Das Wohl des Kindes ins Zentrum stellen

Kindesmissbrauch hinterlässt oft lebenslange Spuren. Depressives Mädchen sitzt auf einer Treppe.
2 Fälle pro Tag: Das ist die traurige Statistik des Kindesmissbrauchs in Österreich. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. (martin-dm / iStockphoto)

Der Umgang mit Kindesmissbrauch erfordert den Blick über den Tellerrand des eigenen Fachgebietes. Was fehlt: Ausbildung, Qualitätsstandards, Geld.

Nadine ist 12 als ihre Mutter mit ihr ins Frauenhaus zieht. Der Vater hat das polizeiliche Betretungsverbot schlicht ignoriert, sodass die Mutter schließlich dem Rat der Sozialarbeiterin folgt und mit beiden Kindern im Frauenhaus Schutz sucht. Zunächst einmal, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Der Mann war wieder und wieder gewaltätig geworden, bei einer späteren Hausdurchsuchung wird die Polizei auch (nicht genehmigte) Waffen finden.

Für das zarte, freundliche Mädchen bedeutet das eine riesige Umstellung. Der aufwühlende Polizeieinsatz, dann weg von der eigenen Wohnung, von Schule und Freunden – und weg vom Vater, der ja auch seine liebenswerten Seiten hat. Seiten, die sie an ihm mag und vermisst.

Es dauert, bis Nadine sich eingewöhnt und öffnet. Doch je mehr das Gefühl der Sicherheit wächst, desto mehr wird ihr klar: Weg vom lieben Vater bedeutet auch weg vom bösen Vater. Weg von jenen Erlebnissen, die sie lieber vergessen mag, die einfach nur aufhören sollen... Und irgendwann vertraut sich Nadine einer Mitarbeiterin an. Erzählt – in ihrer eigenen Sprache und ihrem eigenen Tempo – vom sexuellen Missbrauch.

Die Maschinerie läuft an

Das könnte das Ende der Geschichte sein: Der Täter, nunmehr eines schweren Verbrechens beschuldigt, wird verhaftet. Gefahr gebannt. Die Familie kann zurück nach Hause. So ist es aber nicht. Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch Unmündiger ist nie das Ende der Geschichte. Es ist der Anfang.

Was nun folgt, ist ein monatelanger Weg, ein komplexer Prozess, an dem viele "Player" beteiligt sind: Polizei, Landeskriminalamt, Staatsanwaltschaft, forensische Gynäkologin, Kinder- und Jugendhilfe, Kinderschutzzentrum, psycho-soziale Prozessbegleiter...
Sie alle sind Rädchen in einem multiprofessionellen Puzzle, das letzlich dem Kindeswohl dienen soll, aber oftmals – durch die sehr technischen Abläufe des Geschehens – das Kind im Zentrum aus den Augen verliert.

Hier setzt der Verein PIKÖ an. Die "Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie Österreich" organisiert Fortbildungen, um Bewusstsein zu schaffen, für die Rollen die jeder Einzelne in einem Missbrauchsfall hat – und auch für deren Grenzen.

Fachrichtung "Kinderschutzmedizin"

Ein "Fachzertifikat für Kinderschutzmedizin", wie in Deutschland, gibt es in Österreich nicht. Zwar hat jede Kinderabteilung eines Spitals auch eine interdisziplinäre Kinderschutzgruppe, um Missbrauchsfälle abzuklären, jedoch ohne einen einheitlichen, gesicherten Qualitätsstandard.

"Wie zum Beispiel eine Untersuchung an Missbrauchsopfern durchgeführt werden kann, ohne diese zu retraumatisieren – das ist etwas, das kein Arzt in seiner Ausbildung lernt",  sagt Dr. Bernd Herrmann (Kinderklinik des Klinikum Kassel). Ganz klar: die sogenannte Kinder- und Jugendgynäkologie sitzt zwischen den Stühlen. Für die Kinderärzte gehört das Fach in die Gynäkologie. Für die Gynäkologen gehört das Fach in die Pädiatrie. Die Lösung? "Ausbildung und Interdisziplinarität", sagt Hermann, "Alle Berufsgruppen müssen das erst lernen. Aber, was wir diagnostizieren, etwa bei der Beweissicherung, hat lebenslange Auswirkungen auf die Familie – im Positiven, wie auch im Negativen. Da darf man sich nicht auf das Bauchgefühl verlassen. Es braucht klare Richtlinien und wissenschaftliche Evidenz." Eine Kinderschutz-Leitlinie ist in Deutschland gerade in Arbeit. Es wird die weltweit umfangreichste.

Ein verletzter Teddybär wurde mit Pflastern verarztet.
"Du wirst wieder heil": Die körperliche Integrität zurückgeben (Dena Hurlebaus / iStockphoto)

Heilen oder Spuren sichern?

Was für Hermann wichtig ist: "Das Wohl des Kindes muss immer im Fokus bleiben." Natürlich habe der Rechtsstaat das Anliegen, den Täter zu verurteilen, aber bei Missbrauchsopfern müsse stets "das Wohl des Kindes dem Wunsch nach Beweissicherung übergeordnet sein." Das bedeutet auch: Keine Untersuchung, die das Kind nicht will. "Wir sind keine Genitalchecker", sagt Hermann, "Wir sind Ärzte, keine medizinischen Detektive. Wir müssen einen kurativen [=heilenden – Anm.] Blick auf das Kind haben, keinen forensischen."

Zur Beweissicherung ist die Gynäkologie ohnedies ein untaugliches Mittel: 95% der missbrauchten Kinder haben keinen auffälligen Befund. "Alles normal" bedeutet allerdings nicht, dass nichts passiert ist. Es ist passiert. Man kann es nur nicht nachweisen...

Körperliche Integrität zurückgeben

Trotzdem. Die Untersuchung ist wichtig. Sie ist – wenn diese es zulassen – wichtig für die Kinder selber. "Ärzte können nicht die Seele heilen. Aber sie können die Integrität des Körpers bestätigen. Sie können sagen: Ja, das wird heilen." Missbrauchsopfer fühlen sich nur allzu oft nicht intakt. Hier liegt es am Arzt, dem Kind Sicherheit zu geben und zu bestätigen: Du bist normal.

Auch für Univ.-Doz. Dr. Katharina Schuchter hat die forensische Untersuchung großes therapeutisches Potential. "Ich lasse mir die Einwilligung zur Untersuchung immer von den Kindern unterschreiben", erklärt die Sachverständige für Gynäkologie. Eine Art Ritual, mit dem die Kinder ein Stück Autonomie über ihren Körper zurückgewinnen und die Gewissheit: Niemand darf mich berühren, wenn ich es nicht erlaube!

Schuchter: "Der respektvolle Umgang ist wichtig. Die Kinder erleben, dass jemand ihre Grenzen respektiert." Allein das sei schon ein heilsamer Prozess.
Auch die Fotodokumentation, die dem Gericht als Beweis gilt, spricht die Gynäkologin genau mit den Kindern ab. Viele Kinder werden im Rahmen ihres Missbrauchs fotografiert. Hier noch einmal Fotos des Intimbereichs zu machen, führt leicht zu einer Retraumatisierung. "Ich gebe den Kindern den Fernauslöser für die Kamera in die Hand. So haben sie die Kontrolle über die Fotos. Das erleben viele als große Erleichterung."

Es dauert viele Jahre

Diese Art von Akutintervention ist wirksam. Sie hilft, die Funktionalität im Alltag wieder herzustellen, wenn an eine Therapie noch gar nicht zu denken ist. "Die Kinder müssen so viele Fragen beantworten, bei der Polizei etc. – die wollen endlich ihre Ruhe haben und nicht schon wieder darüber reden", weiß Dr. Sabine Völkl-Kernstock von der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Außerdem sind es oft Teenager. Die haben echt andere Interessen, als zu einem 'Psycho' zu gehen."

Ihr Plädoyer: Das Kind muss in seiner Gesamtheit wahrgenommen und nicht auf ein schreckliches Ereignis reduziert werden. Auch missbrauchte Kinder haben Musik, die sie gerne hören, haben Freunde und Hobbies. Es sei wichtig, das Kind kennenzulernen und ihm einen geschützen Rahmen zu bieten. Aber nicht immer ist Therapie die richtige Lösung. "Nicht jedes Kind, will diese Lade aufmachen."

Zu den Forderungen nach Ausbildung und verstärkter Interdisziplinarität fügt die klinische Psychologin deshalb noch eine dazu: Die nach finanziellen Mitteln für Folgekosten – unabhängig davo, wann sie anfallen. "Vielleicht ist das Opfer erst zehn Jahre später so weit, in Therapie zu gehen. Dann muss ihm das ermöglicht werden."

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Fachtagung: SEXUELLE GEWALT an Kindern und Jugendlichen – Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Abklärung und Therapie (Wien, am 12.10.2017)

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.at


Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Katrin Derler, BA

Aktualisiert am:
Quellen

Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie Österreich: www.pikoe.at (Letzter Zugriff: 12.10.2017)
 

Weitere Artikel zum Thema

Wenn Kinder nicht weiter wissen, oder Missbrauch im Raum steht, gibt es Profis, die helfen. Die wichtigsten Anlaufstellen auf einen Blick

Unter sexuellem Missbrauch von Kindern versteht man jegliche willentliche sexuelle Handlung mit, an und/oder vor Kindern.

mehr...