Die Bewegungswelt der Kinder hat sich verändert

Junge Mutter lernt mit Kind Fahrrad zu fahren.
Junge Mutter lernt mit Kind Fahrrad zu fahren. (wong yu liang )

Bewegung ist unser erster Zugang zur Welt, sie prägt unseren sozialen Sinn, die Selbstwahrnehmung, körperliche Fähigkeiten. Wer Kinder zu Bewegung motivieren will, sollte auf Lust statt auf Leistung setzen - denn Kinder lernen spielerisch, aber nicht unter Zwang. Für Sport und Bewegung brauchen Kinder Raum, Zeit und Gelegenheit. Spätestens hier kommt die soziale Frage ins Spiel. Die werde in der Diskussion um kindliche Bewegung aber viel zu selten gestellt, sagt der Sportwissenschafter Univ. Prof. Dr. Michael Kolb.

Frage: Gibt es das Problem der dicker werdenden Kinder und Jugendlichen überhaupt oder ist das purer Kulturpessimismus?

Kolb: Das Problem gibt es - und gibt es zugleich nicht. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, dass alle Kinder dick werden und sich zu wenig bewegen, beobachten wir eine Drittelung: Ein Drittel der Kinder hat mehr Möglichkeiten und Chancen, als meine Generation sie je hatte - unterschiedliche Bewegungsangebote und alle möglichen Sportgeräte. Diese Kinder bewegen sich sehr intensiv.

Ein Drittel ist unauffällig, so wie früher. Und dann haben wir ein Drittel, bei dem wir tatsächlich Probleme sehen im Bewegungs- und Ernährungsverhalten: Diese Kinder bewegen sich zu wenig und essen relativ ungesund.

Frage: Woran liegt das?

Kolb: Das ist ganz klar ein Produkt sozialer Ungleichheit. Das sind oft Kinder mit Migrationshintergrund, übrigens mehr Mädchen als Buben, deren Eltern ein geringes Einkommen haben. Diese Kinder können an den Chancen, die moderne Welten bieten, schlicht nicht teilhaben, weil das immer an Einkommen und persönliche Ressourcen gebunden ist.

Frage: Sind Tipps für mehr Bewegung also sinnlos, wenn sie die sozialen Hintergründe von Menschen ignorieren?

Kolb: Ja - denn es gibt viele Menschen, die wenig über Gesundheit wissen, das Problem vielleicht gar nicht wahrnehmen und nicht die Ressourcen haben, sich darum zu kümmern.

Frage: Bestimmte Phänomene betreffen dennoch fast alle Kinder - etwa dass sichere Bewegungsflächen im öffentlichen Raum verschwinden, dass Verkehr und Motorisierung zunehmen, dass man schon in jungen Jahren vorm Computer sitzt. Welche Auswirkung hat das auf das Bewegungsverhalten der Kinder?

Kolb: Die kindliche Bewegungswelt hat sich seit den 50er-Jahren dramatisch verändert. Damals hat man, sagen wir es einmal so, noch nicht so sehr auf die Kinder geachtet; sie kamen aus der Schule, schmissen ihre Tasche in die Ecke und dann ging's los.

Sie hatten meistens relativ wohnortnah Möglichkeiten zu spielen, da gab es Brachräume, wo man das noch tun konnte. Ohne Aufsicht von Erwachsenen und ohne dass sich jemand groß gekümmert hätte.

Zugleich gab es so etwas wie eine Kinderspielkultur, indem die Älteren den Jüngeren etwas beigebracht haben. Es bedarf ja nicht nur der Räume, sondern auch der Kenntnisse über die Spiele. Und beides ist weitgehend verloren gegangen: Die Räume wurden verdichtet und das Wissen über die Kinderspiele ist weg.

Frage: Stichwort besorgte Eltern: Wächst die Angst der Eltern, dass sich die Kinder beim Spielen verletzen könnten? Und trägt das dazu bei, dass sich manche Kinder weniger bewegen?

Kolb: Gespräche mit Lehrkräften und Kindergartenpädagoginnen bestätigen, dass diese Angst zunimmt. Ich sehe das im Zusammenhang mit dem Trend zum "Kind als Projekt", das die Eltern bestmöglich aufziehen und natürlich vor Gefahren schützen wollen.

Es hängt wohl auch damit zusammen, dass die Eltern heute älter sind und wissen, was alles so passieren kann. Aber so ist das nun einmal: Wer sich bewegt, kann herunter fallen, sich aufschürfen, sich etwas brechen. Davor kann man Kinder nicht wirklich bewahren. Und wie soll ich meine Grenzen erfahren, wenn es nicht auch mal richtig schiefgeht?

Frage: Wie hat sich der Vereinssport auf das Bewegungsverhalten der Kinder ausgewirkt?

Kolb: Der Einfluss war dramatisch. Die Kinder sind in der Vergangenheit, wenn überhaupt, sehr viel später in Vereine gegangen. Heute hat man schon mit drei Jahren das Eltern-Kind-Turnen und das geht immer so weiter.

Der Zugang zu Bewegung und Sport ist heute weitgehend institutionalisiert - über kommerzielle Anbieter und den organisierten Sport. Das hat dazu geführt, dass Kinder zwar früher mit Sport beginnen, aber mit 14 oder 15 Jahren steigen viele schon wieder aus.

In den 50er- und 60er-Jahren haben Dutzende Kinder auf ein und demselben Fahrrad zu fahren gelernt. Sie haben das gemeinsam organisiert. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es sieht so aus, als ob das organisierte Sporttreiben das, was früher das selbstorganisierte Spielen war, nicht ersetzen kann.

Für die kindliche Entwicklung und das Sozialverhalten ist die permanente Anleitung gar nicht so gut. Es braucht informelle Räume, wo sich Kinder selbstständig bewegen und von den etwas Älteren lernen können.

Frage: Es geht also auch um stadtplanerische Fragen zu informellen Bewegungsräumen.

Kolb: Man muss sich fragen: Bauen wir lieber noch ein großes Stadion oder mehr frei zugängliche Bewegungsgelegenheiten, die möglichst dezentral verteilt sind? Es gibt einen großen Bedarf nach Letzterem.

Das Bewegungsverhalten der Bevölkerung verändert sich massiv, wenn es einfachen Zugang zum selbstorganisierten Sport gibt - also zum Joggen, zum Walken, zum Laufen usw. Dafür braucht man aber im Winter geräumte Laufstrecken, die beleuchtet sind, damit auch Frauen dort hingehen. Diese Maßnahmen erreichen mehr Menschen als eine qualitativ hochwertige, aber auf eine Sportart angelegte Halle.

Frage: Welche Maßnahmen könnten noch dazu führen, dass sich eine Gesellschaft mehr bewegt?

Kolb: Je größer die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft ist - also je größer der Abstand zwischen Arm und Reich - desto größer sind auch die gesundheitlichen Probleme in der Gesellschaft.

Dazu gibt es eindeutige internationale Studien: Länder, in denen die Ungleichheit nicht so groß ist, haben weniger gesundheitliche Probleme - schauen Sie nach Japan, Norwegen oder Schweden. Je größer die Differenz wird, desto höhere Gesundheitskosten muss eine Gesellschaft tragen - als Negativbeispiel dienen die USA.

Eine wichtige Schraube für mehr Bewegung ist also der Kampf gegen soziale Ungleichheit. "Health in all policies", insbesondere eine gute Sozial- und Bildungspolitik, ist die beste Gesundheitspolitik.

Frage: Haben Tipps für mehr Bewegung im Alltag dann überhaupt Sinn - wie jener, dass man am Weg zur Arbeit eine Station früher aussteigen und zu Fuß gehen soll? Geht das nicht völlig an der Lebensrealität der Menschen vorbei?

Kolb: Wer diesen Tipp befolgen will, muss eine halbe Stunde früher aufstehen, ganz einfach. Aber wer macht das schon? Viele Gesundheitstipps für den Alltag sind schlicht naiv und unrealistisch.

Uns ist klar, dass die Alltagsaktivitäten einen hohen Stellenwert haben und dass sie immer mehr abnehmen. Wir wissen auch, dass die Menschen Radfahren, Laufen usw. immer mehr in den Freizeitbereich verlagern und nicht als Alltagsaktivität betreiben.

Um das zu ändern, bräuchte es aber tiefgreifende Veränderungen: Man müsste zum Beispiel die Innenstädte für den Autoverkehr sperren und mehr für Fahrräder und Fußgänger öffnen. Das wird keiner wagen. Dabei hätten derartige Maßnahmen deutliche Gesundheitseffekte für alle, da kann man relativ sicher sein.

 

Danke für das Gespräch.

Zur Website des Institutes für Sportwissenschaft 

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

Die Entwicklung jedes Kindes ist individuell: Dies betrifft auch die Zähne. Alles was Sie zum Thema Zahnen wissen müssen.

zur Übersicht