Beratung nach einer Vergewaltigung

Jeder "Gewaltakt gegen emotionale, körperliche und geistige Integrität" (Susan Brownmiller) ist eine lebensbedrohende Erfahrung. Vergewaltigung ist ein Gewaltakt, der das Leben von Frauen massiv beeinträchtigt und/oder für sie traumatische Folgen haben kann.

Sexuelle Gewalterfahrungen erschüttern das Vertrauen in menschliche Beziehungen. Sie beeinträchtigen bzw. behindern das alltägliche Leben und sie wirken lange Zeit nach.

Mädchen und Frauen werden mit unterschiedlichen Formen sexueller Gewalt konfrontiert, und zwar in nahezu allen Lebensbereichen. Das gesellschaftliche Bestreben, sexuelle Gewalt als "abweichendes Verhalten" einzelner Täter jenseits alltäglicher Erfahrungen zu betrachten, widerspricht der sozialen Realität von Frauen. Respektlosigkeit und Übergriffe gehören zu ihrem "sozialen Alltag". Ebenso "normal" ist die Erfahrung, dass Täter häufig soziale Kontakte und Beziehungen nutzen, um sexuelle Gewalt ausüben zu können.

Was bedeutet das Erleben sexueller Gewalt?

  • unmittelbare Bedrohung, körperlich und seelisch verletzt zu werden,
  • die Erfahrung, dass Regeln, die für respektvolles zwischenmenschliches Verhalten gelten, außer Kraft gesetzt werden,
  • den Verlust der Kontrolle über die Situation,
  • den Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper,
  • den Verlust des Vertrauens in bisherige Beziehungserfahrungen,
  • die Erkenntnis, dass der eigene Wille missachtet und gebrochen werden kann,
  • dass der eigenen, möglichen Ambivalenz zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem Wunsch, Grenzen zu setzen, Gewalt entgegengesetzt wird.

Sexuelle Gewalt in der Gesellschaft

Für andere Lebenskrisen, die zu tief greifenden Verletzungen und Verstörungen führen, wie Tod, Trennung, Krankheit etc., gibt es mehr oder minder sinnvolle Ansätze für soziale Rituale und/oder gesellschaftliche Unterstützungsangebote. Sie sollen helfen, mit unbewältigbar scheinenden Lebenssituationen zurecht zu kommen und wieder zu sich zu finden.

Für die Situation nach einer Vergewaltigung sind kulturell und sozial getragene Verarbeitungsmöglichkeiten nicht vorgesehen. Im Gegenteil. Gesellschaftlich gebilligt war und ist die kollektive Verdrängung bzw. stillschweigende Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen. Hilfe, Unterstützung und adäquate öffentliche Reaktionen auf sexualisierte Gewalt wurden damit lange Zeit verhindert.

Was verursacht das Erleben sexueller Gewalt?

  • Todesangst,
  • Misstrauen gegenüber eigenen Wahrnehmungen und Einschätzungen,
  • Zweifel an bisherigen Einstellungen und Werten, die das Verhältnis zum Leben und zur Welt bestimmt haben,
  • den Verlust der Handlungsfähigkeit, auch in alltäglichen Lebenssituationen,

Drei Viertel der Täter gehören dem sozialen Umfeld der Frauen an. Sie sind also Bekannte, Freunde, Beziehungspartner oder Männer, die einer Frau im Alltag öfter begegnen. Die von Frauen beschriebenen Gefühle nach einer Vergewaltigung unterscheiden sich wenig voneinander. Sie erzählen von Scham, dem Wunsch, Erlebtes ungeschehen zu machen, vom Gefühl des Beschmutztseins und dem Ekel vor dem eigenen Körper.

Die körperlichen und seelischen Folgewirkungen

Die körperlichen und seelischen Folgewirkungen können sehr unterschiedlich sein:

  • Konzentrationsschwierigkeiten,
  • erhöhte Reizbarkeit,
  • Schlafstörungen, Alpträume,
  • Verminderung des Interesses an alltäglichen Aktivitäten und an eigenen Lebensperspektiven,
  • Amnesien,
  • Vermeidung bestimmter Aktivitäten und Situationen,
  • Vermeidung von Gedanken und Gefühlen,
  • unwillkürliche Körperreaktionen und überwältigende Ängste durch Erinnerungen an die Gewaltsituation,
  • immer wiederkehrendes Erleben der traumatischen Situation mit Bildern, Worten und Sinneseindrücken, die den Kontakt zur Realität beeinträchtigen bzw. unterbrechen

In jedem Fall sind die körperlichen und psychischen Folgen dem Erlebten individuell angepasste Reaktionen und daher normal, verständlich und notwendig.

 

Nach einer Vergewaltigung

Was kann frau für sich tun? Wobei unterstützt die Beratung?

Wichtig ist, sich "ausreden zu können". Psychische und körperliche Folgen einer Vergewaltigung benötigen Aufmerksamkeit, Zeit und Einsicht in den persönlichen Verarbeitungsprozess. Das Gespräch steht, wie in anderen problematischen Lebenssituationen auch, am Beginn von klärenden, und heilenden Prozessen. Die meisten Frauen versuchen, sich zuerst an ihnen nahe stehende Personen zu wenden. Sie suchen nach Möglichkeiten zur Aussprache, wollen herausfinden, wie sie mit den Folgen der Vergewaltigung zurecht kommen können, was ihnen in dieser Situation gut tut, und benötigen Aufmerksamkeit für ihren veränderten, verstörten Bezug zur Realität.

Die Reaktion von FreundInnen, Verwandten oder Bekannten hat grundsätzlich entscheidenden Einfluss auf die Bewältigungsmöglichkeiten von Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben.

Worauf Bezugspersonen besonders achten sollten:

Die eigenen Grenzen und die Grenzen der Hilfe suchenden Frauen sind zu beachten.

Vergewaltigung bedeutet immer eine massive Grenzverletzung, die sich über den Willen und die Persönlichkeit der Frauen hinwegsetzt. Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit werden daher in den Gesprächen mit vertrauten Menschen Thema sein.

Verständlicherweise möchten Bezugspersonen Rat- und Hilflosigkeit vermeiden. Außerdem führen Ohnmacht und Hilflosigkeit geradewegs zu Gefühlen der Ausweglosigkeit und Wut, und sind daher für jede Helferin, jeden Helfer alles andere als angenehm. Um diesen Gefühlen der Ausweglosigkeit zu entkommen, mündet die Unterstützung oft in ein Chaos voller Appelle und Ratschläge.

Die Flucht in die Aktivität verstärkt jedoch häufig den Druck auf Frauen und Mädchen und beeinträchtigt eine selbst bestimmte Entscheidungsfindung. Der Impuls, (vor)schnell zu agieren, Aktivitäten für die oder anstatt der betroffenen Frau einzuleiten, führt jedoch zu neuerlichen Grenzverletzungen und ist ein Alarmsignal für eigene Überforderung.

Einrichtungen, die zum Thema sexuelle Gewalt arbeiten, stehen daher meist auch FreundInnen, Bekannten und Verwandten zur Verfügung. Neben sachlichen Informationen können sie sich über die Auswirkungen sexueller Gewalt und die - ihnen oft unverständlichen - Verhaltensweisen der Opfer Klarheit verschaffen. Gefühle der Ratlosigkeit, Angst, Aggression und Ungeduld bzw. eigene Vorurteile und Schuldzuweisungen haben in der Beratung Platz und können reflektiert werden. Ziel ist es, eine Form der Hilfe zu finden, die den persönlichen Möglichkeiten der vertrauten Menschen, als auch der Situation der betroffenen Frau entspricht.

Welche Bedingungen garantieren Beratungsstellen?

Finden Frauen in ihrer unmittelbaren Umgebung keine Unterstützung oder ist diese Unterstützung durch Misstrauen, Vorurteile oder schlichte Überforderung begrenzt oder unmöglich, so können sie sich an Beratungsstellen wenden, die folgende Bedingungen garantieren:

Anonymität und Vertraulichkeit: Die Beratungsstelle arbeitet ausschließlich im Auftrag der betroffenen Frauen. Das Beratungsangebot ist nicht mit einer Anzeigenpflicht verbunden. Nur mit Wissen und Einverständnis der Frauen werden andere Institutionen miteinbezogen.

Geschützter Rahmen: Grundsätzlich sind die Räumlichkeiten der Beratungsstellen ausschließlich Frauen zugänglich. Die Gesprächsangebote schaffen Distanz zu äußeren gesellschaftlichen Zwängen, Erwartungen und Vorurteilen.

Parteilichkeit: Die Beraterin steht ohne Einschränkung auf Seiten der Frau. Die Lebenssituation der Frauen, die eine Beratung in Anspruch nehmen, ist Grundlage für die gemeinsame Arbeit. Ihre psychische, physische und soziale Konflikte werden als solche anerkannt.

Ganzheitlichkeit: Die gesamte Lebenssituation der Frauen wird in der Beratung berücksichtigt. Ebenso ihr soziales Umfeld, sowie die Bedeutung geschlechtsspezifischer Sozialisation. Der Fokus der Beratung beschränkt sich also nicht nur auf einzelne, problematische Lebenserfahrungen.

Selbstermächtigung: Assistenz, Aufmerksamkeit und Fürsorge sollen der Suche nach individuellen Formen der Verarbeitung und Bewältigung gelten. Die Beratungsbedingungen sollen Voraussetzungen schaffen, um eigenständige und selbstbestimmte Problemlösungen zu entwickeln und die Kontrolle über das eigene Leben wiederzuerlangen.

Das Beratungsangebot des Vereins Notruf - Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen

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Autoren:

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Quellen

Dieser Text wurde vom Verein Notruf - Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen verfasst.

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