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Studie: Wie wirksam sind Lockdowns?

Corona-Lockdown, Wirksamkeit
Wie wirksam sind Lockdown-Maßnahmen gegen Corona? (martin-dm / iStockphoto)

Was bringen die Lockdown-Maßnahmen tatsächlich? Eine neue Studie aus Stanford weckt Zweifel an der Wirksamkeit harter Eindämmungsmaßnahmen.

Welchen Effekt hat das Schließen von Geschäften und die häusliche Isolation der Bevölkerung auf das Infektionsgeschehen und die Ausbreitung von Corona? Dieser Frage wurde in einer erst kürzlich veröffentlichen Studie aus Standford unter der Leitung des amerikanischen Gesundheitswissenschafters und Statistikers John P.A. Ioannidis und dem Infektiologen Jay Battacharya nun nachgegangen.

Lockdown kaum wirksam

Im "Kampf gegen das Virus" spielen Maßnahmen eine Schlüsselrolle, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als "non-pharmaceutical interventions" ("nicht-pharmazeutische Interventionen“, kurz: NPI) bezeichnet. Dazu zählen bekannte Beispiele wie

  • Handhygiene
  • Maskentragen
  • Schulschließungen
  • oder Ausgangsbeschränkungen ("stay-at-home")

Ob und wie diese Maßnahmen tatsächlich gegen die Ausbreitung von COVID-19 helfen, dafür gab es bislang nur schwache bis sehr schwache wissenschaftliche Belege.

In der Studie aus Standford wurden nun die Auswirkungen und Wirksamkeit von Lockdown-Maßnahmen, wie sie in den zurückliegenden Monaten in nahezu allen Ländern der Erde in unterschiedlicher Ausprägung und Konsequenz durchgeführt worden sind, näher untersucht.

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Dazu wurden die Effekte strenger Lockdown-Maßnahmen – restriktive NPIs wie Ausgangsbeschränkungen oder Betriebsschließungen–, wie sie etwa in England, Frankreich, Deutschland, Iran, Niederlande, Spanien, Italien und den USA durchgeführt wurden, mit den Effekten weniger einschränkender Maßnahmen in Schweden oder Südkorea miteinander verglichen.

Dabei kamen sie zu dem ernüchternden Ergebnis:

"Nach Abzug der epidemischen und restriktiven Effekte konnten wir keinen klaren, signifikanten Einfluss durch die Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen erkennen", erklären die Autoren der Studie.

Demnach könne die Zahl der Infektionen auch mit weniger restriktiven Interventionen reduziert werden.

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Mehr Schäden durch Lockdown?

Den Forschern zufolge sei der erste harte Lockdown im Frühjahr als Reaktion auf die Pandemie nachvollziehbar gewesen, da es zu diesem Zeitpunkt noch kaum Erkenntnisse über das Virus gab. Vor allem an bestimmten Orten wie etwa Pflegeheimen oder auf Veranstaltungen sei dies auch notwendig gewesen, um ein "Superspreading" zu vermeiden, meinen die Autoren der Studie. Allerdings weisen sie darauf hin, dass die strengen Lockdown-Maßnahmen die negativen Folgen für die Gesellschaft nun nicht mehr rechtfertigen würden. Demnach würden die Folgeschäden deutlich überwiegen. Dazu zähle etwa:

  • die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage
  • Hunger
  • unterbleibende Schutzimpfungen
  • Zunahme von Nicht-COVID-Erkrankungen
  • häuslicher Missbrauch
  • Schädigung der psychischen Gesundheit
  • ein Anstieg der Suizid-Rate

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Ergebnisse widersprüchlich

Vergleicht man die Effekte der Länder mit den harten Restriktionen mit denen von Schweden und Südkorea, so sind die Ergebnisse nicht ganz eindeutig. So kam es in Schweden im Frühjahr zu keinem signifikanten Anstieg an Infektionen, während es in manchen Ländern (z.B. Deutschland, Italien und Spanien) mit harten Maßnahmen sogar trotz Lockdown einen Anstieg der Fallzahlen gab. Zudem konnte die Studie zeigen, dass "der Anteil von Covid-19-Toten in Pflegeheimen in Ländern mit harten Lockdown-Maßnahmen oft höher war, als in Ländern mit weniger restriktiven Maßnahmen." 

Auch laut einer Studie aus Österreich sind die strengen Maßnahmen wie Schulschließungen, Ausgangssperren und Reisebeschränkungen im ersten Lockdown ein Mitgrund für die steigende Sterblichkeit im Land. Ob die Todeszahlen trotz oder wegen des Lockdowns gestiegen sind, konnte allerdings bislang noch nicht geklärt werden.

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Freiwilliges Verhalten hilft am besten

Der Studie zufolge haben England, Frankreich, Deutschland, Iran, Italien, Niederlande, Spanien und die USA mit ihren Lockdowns, Schul- und Betriebsschließungen, sowie den Ausgangssperren und Hausarrest nicht besser bei der Reduzierung der Fallzahlen abgeschnitten als Schweden und Südkorea.

Laut Forscher habe der Appell an die Bevölkerung, sich der Gefahr von COVID-19 bewusst zu sein, das soziale Verhalten zu ändern sowie Hygienemaßnahmen einzuhalten, den größten Effekt auf die Eindämmung der Pandemie. Die Auswirkung des freiwilligen Verhaltens in der Bevölkerung sei in den untersuchten Ländern bereits eingetreten, bevor der Lockdown verhängt wurde.

"Mit anderen Worten, vor der Einführung von harten NPIs kam es zu einer Verringerung der sozialen Aktivitäten, die zu einer Verringerung des Fallwachstums geführt haben", erklären die Autoren.

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Gezielte Maßnahmen ohne Gefährdung

"Zusammenfassend konnten wir keine eindeutigen Beweise für die Wirksamkeit restriktiver Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie Anfang 2020 finden. Wir stellen dabei weder alle Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit noch die die koordinierten Kommunikationsmaßnahmen in Bezug auf die Pandemie in Frage. Aber wir konnten keine Beweise für einen zusätzlichen Nutzen von Geschäftsschließungen und Anweisungen, zuhause zu bleiben, finden. Die Daten können die Möglichkeit einiger Vorteile nicht vollständig ausschließen. Aber selbst, falls es einen Nutzen geben sollte, dürfte dieser nicht den vielfachen Schaden durch diese aggressiven Maßnahmen aufwiegen", heißt es in der Studie abschließend.

Die Forscher fordern daher gezieltere Maßnahmen im öffentlichen Gesundheitsbereich, um Infektionen wirksamer zu reduzieren, ohne dabei die Gesundheit der Bevölkerung durch strenge, restriktive Maßnahmen zu gefährden.

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Aktualisiert am:
Quellen

Ioannidis et al.:  Asessing Mandatory Stay-at-Home and Business Closure Effects on the spread of COVID-19. In: European Journal of Clinical Investigation. 05 January 2021. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/eci.13484 (letzter Zugriff: 18.01.2021)

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