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Pandemie als Gesundheitsrisiko für Patienten ohne Corona

Intensivstationen, COVID-19
Sind die Intensivstationen überlastet, sterben auch mehr Menschen, die nicht an COVID-19 erkrankt sind. (Morsa Images / iStockphoto)

25 Prozent der Übersterblichkeit sind auf Patienten ohne COVID-19 zurückzuführen. Für sie stellt die Pandemie auch abseits von Corona ein Gesundheitsrisiko dar.

Wie eine länderübergreifende Studie der Austrian Health Academy über die erste Phase der Corona-Krise zeigt, sind nicht nur Menschen mit COVID-19 von der Pandemie betroffen, sondern auch andere Patienten.

Überlastete Intensivstationen

Grund dafür ist einerseits die steigende Auslastung der Intensivstationen. Der Studie zufolge erhöht sich die Sterblichkeit um 3,5 Prozent, wenn sich die Kapazität der Stationen um 10 Prozent verringert. Die steigenden Sterbefälle bei Nicht-COVID-19-Patienten sei demnach zu 85 Prozent auf die Überlastung der Intensivstationen zurückzuführen.

Lockdown als Gesundheitsrisiko

Der zweite Grund für die steigende Sterblichkeit sind laut Studie die strengen Lockdown-Maßnahmen, die mit dem sogenannten Stringency-Index gemessen wurden. Zu diesen Maßnahmen zählen u.a.:

  • Schulschließungen
  • Ausgangssperren
  • Reisebeschränkungen

Im ersten Lockdown (KW 15), lag der Index bei 8.184. Erhöht sich dieser Wert um 1.000 Punkte, so steigt die Sterblichkeit um 0,6 Prozent, heißt es in der Studie.

Die möglichen Infektionsgefahren, die in den Medien und von den Behörden hervorgehoben wurden, haben laut Studienautoren in der Bevölkerung der EU-Länder zusätzlich Angst erzeugt. Daher sind viele Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden zu spät oder gar nicht ins Spital oder zum Arzt gegangen. "Die Bevölkerung wurde im ersten Lockdown ja sogar dezidiert dazu aufgefordert", kritisiert Ludwig Kaspar, einer der Studienautoren.

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60 zusätzliche Todesfälle pro Woche

Aus der Studie geht hervor, dass 25 Prozent der Übersterblichkeit während der Pandemie auf die Sterblichkeit von Menschen ohne COVID-19 zurückzuführen sind. Sowohl die Auslastung der Intensivbetten als auch der strenge Lockdown würden demnach:

  • in Österreich zu 60 zusätzlichen Todesfällen pro Woche,
  • in Italien zu 500 zusätzlichen Todesfällen pro Woche und
  • in Deutschland zu 750 zusätzlichen Todesfällen pro Woche führen.

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Österreich noch wenig betroffen

Derzeit ist die vorgesehene Kapazität für COVID-19-Patienten in den Spitälern zu etwa 70 Prozent ausgelastet – das entspricht etwa 30 Prozent der gesamten Intensivbettenkapazität in Österreich. Studienautorin Maria Hofmarcher macht allerdings deutlich: "Österreich war bisher dank einer hohen Dichte an Intensivbetten von einer sehr starken Bettenauslastung vergleichsweise wenig betroffen, der Druck steigt aber." Laut Hofmarcher hätten der Lockdown und die Ängste der Bevölkerung allerdings wohl einen weit höheren Effekt auf die Nicht-COVID-Sterblichkeit in Österreich als die Auslastung der Intensivstationen.

Multifaktorielle Sterblichkeit

(AGES – Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit/HS&I Health System Intelligence e.U.)

Die Autoren verglichen im Rahmen der Studie die wöchentliche Nicht-COVID-Sterblichkeit in mehreren europäischen Ländern sowie in den Jahren zwischen 2016 und 2019. Basierend darauf kamen sie zu dem Ergebnis, dass in den jeweiligen Ländern folgende Faktoren eine Rolle bei der wöchentlichen Nicht-COVID-Sterblichkeit spielen:

  • Intensivbettendichte
  • Altersstruktur
  • Vorerkrankungen
  • strukturelle Unterschiede

Art der Finanzierung wichtig

Demnach sei die Finanzierung der Gesundheitssysteme ein wesentlicher Faktor: Während die Systeme in Ländern wie Österreich, Deutschland oder Frankreich in erster Linie von Beiträgen der Versicherten und der Arbeitgeber finanziert werden, werden sie in Italien, Spanien, Schweden oder Großbritannien mehrheitlich über allgemeine Steuern finanziert. Wie aus der Studie hervorgeht, verfügen stärker steuerfinanzierten Länder über relativ wenig Intensivbettenkapazitäten und kommen bei außergewöhnlichen Belastungen schneller an ihre Grenzen als Länder wie Österreich oder Deutschland. "Für mich als Intensivmediziner ist klar, dass durch die niedrigen Intensivkapazitäten das Mortalitätsrisiko steigt", so Kaspar.

Untersterblichkeit im Sommer

Einen weiteres interessantes Ergebnis der Studie: In manchen Ländern ist die Sterblichkeit im Sommer zum Vorjahr gesunken. Laut Studienautoren könnte das daran liegen, dass Menschen mit bereits schlechtem gesundheitlichen Zustand oder durch schlechte medizinische Versorgung im Frühjahr durch COVID-19 frühzeitig verstorben sind. Wie auch in Belgien und Frankreich gezeigt werden konnte.

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"Alle müssen versorgt werden"

Die Experten sind sich jedenfalls einig: der Lockdown im Frühjahr hätte besser mit gesundheitlichen Maßnahmen begleitet werden müssen. "Alle müssen versorgt werden, damit Menschen nicht vorzeitig sterben", so Hofmarcher. Zudem kritisiert die Expertin die mangelnde Verfügbarkeit von Daten und fordert ein besseres Gesundheits-Monitoring der Bevölkerung . Nur so könne festgestellt werden, warum so viele Menschen von der Pandemie betroffen sind, die sich nicht mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Die Studienautoren verlangen außerdem mehr Investition ins Gesundheitswesen, um Österreich besser durch die Corona-Krise zu bringen. Im Vergleich zu Deutschland schneidet Österreich im Krisenmanagement deutlich schlechter ab: Dort werden für das Corona-Krisenmanagement pro Kopf 302 Euro investiert, in Österreich sind es lediglich 55 Euro. Österreich bräuchte demnach Investitionen in der Höhe von 3,2 Milliarden Euro. "Wir müssen dieses Geld jetzt für Prävention und Versorgung in die Hand nehmen, in Umschulungen investieren und Menschen in nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen besser entlohnen", fordert Hofmarcher.   

Zweite Welle mit höherer Sterblichkeit

Im kommenden Jahr wollen die Experten auch die Sterblichkeitsrate in der zweiten Welle genauer untersuchen. Kaspar merkt bereits an: "Es gibt eine Untersuchung, die zeigt, dass es in der zweiten Novemberwoche eine Übersterblichkeit von 700 Personen gab, 400 davon sind auf COVID und 300 auf Non-COVID zurückzuführen." Durch die derzeitige, hohe Intensivbettenauslastung sei zu erwarten, dass es zu einer "auffallend höheren Non-COVID-Sterblichkeit" kommen wird, so die Studienautoren.

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Aktualisiert am:
Quellen

Christopher Singhuber, Ludwig Kaspar, Maria M. Hofmarcher (2020): Fast Track: Intensivkapazitäten und Sterblichkeit - Eine Analyse der COVID-19 und der Non-COVID-19-Mortaltität: http://www.healthsystemintelligence.eu/docs/05_12_aha_HS&I_FT_IntensivKAP&Sterblichkeit.pdf  (Letzter Zugriff. 09.12.2020)

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