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Großbritannien infiziert Freiwillige mit Corona

Labor, Virus
Das Virus wird den Probanden in einem Labor über die Nase verabreicht. (RyanKing999 / iStockphoto)

In einer Studie wollen britische Forscher herausfinden, welche Menge von SARS-CoV-2 nötig ist, um sich anzustecken. Die Ergebnisse sollen bei der Entwicklung von Medikamenten gegen COVID-19 helfen.

Wissenschafter aus Großbritannien wollen Studienteilnehmer absichtlich mit dem Coronavirus infizieren. Damit soll geklärt werden, welche Virusmenge von SARS-CoV-2 notwendig ist, damit sie ansteckend wird. Derzeit wird nach Freiwilligen für die Studie gesucht.

"Human Challenge"-Studie genehmigt

In Großbritannien haben nun die Behörden eine wissenschaftliche Studie genehmigt, die so in Österreich wohl kaum möglich wäre. Für ein besseres Verständnis des Coronavirus sollen Menschen absichtlich mit dem Erreger infiziert werden. Wie das Wirtschaftsministerium in London am Mittwoch (17.02.2021) mitteilte, dürfen an der weltweit ersten Studie dieser Art – einer sogenannte "Human Challenge"-Studie – bis zu 90 Probanden im Alter von 18 bis 30 Jahren teilnehmen. Die Studie soll unter anderem klären, welche Virusmenge für eine Infektion mit COVID-19 nötig ist. Man wolle zudem herausfinden, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert und wie Infizierte Viruspartikel in die Umgebung abgeben, hieß es. Verwendet werde der Corona-Erreger, der seit März 2020 in Großbritannien grassiert, und nicht die weitaus ansteckendere Variante B.1.1.7, die im Herbst 2020 in Südostengland erstmals aufgetreten ist.

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Freiwillige gesucht

Mit der Untersuchung soll in den kommenden Wochen gestartet werden, berichtet das Ministerium. Die Ergebnisse der Studie sollen bis Mai nächsten Jahres vorliegen und bei der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gegen COVID-19 helfen. Die britische Regierung fördert das Projekt des Londoner Imperial College in Zusammenarbeit mit dem Londoner Royal Free Hospital mit 33,6 Millionen Pfund – umgerechnet 38,6 Millionen Euro. Für die Studie werden derzeit gesunde, junge Menschen gesucht, die bisher keine Infektion mit SARS-CoV-2 hatten und noch keine Corona-Impfung erhalten haben.

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Ermittlung ansteckender Virusmenge

Wie das Imperial College bereits im Oktober 2020 erklärte, sei das Ziel in dieser ersten Phase, "die kleinste Virusmenge festzustellen, die nötig ist, damit eine Person COVID-19 entwickelt." Nach der Ansteckung mit dem Virus über die Nase wollen die Wissenschafter die Immunantwort der Probanden genau beobachten. "Der große Vorteil dieser Studien mit Freiwilligen ist es, dass wir jeden Freiwilligen nicht nur während der Infektion, sondern auch vorher sehr sorgfältig untersuchen und genau herausfinden können, was in jedem Stadium passiert", erklärte Peter Openshaw, Professor für experimentelle Medizin am Imperial College gegenüber der BBC.

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Sicherheit als oberste Priorität

Um die Teilnehmer so gut wie möglich zu schützen, müsse die Verabreichung des Virus in einer "sicheren und kontrollierten" Umgebung stattfinden, hieß es. Bereits im Oktober 2020 versicherte Chris Chiu von der Imperial-Abteilung für Infektionskrankheiten: "Unsere oberste Priorität ist die Sicherheit der Probanden." Zwar sei keine Studie komplett risikofrei, allerdings hätten britische Forscher viel Erfahrung mit Studien mit einer absichtlichen Infektion von Probanden, so Chiu. Um die Sicherheit der Probanden zu gewährleisten, sollen während der Studie zudem rund um die Uhr Sanitäter und Ärzte bereitstehen.

Testung von Impfstoffen

Nach dieser ersten Phase sollen die freiwilligen Teilnehmer Corona-Impfstoffe erhalten, die sich in klinischen Tests bereits als wirksam erwiesen haben. Auf diese Weise sollen die wirksamsten Vakzine ermittelt werden, so Chiu. "Während es sehr positive Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung gab, wollen wir die besten und wirksamsten Impfstoffe für die langfristige Nutzung finden", erklärte der britische Wirtschafts-Staatssekretär Kwasi Kwarteng. Die nun genehmigte Studie soll auch bei einer schnelleren Entwicklung neuer Corona-Impfstoffe helfen.

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Umstrittenes Verfahren

Sogenannte Provokationsstudien – englisch "Human Challenge Trials" genannt – sind unter Wissenschaftern umstritten. Befürworter argumentieren, dass sie die Entwicklung medizinischer Wirkstoffe beschleunigen können. So sei es etwa im Falle von COVID-19 möglich, die Wirksamkeit eines Impfstoffs unmittelbar festzustellen, indem man Menschen impft und anschließend unter kontrollierten Bedingungen mit dem Virus infiziert. Auf diese Weise könnte schon nach zwei Wochen festgestellt werden, ob die Impfung gegen das Virus wirkt. Ganz anders als bei herkömmlichen Zulassungsverfahren, die meist mehrere Monate dauern. Kritiker verweisen jedoch auf die hohen gesundheitlichen Risiken, die sich für Probanden bei solchen Provokationsstudien ergibt. Schließlich ist bis heute nicht abschließend geklärt, welche Folgeschäden sich hinter einer Infektion mit SARS-CoV-2 verbergen. Gesunde Menschen bewusst mit dem Coronavirus zu infizieren, wäre also ethisch fragwürdig. Auch geben Experten zu bedenken, dass Ansteckungen unter künstlichen Bedingungen nicht mit "echten" Infektionen im Alltag vergleichbar sind. "Human Challenge"-Studien könnten zudem ein verfälschtes Bild aufzeigen, da Erkenntnisse, die nur mit jungen, gesunden Menschen gewonnen wurden, möglicherweise nicht auf Ältere und chronisch Kranke – also auf Risikogruppen – übertragbar sind.

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