einmal so schön gesagt: „Es kommt nicht drauf an, was man zwischen Weihnachten und Neujahr isst, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten.“

NetDoktor.at: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Univ. Prof. Dr. Eckhard Beubler ist ehemaliger Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Medizinischen Universität Graz.

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