Kaiserschnitt: Wie erlebt ihn das Baby?

Was die Notwendigkeit eines Kaiserschnitts betrifft, sind Ärzte und Hebammen nicht in allen Fällen einer Meinung. (nata-lunata / Shutterstock)

Manche Frauen fordern ihn ein, manche hoffen, dass er ihnen erspart bleibt: der Kaiserschnitt. Was seine Notwendigkeit betrifft, sind Ärzte und Hebammen nicht in allen Fällen einer Meinung. Im Gespräch mit NetDoktor.at nimmt die Wahlhebamme Elisabeth Bauer die Perspektive des Kindes ein und äußert sich zur viel diskutierten vaginalen Steißlagengeburt.

Frage: Wie kann man sich einen Kaiserschnitt aus der Sicht des Babys vorstellen?

Antwort: Erst einmal macht es einen großen Unterschied, ob ein Kaiserschnitt aus dem Geburtsverlauf heraus notwendig wird oder ob es sich um einen primären, also einen geplanten Kaiserschnitt handelt. Im ersten Fall hat das Baby in der Regel selbst bestimmt, dass es auf die Welt kommen möchte. Es hat Wehen gespürt, die eine wichtige Funktion haben: Die Hautreizungen, die das Kind durch die Wehen erfährt, man kann sich das als eine Art Massage vorstellen, lösen beim Kind einen Adrenalinschub aus. Dadurch wird dem Kind vermittelt, dass die Geburt losgeht und dass es jetzt den Bauch der Mutter verlassen muss. Jedes Baby hat eine Art 'Geburtsschock', so man diesen Begriff verwenden will, aber für ein Baby, das zuvor Wehen gespürt und begonnen hat, sich durch den Geburtskanal vorzuarbeiten, ist dieser Schock weitaus geringer.

Noch dazu wird das Baby bei einem geplanten Kaiserschnitt etwa zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin auf die Welt geholt - also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Baby mit Sicherheit noch nicht bereit ist, von selbst auf die Welt zu kommen. Das Kind wird in keinster Weise darauf vorbereitet, dass heute sein Geburtstag ist, und wird völlig unmittelbar aus seiner Welt gerissen.

Aber natürlich ist der Kaiserschnitt für jedes Kind ein etwas herber Start ins Leben. Im Mutterleib ist es dunkel und warm, das Kind ist an den Herzschlag und die Stimme seiner Mutter gewöhnt. Im Operationssaal ist es aus hygienischen Gründen kühl, das Licht ist grell, das Baby kann der Mutter nicht, wie nach einer vaginalen Geburt, auf den Bauch gelegt werden. Auch das Bonding, der erste intensive Kontakt zwischen Mutter und Kind, kann nicht in vollem Ausmaß nach der Geburt stattfinden.

Frage: Kann man Babys, die mittels Plankaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, helfen, die Geburtserfahrung zumindest teilweise nachzuholen?

Antwort: Kinder sind quasi darauf programmiert, dass sie sich im Geburtskanal hinunterdrücken, abstemmen und drehen. Dieses Herausarbeiten, das für die meisten Kinder einige Stunden dauert, ist wichtig für die spätere Fähigkeit, sich selbst zu spüren. In der Osteopathie kann man diese Situation nachstellen. Auch Ergotherapeuten können durch gezielte Massagen und das Nachstellen des engen Raumes im Geburtskanal dem Baby helfen, die versäumte Erfahrung zum Teil nachzuholen. Durch Babymassage können natürlich auch die Eltern dem Baby helfen, sich selbst spüren zu lernen.

Frage: Welche weiteren körperlichen Vorteile haben Babys, die vaginal geboren werden?

Antwort: Kinder, die spontan geboren werden, tun sich meist unmittelbar nach der Geburt mit dem Atmen leichter. Das liegt unter anderem daran, dass das Wandern durch den Geburtskanal hilft, das Fruchtwasser aus den Lungen des Kindes zu pressen. Ein weiterer Aspekt betrifft den kindlichen Darm: Die Scheidenflora der Frau sorgt während der vaginalen Geburt für die erste Besiedelung des Darmes mit Keimen, was für die spätere Verdauung der Neugeborenen immens wichtig ist. Alle Babys haben mit einem noch unreifen Darm und Blähungen zu kämpfen, auf Kaiserschnitt-Babys trifft das aber sicher öfter zu.

Frage: Viele Frauen hadern bei einer Steißlage mit der Entscheidung zwischen Plankaiserschnitt und vaginaler Geburt. Wie ist Ihr Zugang zur Beckenendlage?

Antwort: Grundsätzlich bin ich dafür, eine vaginale Geburt zumindest zu probieren. Das ist leider gar nicht so einfach, weil es kaum noch Krankenhäuser gibt, die Schwangeren, Hebammen und Ärzten die Möglichkeit dazu geben. Wesentlich für die vaginale Geburt bei Beckenendlage ist ein erfahrenes Team. Es gibt bestimmte Handgriffe, die eine Geburtshelferin können muss, um ein Beckenendlagen-Baby sicher auf die Welt zu bringen. Das ist eine Kunst. Wenn sie immer mehr aus den Kreißsälen verbannt wird, ist das sehr schade, weil dieses alte Wissen zur Gänze verloren geht.

Ob eine vaginale Geburt möglich ist oder doch ein Kaiserschnitt durchgeführt werden muss, ergibt es sich letztendlich jedoch aus der Position, die das Kind eingenommen hat, und der Geburtssituation. Das Risiko für einen Kaiserschnitt ist bei einer vaginalen Beckenendlagen-Geburt natürlich größer. In jedem Fall hat das Baby aber den großen Vorteil, die Geburt initiiert und Wehen erlebt zu haben.

Frage: Für Ärztinnen und Ärzte ist bei Beckenendlage unter anderem das Größenverhältnis zwischen mütterlichem Becken und dem Kopf des Kindes ausschlaggebend. Was ist Ihre Erfahrung dazu?

Antwort: Nun, dass der Kindskopf zu groß für das mütterliche Becken ist, behaupten Ärzte sicher öfter, als es tatsächlich der Fall ist. Spricht man heute von einem Schädel-Becken-Missverhältnis, ist es eher so, dass sich das Köpfchen des Kindes so eingestellt hat, dass es nicht in der 'Ideallinie' durchs Becken wandern kann und dadurch ein natürlicher Austritt nur schwer möglich ist. Das gilt aber auch für Schädellagengeburten, also 'normale' Geburten. Was für mich bei der Entscheidung, ob man eine vaginale Geburt bei einer Steißlage riskieren kann, viel mehr zählt, ist neben den medizinischen Bedingungen vor allem die Einstellung der Frau. Wenn sie es sich von ganzem Herzen wünscht, es vaginal zu versuchen, sollte man ihr die Chance dazu geben. Eine Garantie, dass es nicht zu einem Kaiserschnitt kommt, gibt es ohnehin nicht.

Frage: Wie gut ist das Komplikationsrisiko bei einer vaginalen Steißgeburt kalkulierbar?

Antwort: Das ist sehr schwierig zu sagen. Natürlich darf man eine vaginale Beckenendlagengeburt nicht nur schönreden. Das Risiko für eine Komplikation ist bei einer vaginalen Steißgeburt größer als bei Schädellagengeburten. Die jurisitisch-medizinischen Formulare, die Frauen unterschreiben müssen, sind auch nicht wirklich motivierend. Aber gäbe es Aufklärungsreverse für eine vaginale Geburt bei Schädellage des Kindes, wären diese auch so formuliert, dass sich Schwangere vielleicht noch einmal überlegen würden, ob sie überhaupt gebären wollen. Ein gewisses Risiko gibt es einfach immer.

Ich habe schon viele schöne vaginale Beckenendlagengeburten betreut, bei denen ein primärer Kaiserschnitt wirklich schade gewesen wäre. Umgekehrt sieht man manchmal schon den Popo des Babys und muss dann die Geburt trotzdem mit einem Kaiserschnitt beenden. Das ist natürlich bis zu einem bestimmten Grad eine Enttäuschung für die Mutter, aber in so einem Fall sind Mutter und Baby eben so weit gekommen, wie es für beide möglich war.

Frage: Empfehlen Sie die äußere Wendung zur Vermeidung eines Kaiserschnitts bei Beckenendlage?

Antwort: Ich habe einige äußere Wendungen beobachtet und würde Frauen nicht unbedingt dazu raten. Es ist wirklich ein massiver Eingriff. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Babys, bei denen Platz und Nabelschnur eine Drehung ermöglichen, meist durch alternativmedizinische Methoden in die Schädellage locken lassen. Dazu zählen unter anderem das Moxen (Anm. der Redaktion: Hitzestimulation eines Akupunkturpunktes mit einer Beifußzigarre) der kleinen Zehe, Bachblütentherapie oder Shiatsu. Wenn das Baby in Beckenendlage bleibt, heißt das aber nicht, dass es nicht vaginal geboren werden kann.

Frage: Manche Frauen haben lange Zeit Probleme mit der Kaiserschnitt-Narbe oder fühlen sich regelrecht in zwei Teile geschnitten. Wie kann man eine gute seelische wie körperliche Narbenheilung fördern?

Antwort: Ganz wichtig ist, die Narbe entstören zu lassen, also den Energiefluss durch die Narbe zu harmonisieren. Da es sich bei den dabei verwendeten Praktiken um ganzheitliche Methoden handelt, wird die Seele dabei zum Großteil schon mitbehandelt. Auch spezielle Gruppen für Kaiserschnitt-Mamas, die in Hebeammenzentren und einigen Krankenhäusern organisiert werden, können beim Heilen der seelischen Narbe helfen. Dabei ist es aber wichtig, Dinge wirklich aufzuarbeiten und nicht nur im Kollektiv den Frust abzulassen. Der Fokus in der Nachbearbeitung sollte sein: Der Kaiserschnitt hat geholfen, dass das Baby und die Mutter gesund sind und dass es ihnen gut geht. Das ist ja letztendlich auch das Ziel, das man mit dem Kaiserschnitt verfolgen sollte.

Danke für das Gespräch.

Zur Person: Elisabeth Bauer ist frei praktizierende Hebamme, Wahlhebamme in Privatspitälern und im St. Josef Krankenhaus Wien. Sie ist Mutter von vier Kindern.

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Autoren:

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

In den meisten Kreißsälen gibt es eine Wanne, in der sich die Frau während der Wehen entspannen und ihr Kind auf die Welt bringen kann. …

zur Übersicht