Den Kindern Orientierung geben

Umfragen zeigen immer wieder aufs Neue: In der Theorie wissen Herr und Frau Österreicher bestens darüber Bescheid, welche Komponenten ein gesundes Leben ausmachen. Wenn es in der alltäglichen Praxis darum geht, die Sportschuhe aus dem Kasten zu holen und häufiger zur Gemüseplatte zu greifen, ist der Vorsorgegedanke jedoch schnell wieder in die hinteren Ecken des Gehirns verbannt. Wie sich die Bequemlichkeit schon von klein auf hintanhalten ließe, erklärt der Präsident der Wiener Ärztekammer, Prim. Dr. Walter Dorner, im Interview.

Bezahlte Einschaltung

Frage: Gesundes Wissen in gesunde Handlungen umzusetzen, stellt viele von uns vor ein beträchtliches Problem. Warum ist es Ihrer Meinung nach so schwer, den Präventionsgedanken in die Köpfe der Menschen zu bekommen und dort dauerhaft zu verankern?

Weil der Mensch von Natur aus bequem ist, und Prävention nun einmal einen geistigen Arbeitsprozess verlangt. Dieser Prozess sollte schon im Kindergarten und in der Schule beginnen, schließlich kann man Kinder ja zu sportlicher Betätigung anregen - eine Chance, die wir ungefähr bis zum 14. Lebensjahr haben. Allerdings braucht es in dieser Hinsicht auch mehr Bereitwilligkeit, die Bewegung richtig auf das Kind abzustimmen.

Frage: Ist dieser Mangel an Bereitwilligkeit Ihrer Meinung nach eine Frage der finanziellen Mittel oder eine Frage der sozialen Situation?

Ich würde sagen: An erster Stelle kommt die Bequemlichkeit, dann das Geld. An dritter Stelle steht die Zeitnot der Eltern.

Übergewicht in Österreich

  • Fast jeder zweite Mensch in Österreich ist übergewichtig.
  • 25 Prozent der österreichischen Kinder sind zu dick.
  • Etwa elf Prozent der österreichischen Bevölkerung sind krankhaft fettleibig.
  • Beinahe die Hälfte stirbt an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.
  • Der durchschnittliche Fettverzehr liegt zwischen 35 und 40 Prozent der Gesamt-Energiezufuhr. Empfohlen werden maximal 30 Prozent.
  • 60 Prozent der Bevölkerung betreiben keinen oder nur sehr wenig Sport (ein bis zweimal pro Monat), 18 Prozent sind dreimal wöchentlich oder öfter aktiv.

Quelle: Ärztekammer für Wien, 07/2006

Frage: Was würden Präventionsprogramme tatsächlich bringen?

Erstens würden Präventionsprogramme - wenn man sie rechtzeitig und früh genug ansetzt - dazu führen, dass wir beim Problem der Überernährung unserer Kinder einen großen Schritt vorwärts kommen. In Ergänzung dazu müssten die Schulen zusätzliche Turnstunden anbieten. Ich glaube allerdings auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer wieder etwas aktiver werden sollten. Früher - ich kann mich erinnern, meine Mutter war Lehrerin - wurde der Buchclub der Jugend organisiert, die Milchaktion und dies und jenes. Das wurde den Lehrerinnen und Lehrern nicht bezahlt.

Frage: Sie würden also in erster Linie im schulischen Bereich ansetzen?

Wir müssen schon vor der Schule ansetzen und den Kindern beibringen, dass Fastfood keine gesunde Nahrung ist. Tatsächlich muss man beginnen, sobald das Kind krabbeln kann. Man muss aber auch den Eltern wichtige Punkte beibringen, etwa dass Fruchtsaft nicht das ideale Getränk für Kinder ist, sondern normales Wasser.

Der zweite wesentliche Punkt ist die Zusammenstellung der Ernährung. Und damit haben sehr wohl auch wir Ärzte, insbesondere die Schulärzte, etwas zu tun. In den Wiener Schulen geschieht derzeit schon sehr viel. Zum Beispiel gibt es die "Gesunde Jause" - eine tolle Sache, die aber noch viel stärker ausgebaut werden muss.

Schließlich gibt es ja genügend Firmen, die gesunde Lebensmittel erzeugen und die sich diesbezüglich untereinander koordinieren könnten. Zehn dieser Institutionen könnten alle Wiener Schulen mit gesundem Essen versorgen. Die Kinder tragen das ja nach Hause. Und wenn nur jeder Dritte erkennt, dass das etwas Gutes ist, werden wir mit Sicherheit erfolgreich sein.

Das dritte wesentliche Element in der Prävention ist meiner Meinung nach die Vorbildwirkung der Eltern: Wenn die Eltern regelmäßig schon in jungen Jahren zur Vorsorgeuntersuchung gehen, auf gesunde Ernährung achten, Bewegung machen und das auch an die Kinder weitergeben, steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Nachwuchs an diesem gesunden Lebensstil orientiert.

Frage: Die wichtigsten Säulen effizienter Prävention sind für Sie also...

... das Vorbild, das Denken, die Anregung und das Ausloten effizienter Möglichkeiten, um schon im Kindergarten positiv einwirken zu können.

Frage: Was kann der Staat, was kann das Gesundheitssystem tun, um Menschen gesund zu halten?

Ich glaube, dass es mit großen Enqueten im Bundesamtsgebäude nicht getan ist. Das Thema muss jeden Tag aufs Neue in der Öffentlichkeit präsent sein. Der iSch war eine tolle Sache (Vorsorgeprogramm "innerer Schweinehund" des Gesundheitsministeriums, Anm.). Die Initiative ist aber eingeschlafen. Meiner Meinung nach hätte es genügt, wenn man das vier Jahre lang gepredigt und ausgebaut hätte.

Frage: Könnte der Staat nicht auch andererseits sagen: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied?

Nein, das kann man nicht. Dem Ministerium liegen ja alle Zahlen vor, und die Experten wissen zum Beispiel, wie gefährlich das Rauchen ist. Daher muss man sagen: Das ist eine ganz gefährliche Sucht, die man mit denselben schweren Mitteln bekämpfen muss, wie andere Süchte. Dazu wird wahrscheinlich in weiterer Folge auch der Alkohol gehören. Den Alkoholkonsum muss man auch an den Pranger stellen. Jetzt machen wir das einmal mit den Zigaretten.

Frage: Gibt es konkrete Konzepte oder Angebote von Seiten der Ärzteschaft?

Es gibt, gerade was die Ernährung anbelangt, exzellente Angebote, die zum Teil unter der Federführung von Prof. Widhalm von der Medizinischen Universität Wien entwickelt wurden. Wir haben auch sehr guten Kontakt zur Chefärztin des Stadtschulrates. Unterm Strich glaube ich aber, dass wir diese Bemühungen noch um mindestens 200 Prozent verstärken müssen.

Frage: Hat sich etwas verbessert, seit Sie diese Bemühungen angestellt haben?

Man muss sehr zufrieden sein. Nachdem es im heurigen Winter noch nicht ordentlich geschneit hat, ist man schon mit drei Millimeter Niederschlag zufrieden. Die Erfolge werden wir - wie ich hoffe - in fünf bis zehn Jahren sehen können.

Frage: Was möchten Sie den Menschen besonders ans Herz legen?

Es würde schon ausreichen, wenn jeder in der Früh und am Abend 20 Minuten zu Hause turnen würde. Idealerweise nach einem Übungsprogramm, bei dem möglichst jeder Muskel und jedes Gelenk einbezogen wird.

Frage: Wie sieht Ihre persönliche Präventionsstrategie aus?

Ich turne jeden Tag morgens und abends 20 Minuten. Auch wenn man mir das nicht so ansieht: Es bringt unendlich viel - auch mental. Ich trinke in der Früh einen halben Liter Grünen Tee, esse zwei Vollkornbrote, zwei Scheiben mageren Tilsiter und einen Esslöffel mageren Landfrischkäse. Zu Mittag gibt es eine Diätsuppe und dann esse ich um sechs Uhr am Abend. Danach nichts mehr. Wenn man zum Dickwerden neigt, muss man sich halten, das ist eine mentale Überwindung.

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