Für immer jung

Mikrodermabrasion
Mikrodermabrasion: Das oberflächliche Abschleifen der Haut. (Gregor Bister / iStockphoto)

Junge und frische Haut ist ein Geschenk der Natur. Wenn diese allerdings weniger großzügig ist, kann man ihr auf die Sprünge helfen.

Kaum etwas ist so alt wie der Traum von ewiger Jugend. Von der alchemistischen Jagd nach dem Stein der Weisen bis zu J.M. Barries Peter Pan beschäftigten sich Menschen aller Jahrhunderte mit "Anti-Aging". Und noch nie waren wir so nahe dran wie heute, diesen Traum zu verwirklichen. Das chronologische Alter lässt sich zwar nicht ändern, aber man muss es uns nicht unbedingt ansehen!

Wenn allerdings einstige Hollywood-Schönheiten bis zur Unkenntlichkeit glatt gespritzt über den Red Carpet spazieren, stellt sich die Frage, ob wir die Grenze zwischen Traum und Albtraum noch wahrnehmen… Genau diese Frage haben wir an Dr. Katrin Bartsch gestellt: Für immer jung – geht das? Und wenn ja, um welchen persönlichen Preis?

netdoktor.at: Frau Dr. Bartsch, Sie sind Spezialistin für ästhetische Behandlungen. Warum sehen wir überhaupt so alt aus, dass wir Sie brauchen?

Dr. Katrin Bartsch: Es gibt verschiedene Gründe, warum das Gesicht altert. Ein wichtiger ist sicher der Volumenverlust, das heißt Fettgewebe wird weniger, alles beginnt abzusacken. Auch die Winkel der Knochen verändern sich: Die Kieferknochen sinken ein bisschen ein, deswegen werden Falten tiefer, die Wangenknochen etwas schmäler. Das geschieht einfach im Laufe des Alters durch Umbauprozesse im Körper.

Was kann man dagegen machen?

Der Trend geht weg von invasiven Methoden und klassischen Face-Lifts. Dafür gibt es mehr medizinische Behandlungen, bei denen die Patienten eine geringe Ausfallzeit haben und gleich wieder in die Arbeit gehen können. Volumenverlust kann man z.B. mit Hyaluronsäure ausgleichen. Man muss nur aufpassen, wo man das macht, es geht nicht überall. Aber an gewissen Stellen im Gesicht kann man das gut spritzen, um ein natürliches Ergebnis zu erzielen, nicht aufgespritzt auszuschauen und einen langanhaltenden Effekt [6-9 Monate – Anm.] zu erzielen.

Muss man denn spritzen? Hilft Hyaluronsäure in Pflegecremes nicht?

Das Problem ist: Das Hyaluronsäure-Molekül ist zu groß und kommt nicht durch die Oberhaut durch. Ich kann also an der Oberfläche Hyaluronsäure schmieren, aber es dringt nicht bis dahin vor, wo ich es brauche. Wenn ich Hyaluronsäure-Gels einmassiere, bewirke ich zwar, dass trockene Stellen weniger werden, aber ich kann damit nicht wirklich aufplustern.  

Die Gels wirken also zumindest ein bisschen, sie sind nicht totaler Humbug?

Nein, totaler Humbug ist es nicht. Trockenheitsfältchen werden ein bisschen schwächer, alleine schon durch das Einmassieren der Creme, denn dank der Massage wird der Lymphabfluss angeregt.

Alles klar. Und was kann ich da noch tun?

Es kommt wirklich darauf an, um welche Hautschicht ich mich kümmern will. Liegt mein Problem an der Oberfläche (Epidermis) oder tiefer im Bereich des Bindegewebes oder noch tiefer in der Schicht, in der die Muskeln ansetzen?

Das heißt, ich muss herausfinden, welche Schicht mich alt aussehen lässt und dort eingreifen?

Ja. An der Oberfläche kommt z.B. die Mikrodermabrasion zum Einsatz, das Abschleifen der Haut. Das geschieht mechanisch oder mit chemischen Peelings. Ich bin nicht so begeistert von chemischen Peelings – wenn man das zu oft macht, sieht man bei den Patienten oft, dass die Haut immer dünner und durchscheinend wird. Außerdem hat man eine längere Ausfallzeit.

Was ich hingegen gerne mache, ist, die Haut mit einem Diamantschleifer abzuschleifen und gleichzeitig durch einen Sog den Lymphfluss anzuregen, ähnlich wie bei einer Lymphdrainage. Im Anschluss werden dann Substanzen in die Haut eingebracht, welche die Kollagensynthese anregen. Dadurch werden z.B. Akne-Narben schwächer. Man sieht insgesamt einfach frischer aus.

Und was machen eigentlich die Leute, die sich “lasern” lassen? Das hört man auch oft…

Ich verwende dafür einen sogenannten Fraxel-Laser. Der ist für medizinische Behandlungen zugelassen und brennt mit Hitze kleine “Säulen” in die Haut. Auch das regt die Kollagensynthese an, festigt und stoppt die oberflächliche Hautalterung.

Wie kleine Verletzungen, die der Körper dann auffüllt?

Genau. Da entstehen Minikrusten, die dann abfallen. Ein bis zwei Tage sieht man eine leichte Rötung und Schwellung, danach ist man wieder voll salonfähig. Der Vorteil ist, dass sich damit auch die Bereiche unter den Augen behandeln lassen, bei denen man sonst kaum etwas tun kann.

Ist es nicht ein komisches Gefühl für einen Arzt, sozusagen eine bewusste Körperverletzung zu begehen?

Es heißt "Schönheit muss leiden" – da ist schon etwas dran. Aber natürlich muss es in Maßen sein! Es gibt ja auch Leute, die lassen sich das ganze Gesicht aufschneiden, riesige Eingriff machen… Am Ende des Tages ist es immer die persönliche Entscheidung der Patienten. Ich kann nur sagen: Wir sehen bei minimal-invasiven Sachen wie Needling etc. keine Komplikationen. Und wenn der Leidensdruck da ist, dass man jünger und schöner aussehen will… nun, es wird keiner dazu gezwungen.

Unter die Haut gehen

netdoktor.at: Was kann ich tun, wenn mein Problem, nicht (nur) an der Hautoberfläche liegt?

Dr. Katrin Bartsch: Dann gibt es Methoden, die eine Schicht tiefer gehen, zum Beispiel medizinisches Needling. Dafür wird ein medizinischer Nadelroller verwendet – kein kosmetischer! Kosmetisches Needling geht bis 0,5 mm unter die Haut, medizinisches Needling geht tiefer. Dadurch entstehen viele kleine Löcher in der Hautoberfläche. Danach wird mittels Mesotherapietechnik die Mittelhaut mit Hyaluronsäure behandelt. Und durch die Löcher, die durch den Roller entstanden sind, können auch Wirkstoffe, die ich an der Oberfläche einmassiere, wie von einem Schwamm aufgesogen werden. Die Poren werden kleiner, der ganze Teint sieht frischer aus. Das ist viel effektiver als eine Creme.

Tut das nicht weh?

Es wird zuvor eine lokalanästhetische Salbe aufgetragen.

Und wie ist das mit dem medial so zelebrierten Nervengift Botox?

Botox hat eine andere Funktion. Hyaluronsäure ist ein sogenannter "Filler", es gleicht den Volumensverlust aus. Botox setzt an der Muskelschicht an. Wenn die Muskeln sich unter der Haut zusammenziehen, entstehen Falten. Das verhindert Botox, indem es Muskeln schwächt oder lähmt. Hier geht der Trend aber immer mehr in die Richtung, den Muskel nicht komplett zu lähmen, sondern ein “Mini Botox” zu machen, bei dem nur tiefe Falten abgeschwächt, aber die Mimik erhalten bleibt. Diese komplett glatten, maskenhaften Gesichter finde ich persönlich furchtbar. Kinder sollen ruhig sehen können, wenn Eltern grantig sind oder wenn sie sich freuen!

+++ Mehr zum Thema: Was ist dran an den Botox-Mythen? +++

Sie bieten Behandlungen mittels Ultraschall an. Wie kann ich mir das vorstellen?

Dabei wird die Kollagensynthese in der Tiefe durch Hitze angeregt. Das ist eine Art nicht-invasives Facelift unter Ultraschallkontrolle, die Faszien werden gestrafft, das Ergebnis hält ein paar Jahre an. Im Gegensatz zur Radiofrequenz, bei der die Hitze, die das Gewebe anregen soll, diffus abgegeben wird, kann man mit einem mikrofokussierten Ultraschall und unter ständiger Kontrolle am Bildschirm sehr gezielt arbeiten. Die Haut wird nicht verletzt, ähnlich wie bei einer Ultraschalluntersuchung.

Und was geschieht bei einem Fadenlifting?

Das ist ein ambulanter Eingriff unter Lokalanästhesie, der bis ins Unterhautgewebe geht und relativ schnell zu einer Straffung führt. Hier gibt es große Preisspannen und deutliche Unterschiede. Es gibt tiefere und oberflächlichere Fäden. Die tieferen Fäden erzielen einen stärkeren Effekt, kosten aber mehr. Meine Erfahrung ist, dass ein Fadenlift alleine meistens nicht die Erwartungen der Patienten erfüllt, eine Kombinationsbehandlung ist zufriedenstellender. Nicht jeder Patient ist dafür geeignet: Bei dünnerer, feiner Haut bringen Fäden nichts; Bei fester, noch nicht zu stark erschlaffter Haut kann ich gute Ergebnisse erreichen. Außerdem: Die Haltbarkeit der Fäden ist eher begrenzt.

Es heißt, man müsse sich als Frau entscheiden zwischen dem Allerwertesten und dem Gesicht. Man könne nicht beides haben...

Das stimmt auch.

Wenn ich also ausreichend zunehme, bekomme ich weniger Falten?

Diese Schlussfolgerung wird Internisten nicht freuen, weil damit hängen ja auch Bluthochdruck und Diabetes zusammen. Da gilt es schon, kosmetischen Nutzen und gesundheitliches Risiko gegeneinander aufzuwiegen…

Ab welchem Alter kommen denn die Patienten zu Ihnen in die Ordination?

Von 18 aufwärts. Die Patienten werden wirklich immer jünger. Davon halte ich aber wenig, ich schicke die alle weg, außer es steckt wirklich eine medizinische Indikation dahinter, zum Beispiel starke Kopfschmerzen, Migräne... Wenn da jemand Botox möchte, dann ist das für mich gerechtfertigt. Oder auch Behandlungen gegen starke Akne etc. 
Aber 18-jährige Mädels, die ihr ganzes Erspartes bringen, weil sie den Backenknochen und die Lippen ändern wollen 
 das finde ich wahnsinnig übertrieben und rate daher auch strikt davon ab.

Gibt es denn ein "perfektes Alter", in dem eine ästhetische Behandlung aus medizinischer Sicht sinnvoll ist?

Das ist individuell verschieden und hängt stark mit genetischen Faktoren zusammen. Wenn ein 25-Jähriger eine ganz starke Zornesfalte hat und sagt, die stört ihn einfach, er schaut immer so böse aus, finde ich es in Ordnung, etwas zu machen. Aber man muss echt streng unterscheiden: Was macht Sinn und was nicht?

Wenn es keinen Sinn macht, schicke ich die Leute auch wieder weg. Es gibt viele, die in Magazinen etc. etwas lesen und das dann gerne hätten, wo man aber schon von vornherein weiß: das funktioniert bei denen nicht, weil die Hautbeschaffenheit falsch oder das Gewebe schon zu sehr erschlafft ist.

Wonach entscheidet sich, ob eine bestimmte Behandlung zu einem bestimmten Patienten passt?

Unterschiedlich. Meine erste Frage an jeden Patienten ist: "Was stört sie? Und was erwarten Sie sich?" Wenn ich von vornherein weiß, ich kann die Erwartung des Patienten nicht erfüllen, dann lass ich’s auch bleiben, denn da wird keiner von uns glücklich. Jeder Topf findet letztlich seinen Deckel, das heißt auch jeder Patient findet den Arzt, der zu ihm passt. Wer das Alter komplett stoppen will und keine einzige Falte möchte, findet sicher auch jemanden, der das anbietet (und auch so aussieht). Meine Patienten sind Menschen, die einfach ein bisschen jünger und frischer aussehen wollen…

Eine Frage der Empathie: Den passenden Arzt finden

netdoktor.at: Apropos: Wie finde ich denn als Patient einen passenden Arzt?

Dr. Katrin Bartsch: Das ist eine Frage der Empathie und des Einfühlungsvermögens. Daher kann man das am Telefon auch so schwer abklären. Man sollte hinfahren und sich selbst ein Bild machen. Wichtig ist, zu schauen: Was bietet er an? Nur eine Methode oder ein breites Spektrum? Welche Präparate verwendet er? Ich würde darauf achten, dass qualitativ hochwertige Produkte verwendet werden. Das ist für den Patienten natürlich manchmal schwierig zu erkennen, aber man kann immer fragen und sich gegebenenfalls noch eine Zweitmeinung holen.

Und ich würde wirklich immer zu einem Arzt gehen. Auch Kosmetiker leisten gute Arbeit, aber spritzen lassen würde ich mir nur von einem Arzt. Die Anatomiekenntnisse müssen da sein! Es gibt immer wieder Patienten, die kommen mit Komplikationen und erzählen, dass ein Kosmetiker ihnen Hyaluronsäure gespritzt hat und sie sind sich nicht sicher, was das für ein Präparat war... Auch diese Gutscheinportale, die 100.- Euro Gutscheine fürs Lippenaufspritzen bewerben… das ist nicht gerade seriös.

Sind Komplikationen häufig?

Bei den großen, internationalen Kongressen gewinnen zunehmend die Komplikationsthemen Oberhand, weil es leider immer mehr Leute gibt, die Behandlungen anbieten, obwohl sie nicht entsprechend geschult sind. In Österreich ist das nicht erlaubt. Es wird aber trotzdem immer wieder angeboten...

Und wenn dabei mal was passiert?

Es gibt schwere Komplikationen. Beim Spritzen von Hyaluronsäure kann man zum Beispiel eine Arterie treffen, dadurch verschließt sie sich und es stirbt ein nachfolgendes Hautareal ab. Oder wenn Hyaluronsäure im Bereich der Zornesfalte gespritzt wird: Da gibt es ein kleines Gefäß, das zu beiden Augen hinführt. Hier sind Fälle von Erblindung dokumentiert. Also Sachen, die wenn man nicht sofort reagiert irreversibel sind.

Auch bei der Nasolabialfalte, mit der eigentlich jeder anfängt, der Hyaluronsäure-Unterspritzungen macht, weil es heißt, das ist so einfach und so super… da verläuft auch eine Riesenarterie. Wenn ich die verschließe, kann dem Patienten die ganze Nase abfallen. Als Arzt kann man natürlich sofort reagieren, wenn man etwas getroffen hat. Darauf ist man geschult, man spritzt Hylase, das Gegenmittel, das die Verstopfung wieder auflöst. Da gibt es ein striktes Behandlungsprotokoll, wie man die Arterien erweitert, damit das keine langfristigen Folgen hat.

Es kommen ja keine wirklich kranken Menschen zu uns, sondern nur solche, die einfach ein bisschen schöner aussehen wollen und die sollen dann nicht krank rausgehen. Das ist das allerwichtigste.

Gibt es auch Unverträglichkeiten oder Allergien?

Die gibt es. Bei Botox sind es meistens die Komplexproteine, an die das Produkt gebunden wird, die bei Patienten Reaktionen auslösen. Jede Ordination, die Botox anbietet, muss gerüstet sein, im schlimmsten Fall auf einen anaphylaktischen Schock zu reagieren.

Es gibt auch allergische Reaktionen vom Spättyp, wo erst nach längerer Zeit Granulome entstehen.

Was ist eigentlich mit Altern in Würde? Ist das out?

Zumindest ist es gesellschaftsfähiger geworden, ästhetische und kosmetische Behandlungen in Anspruch nehmen. Es wird mehr darüber gesprochen, es ist nicht mehr so ein Geheimnis. Allerdings geht der Trend weg vom “auf einmal so viel verändert aussehen” (wie z.b. bei einem Liftig) und hin zu Step-by-Step ein bisschen aufhalten.

Verliert man das irgendwann das Sensorium, was gut aussieht und was zu viel ist? Bei diversen Promis gewinnt man diesen Eindruck...

Ich glaub, dass das bei manchen wirklich verloren geht, dass man so fokussiert darauf ist, nur ja keine Falte zu bekommen, dass man das "G'spür" dafür verliert, was noch natürlich ist. Man muss aufpassen, es kann zu einer Sucht werden. Es besteht zwar keine körperliche Abhängigkeit, aber eine psychische ist möglich. Ich finde diese Maskengesichter, bei denen sich nichts mehr bewegt, furchtbar. Aber es ist Geschmackssache. Manche wollen das.

Was kann ich denn im Alltag tun, um das Altern ein bisschen aufzuhalten?

Viel trinken – also Wasser, nicht Alkohol. Auf entsprechenden Sonnenschutz achten. Nicht rauchen. Wenig StressViel Schlaf.

Und Kosmetikprodukte?

Alles in Maßen. Die Haut hat einen Säureschutzmantel, der sie davor schützt, dass Bakterien, Pilze, Keime eindringen können. Wenn ich den die ganze Zeit über beleidige, in dem ich rubble und ihn mit allen Arten von Peelings und ich weiß nicht was behandle, dann neigt die Haut zu Unreinheiten. Feuchtigkeitscreme ist gut. Aber weniger ist mehr und die teuersten sind nicht immer die besten.

Nahrungsergänzungsprodukte?

Nicht willkürlich. Die machen nur genau dort Sinn, wo man weiß, dass man ein Defizit hat, also zum Beispiel Vitamin D im Winter. Oder Zink vor einer Operation, um die Wundheilung zu fördern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Julia Wild

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

mehr...