Körperliche Veränderungen während der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft führt zu zahlreichen physiologischen Veränderungen. (Halfpoint / Fotolia.com)

Um eine optimale Versorgung es ungeborenen Kindes sicherzustellen, finden im Körper einer schwangeren Frau zahlreiche Veränderungen statt.

Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems

Schon relativ früh in der Schwangerschaft können spürbare Veränderungen an Herz und Kreislauf auftreten. Es kommt zu einer Zunahme der Durchblutung und einer Gefäßerweiterung, der Puls wird stärker und härter.  Vor allem an den Händen und Füßen ist die vermehrte Durchblutung oft in Form eines Wärmegefühles spürbar.

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Das Blutvolumen steigt etwa bis zur 36. Schwangerschaftswoche kontinuierlich an. Dabei vermehrt sich das Wasservolumen um 35 Prozent, die Zahl der roten Blutkörperchen steigt hingegen um nur 25 Prozent an. Daraus wird ersichtlich, warum sich bei schwangeren Frauen der Wert des Blutfarbstoffes (Hämoglobin) oder auch der Hämatokrit - der Anteil von roten Blutzellen in Prozent zum Gesamtvolumen pro Milliliter - vermindert. Man spricht dann von der natürlichen Schwangerschaftsanämie. Dadurch verbessert sich jedoch die Durchblutung an den mütterlich-kindlichen Austauschflächen im Mutterkuchen.

Der Grenzbereich für den Hämoglobinwert liegt heutzutage zum Zeitpunkt der Entbindung bei zwölf Prozent. Darunter liegende Blutwerte sollten Anlass zu einer Eisentherapie geben. Der Bedarf an Eisen beträgt im nicht-schwangeren Zustand drei bis 15 mg am Tag, während der Schwangerschaft verdoppelt sich der tägliche Bedarf auf etwa 30 mg.

Ebenso kann man einen leichten Anstieg der weißen Blutkörperchen beobachten.

Auch die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist während der Schwangerschaft ordentlich erhöht. Normalerweise sinkt das Blut in einem schmalen Röhrchen nur langsam. Liegt eine Entzündung oder ein Tumor vor, kann sich diese Geschwindigkeit stark erhöhen. Bestimmt wird die Geschwindigkeit durch die Konzentration von bestimmten Blutbestandteilen, die sich in der Schwangerschaft auch verändert zeigt.

Die Gerinnungsneigung des Blutes ist im Verlauf der Schwangerschaft erhöht. Dies wird als Schutzsystem während der Schwangerschaft und bei der Geburt angesehen.

Das Herz schlägt schneller. Dadurch steigt das Herzminutenvolumen an, also die Menge Blut, die in einer Minute durch den Körper gepumpt wird.

Der Blutdruck verändert sich erst im dritten Teil der Schwangerschaft, wobei dann der zweite, der diastolische Blutdruckwert ansteigt.

Durch Einnahme der Rückenlage kann der Blutdruck enorm sinken, bei gleichzeitigem Anstieg der Herzfrequenz. Es kommt auch zu einer Reduzierung der Nierendurchblutung um bis zu 50 Prozent. Man erklärt dieses Phänomen durch das Vena-cava-Kompressionssyndrom. Dabei wird die untere Hohlvene, welche das Blut aus der unteren Körperhälfte zum Herzen transportiert, durch die Lagerung zugedrückt.

Tipp: Öfter einmal auf der Seite liegen, den Bauch kann man z. B. mit den Stillkissen oder auch normalen Kopfkissen abpolstern. Dadurch verbessert sich der Blutrückstrom.

Die Venen, vor allem in den unteren Extremitäten, werden durch die wachsende Gebärmutter, die den Abfluss der unteren Hohlvene erschwert, gestaut. Der Druck in diesen Gefäßen steigt an. Bei Bindegewebsschwäche oder schon vorhandenen Krampfadern können die Venenklappen das Blutangebot bei dem gestiegenen Druck nicht mehr bewältigen. Sie schließen nicht mehr richtig und das Blut sackt zurück. Dadurch werden die Gefäße gedehnt und geschlängelt.
Solche Krampfadern gibt es auch im Bereich der Vulva, also dem äußeren Genitale, der Scheide und am After in Form von Hämorrhoiden.

Tipp:  Vermeiden von längerem Stehen und Sitzen; Beine öfter hochlegen. Bei ausgeprägten Befunden empfiehlt es sich, Stützstrümpfe zu tragen.

Veränderungen der Lunge

Schon recht früh in der Schwangerschaft kommt es zur subjektiv empfundenen Atemnot. Das Atemminutenvolumen steigt stetig an, wobei die Einatemtiefe vermehrt wird. Die Steigerung übertrifft den Sauerstoffverbrauch, somit liegt eine Hyperventilation vor.

Nicht durch den dicken Bauch begründet sich diese Hyperventilation, sondern man nimmt an, dass sich im Blut Gaskonzentrationen und Reserven verändern und dazu führen. Die Schwangere "schnauft" vergleichbar einer Nichtschwangeren bei leichter körperlicher Belastung.

Veränderungen an der Niere und Harnwegen

Die oben beschriebene Zunahme des Blutvolumens führt auch zu einer Steigerung der Nierendurchblutung. Durch die Zunahme wird natürlich auch mehr Urin gebildet, so dass die Schwangeren häufiger die Toilette aufsuchen müssen. Drückt das Kind in der Gebärmutter zudem auf die Blase, kann sich das Ganze nochmals steigern.

Durch die vermehrte Urinbildung steigt die Ausscheidung von Zucker im Harn an. Die Niere schafft es nur begrenzt, den Zucker aus der Flüssigkeit zurückzunehmen, und ist gerade am Anfang der Schwangerschaft etwas überfordert. Somit lässt sich im Urin Zucker nachweisen. Davon abzugrenzen sind Zuckererkrankungen während der Schwangerschaft, die ausgeschlossen werden sollten.

Während der Schwangerschaft werden die glatten Muskelzellen relaxiert, also entspannt. Dies soll auf die Wirkung des Progesterons zurückzuführen sein. So findet man gehäuft erweiterte Nierenbecken und Harnleiter. Meistens zeigt sich im Ultraschall die rechte Seite stärker aufgeweitet als die linke. Durch die Erweiterung und die entspannte Muskulatur der Harnleiter bleibt der Urin in den Harnleitern stehen. Somit kann er leichter mit aufsteigenden Keimen besiedelt werden, wodurch die Empfänglichkeit für Nierenbeckenentzündungen während der Schwangerschaft erklärt wird.

Veränderungen am Mund-Magen-Darmtrakt

Die Anfälligkeit der Zähne während der Schwangerschaft wird mit der veränderten Zusammensetzung des Speichels und einer Änderung der Durchblutung der Mundschleimhaut erklärt. Allerdings ist die geläufige Volksweisheit "Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn" nicht bewiesen.

Im Mundbereich kann es zu einer vermehrten Speichelproduktion kommen. Man nennt dies Ptyalismus. In seltenen, besonders ausgeprägten Fällen spricht man von Ptyalismus gravidarum. Häufig tritt gleichzeitig ein ausgeprägtes Schwangerschaftserbrechen auf.

Der Magen verändert im Verlauf der Schwangerschaft seine Lage. Durch die wachsende Gebärmuttergröße wird er nach links verlagert und gedreht.

Die Säureproduktion sinkt in den ersten 20 Wochen ab. Bis zur Geburt erreicht sie dann wieder fast normale Werte. Diese Subazidität (Untersäuerung) kann als Ursache dafür angesehen werden, dass sich bestehende Magengeschwüre manchmal in der Schwangerschaft bessern.

Das Sodbrennen, welches in 50 Prozent der Schwangerschaften Beschwerden bereitet, erklärt sich wiederum durch die entspannte glatte Muskulatur. Die Speiseröhre und der Verschlussmechanismus zwischen Magen und Speiseröhre sind geöffnet, und bei zunehmendem Druck im Bauch gelangt der angesäuerte Mageninhalt in die Speiseröhre zurück, vor allem beim Niederlegen. Es kann zu schweren Entzündungen der Speiseröhre kommen.

Die Entspannung der Muskulatur macht sich auch im Darm "breit". Das bedeutet, dass der Darminhalt nicht mehr durch die regelmäßigen rhythmischen Muskelaktivitäten transportiert wird, sondern liegen bleibt. Die Verstopfung oder Obstipation wird sehr häufig beschrieben, vor allem bei immer schon bestehender Neigung zur Darmträgheit. Es empfiehlt sich, zunächst einmal diätetisch eine Lösung zu finden. Morgens ein Glas Wasser, viel Flüssigkeit über den Tag verteilt, Zufuhr schlackenreicher Kost. Bewegung - der Schwangerschaft angepasst - gehört ebenfalls dazu.

Als Abführmittel sind Quellstoffe bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr bedenkenlos erlaubt. Bei ausgeprägter Verstopfung kann man sich auch medikamentöser Abführhilfen bedienen.

Veränderungen der Leber und des Stoffwechsels

Die Leber passt sich während der Schwangerschaft den zunehmenden Belastungen an, ohne dass es zu größeren Problemen kommt.

Der Kohlenhydratstoffwechsel ist bei Schwangeren stärker beeinflusst. Der Körper versucht, immer ein ausreichend hohes Angebot an Kohlenhydraten für das Kind bereit zu halten, indem der Zucker im Blut der Mutter nicht so leicht in die Zellen gelangt, indem die Insulinwirkung reduziert wird. Außerdem fördert ein Hormon aus dem Mutterkuchen die Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Bei Frauen mit einer unterschwelligen Zuckerkrankheit kann sich der Diabetes während der Schwangerschaft manifestieren und auffällig werden.

Der Fettstoffwechsel verändert sich im Verlauf der Schwangerschaft ebenfalls. Der genaue Weg, der zu einem Anstieg der Blutfette führt, ist noch nicht geklärt. Die Hyperlipidämie, so der Fachterminus, hält bis etwa sechs Wochen nach der Entbindung an.

Im Verlauf der neun Monate wird vermehrt Eiweiß aufgenommen und weniger ausgeschieden. Man spricht in solchen Fällen von einer positiven Stickstoffbilanz. Daraus werden die Zelleiweiße beim Kind gebildet.

Im Blut werden die Eiweißanteile etwas verdünnt und nur wenig ausgeglichen. Der Anteil von Albumin, einem Bindungseiweiß im Blut, sinkt stärker, vor allem im letzten Drittel.

Durch diese Verminderung kann Wasser einfacher in die Gewebe gelangen, weil ansonsten durch die Eiweiße das Wasser im Gefäß gehalten wird. Dabei handelt es sich um den so genannten onkotischen Druck. Durch die beschriebene Entwicklung kann man sich die Neigung zur Wassereinlagerung (Ödeme) im Gewebe erklären.

Veränderungen der Haut

Vor allem im letzten Drittel verändert sich die Färbung, also die Pigmentierung der Haut. Vor allem dunkelhaarige Frauen neigen zu einer verstärkten Färbung von Brustwarzen, Vulva, After und Nabelbereich.

An sonnenexponierten Stellen im Gesicht kann es zu Flecken kommen, die aus kosmetischen Gründen stören. Ausgeprägte Formen nennt man Chloasma uterinum. Diese Flecken bilden sich nach der Geburt meistens wieder zurück. Manchmal kann eine leichte Fleckenbildung zurückbleiben. Verwendet man später hormonelle Verhütungsmittel, können sich diese Pigmentverschiebungen wieder stärker abzeichnen. Man nimmt an, dass die vermehrte Ausschüttung eines Hormons aus dem Gehirn, welches die Pigmentzellen anregt, dafür verantwortlich ist.

Gegen Ende der Schwangerschaft und im Wochenbett kann es zu vermehrtem Haarausfall kommen. Nach einigen Monaten normalisiert sich das Haarwachstum jedoch wieder vollständig.

Die Haut kann während der Schwangerschaft durch vermehrte Dehnung abhängig von Anlagefaktoren Striae aufweisen. Vor allem Bauch, Brust und Gesäß sind betroffen. Es kommt zu einer oberflächlichen Hautverdünnung, wodurch die darunter liegenden Gefäße durchschimmern. Aus diesem Grund haben sie ein bläuliches Aussehen. Nach der Entbindung bilden sich die Striae zwar zurück, bleiben aber als narbenartige Streifen bestehen.

Die direkte Ursache soll eine Veränderung der elastischen Fasern in der Haut sein, die durch eine vermehrte Ausschüttung von körpereigenem Kortison aus der Nebenniere zustande kommt. Kortison "macht die Haut dünn". Das Ausmaß der Striae wird durch die persönliche Veranlagung zur Bindegewebsschwäche bestimmt. Eine wirksame Therapie dagegen existiert nicht.

Allerdings soll sich das regelmäßige Eincremen und Massieren positiv auswirken. Einen Versuch ist es jedenfalls wert. Die Entspannung, die solche Massagen bringen, ist auf jeden Fall nicht schädlich.

Veränderungen der Hormone

Während einer Schwangerschaft kommt es zu einer tief greifenden Veränderung des Hormongefüges zwischen dem Gehirn der Mutter, Eierstöcken und Mutterkuchen. Aber auch die anderen Hormone verändern sich.

In der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) werden vermehrt Stimulationshormone für die Nebenniere ausgeschüttet, auch Wachstumshormone werden vermehrt im Vorderlappen der Hypophyse gebildet. Die Schilddrüsenstimulation bleibt konstant.

Die Schilddrüse vergrößert sich im Laufe der neun Monate. Sie speichert mehr Jod. Allerdings kommt es nicht zu einer Überfunktion, der Hormonspiegel der freien vorliegenden Hormone bleibt gleich. Die Stoffwechselsteigerung wird durch den vermehrten Sauerstoffbedarf im Mutterkuchen erklärt und wird nicht durch die Schilddrüsenhormone beeinflusst.

Die Nebenniere wird während der Schwangerschaft größer und schwerer. Vor allem Kortison wird vermehrt gebildet, was im nicht-schwangeren Zustand eine Kortisonüberproduktion, den Morbus Cushing, zur Folge hätte. Das Kortison wird durch Bindung an ein Bluteiweiß abgefangen und wirkt nicht. Die Eiweißkonzentration ist abhängig vom Östrogenspiegel, der ja erhöht ist.

Auch andere Hormone aus der Nebenniere werden gesteigert produziert und ausgeschüttet, was bis dato aber noch nicht ausreichend erklärt werden kann.

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Quellen

Weyerstahl T., Stauber M.: Gynäkologie und Geburtshilfe; Georg Thieme Verlag KG Stuttgart; 4. Auflage 2013
 

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