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Was macht das Coronavirus mit unserer Psyche?

Coronavirus Auswirkungen Psyche
Was macht die Krise mit unserer seelischen Gesundheit? (Pogonici / iStockphoto)

Die Angst vor dem Coronavirus und seinen Folgen wächst in der Bevölkerung. Wir haben mit em.O.Univ.Prof. Dr.h.c.mult. Dr.med. Siegfried Kasper, Psychiater und Neurologe am Zentrum für Hirnforschung sowie emeritierter Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der MedUni Wien, im Interview darüber gesprochen, woher diese Angst kommt und wie man mit ihr in Zeiten wie diesen am besten umgeht.

1. Egal ob Sondersendungen im Fernsehen, Nachrichten-Ticker oder Verschwörungstheorien und Fake-News in den sozialen Medien: Tagtäglich erreichen uns neue Meldungen zum Coronavirus SARS-CoV-2. Was macht das mit den Menschen? Woher kommen dieses Bedrohungsgefühl und diese Angst in der Bevölkerung?

Prof. Kasper, Zentrum für Hirnforschung, Medizinische Universität Wien: Diese Situation führt zu einer Verunsicherung, da wir aus unserer Routine herausgerissen werden. Das Bedrohungsgefühl kommt daher, dass es für uns alle eine vollkommen neue Situation ist. Zunächst haben sich die Menschen gefragt, ob das tatsächlich alles stimmen kann, was derzeit gerade passiert. Wenn man dann hinausgeht und plötzlich gähnende Leere vorfindet, entsteht verständlicherweise auch die Frage, was als nächstes kommt.

2. Welche psychologischen Mechanismen laufen hier ab?

Als psychologische Mechanismen kommen einerseits Verdrängung («Es ist nicht so schlimm», «Mich wird es nicht treffen») andererseits Projizierung («Ich bin stark genug und habe ein ausgezeichnetes Immunsystem», «Es wird einen anderen treffen und wenn es mich trifft, nicht so schlimm, da ich ja stark bin»). Diese Projizierung ist insofern von besonderer Bedeutung, da diese Menschen «noch» nicht erkannt haben, dass sie Träger sein können und andere Menschen damit gefährden. Auch wenn sie selbst nicht erkrankt sind. Weitere Mechanismen wären u.a. Rationalisierung («Ich bleibe in einem sicheren Abstand zu anderen Menschen») bzw. komplette Leugnung. Auch eine paranoide Abwehr ist möglich, bei der sich die Menschen einreden, die Situation wäre von fremden Mächten gesteuert.

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3. Gibt es so etwas wie eine «gesunde Angst»? Wann werden Ängste krankhaft? 

Eine ängstliche Erwartungshaltung ist sicherlich als gesund einzuschätzen. Aber ein sich weitgehend oder ausschließliches Beschäftigen mit der Angst, zu erkranken, ist als krankhaft einzuschätzen. Das bedeutet, wenn man durch diese Ängste an der Gestaltung des Tagesablaufes behindert oder sogar verhindert ist – wie die Maus vor der Schlange erstarrt , dann ist dies als krankhaft einzuschätzen.

+++ Mehr zum Thema: Angststörungen +++

4. Wovor haben die Menschen derzeit konkret Angst? Worüber machen sie sich Gedanken? 

Erkrankte haben verständlicherweise Angst davor, dass es für sie ebenso schlimm ausgehen wird, wie in den anderen betroffenen Ländern, das heisst, dass sie daran sterben werden. Das würde ich als Realangst (Anmerk.: die Angst vor einer äusseren Begebenheit, die eine tatsächliche Bedrohung darstellen kann) bezeichnen. Ebenso besteht bei gesunden Menschen die Realangst, sich zu infizieren.

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5. Viele haben derzeit Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Andere wiederum müssen arbeiten gehen und haben Angst, selbst zu erkranken. Wie können Arbeitgeber ihren Angestellten die Angst nehmen? 

Auch bei der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, handelt es sich um eine Realangst. Sie ist also in vielen Fällen leider gerechtfertigt. Betroffene können sich derzeit nur auf das Sozialhilfepaket der Regierungen verlassen, das finanzielle Unterstützung in Aussicht stellt.

Arbeitgeber können ihren Arbeitnehmern die Angst insofern nehmen, indem sie entsprechende Vorsorgemassnahmen treffen, also Regularien für den Umgang in dieser Zeit schaffen, wie z.B.:

  • Abstand zu anderen Menschen bzw. Arbeitskollegen halten
  • kein Aufenthalt in Pausenräumen und Küchen
  • Abgabe von Schriftstücken nicht direkt bei einer anderen Person, sondern in einer Ablage auf einem Tisch
  • bei Kontakt mit Kunden/Patienten Masken tragen
  • etc.

6. Wie können Eltern ihren Kindern die Angst vor dem Coronavirus und seinen Folgen nehmen?

Kinder gehen damit meist realistischer um. Sie freuen sich, dass sie nun mit ihren Eltern enger zusammen sind und mehr Zeit verbringen. Kinder können meist eine realistische und panikfreie Mitteilung gut verkraften. Eltern sollten jedoch den Kindern klare Handlungsanweisungen geben, wie z.B. dass sie die Großeltern nicht besuchen dürfen etc.

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7. Wer hat mit psychischen Herausforderungen derzeit besonders zu kämpfen?

Mit psychischen Herausforderungen haben nun besonders ältere Menschen zu kämpfen, da sie von der derzeitigen Situation besonders betroffen sind: sie dürfen nicht einkaufen gehen, nicht besucht werden, etc. Das medizinische Personal, das sich an die strengen Vorschriften halten sollte, ist ebenso stark gefordert.

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8. Welche Rolle spielen die Medien und sozialen Netzwerke in der Entstehung von Ängsten der Menschen? 

Die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Derzeit ist in Österreich eine sehr gute Aufklärungsarbeit mit klaren Botschaften gegeben. Die Medien sollten bei aller Schwere der Situation den Menschen auch immer einen Weg aufzeigen, wie man aus dieser Krisenzeit hinauskommt, das heisst, Handlungsanweisungen geben, wie man diese Krise selbstverantwortlich überwinden kann.

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9. Was raten Sie bezüglich der Mediennutzung? Wie sollen sich die Menschen verhalten?

Die Menschen sollten die Medien nicht zu viel nutzen. Sich dreimal am Tag über die Lage zu informieren, reicht aus, um auf aktuellem Stand zu bleiben.

10. Viele Menschen sind derzeit in Quarantäne oder Isolation. Welche Auswirkungen hat das auf die Psyche der Menschen?

Interessanterweise haben Notsituationen meistens einen korrigierenden Charakter auf psychische Leiden. Das bedeutet, psychisch kranke Menschen besinnen sich darauf, dass es noch schlimmere Situationen gibt als ihre eigene Erkrankung. Was ihnen in dieser Zeit wichtig ist, ist vor allem, dass sie einen Arzt erreichen können, wenn sie Hilfe benötigen. Wenn Betroffene etwa die E-Mail-Adresse ihres behandelnden Arztes bekommen, ist das von einem nicht zu unterschätzenden Wert.

11. Wie kann man den psychischen Folgen einer Quarantäne bzw. Isolation vorbeugen?

Am besten kann man psychischen Folgen vorbeugen, indem man sich selbst den Tagesablauf strukturiert, der sonst meist durch das Berufsleben vorgegeben ist. Bei engen Wohnverhältnissen kann es helfen, die Räumlichkeiten je nach Tätigkeit einzuteilen, z.B. in einer Ecke wird gearbeitet, in einer wird gespielt und in einer anderen erholt man sich. Das ist insbesondere bei Familien mit Kindern wichtig, bei denen die Eltern Homeoffice machen.

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12. Haben Sie Tipps gegen die Angst in der Bevölkerung? Was können Betroffene tun, um nicht in Panik zu verfallen?

Wie schon erwähnt, ist es aus meiner Sicht das Beste, sich selbst Regularien aufzuerlegen, die mit den Familienangehörigen abgesprochen sind und die einen regelmässigen Tagesrhythmus gewährleisten. Ein Tier, wie etwa ein Hund, ist dabei auch immer hilfreich, da einem dieses Tier die Unkompliziertheit des Seins vor Augen hält: ein Hund braucht Zeit zum Spielen, Zeit zum Schlafen, Zeit zum Spazierengehen und Zeit zum Essen. Auch die Nahrungsaufnahme sollte möglichst ritualisiert vor sich gehen. Ständig an den Kühlschrank zu laufen sollte besser vermieden werden.

Weiterhin erscheint es mir wichtig, dass gerade in dieser Situation, in der unterschiedlichste Gefühle, die von Hilflosigkeit über Angst und Ärger bis zu Gefühlen der Sinnlosigkeit und Leere reichen können, auftreten können und auch rasch wechseln können, keine gravierende Entscheidungen getroffen werden sollten. 

Man sollte sich realistische und der Situation angemessene Ziele setzen, die einem das Gefühl der Kontrolle zurückgeben. Das können so simple Dinge sein, wie:

  • aufräumen
  • Arbeiten erledigen, die sonst immer liegen geblieben sind
  • Tagebuch schreiben
  • neue Fertigkeiten wie eine neue Fremdsprache erlernen
  • ein Buch lesen

​Zusammenfassend rate ich den Menschen:

  • aktiv zu bleiben (geistig und körperlich)
  • Struktur im Alltag beizubehalten, einen Alltagsrhythmus zu bewahren
  • Informationen von sicheren Quellen zu beziehen
  • Gefühle zu akzeptieren
  • sich mit anderen Menschen auszutauschen und in Kontakt zu bleiben (telefonisch oder per Internet)
  • Ressourcen zu aktivieren (sich an Dinge erinnern, die Familie beruhigen und Sicherheit geben)
  • sich an eigene Stärken zu erinnern und einzusetzen
  • zu lachen (Humor ist auch in dieser Situation erlaubt!)

​+++ Mehr zum Thema: Der Coronavirus-Fakten-Check +++

13. Und was raten Sie Menschen, die tatsächlich panisch werden und Gefahr laufen, mit der Situation psychisch nicht fertig zu werden?

Das ist in der Tat schwierig, da die Gesundheitseinrichtungen nun schwerfällig und mit Problemen, die das Coronavirus betreffen, überlaufen sind. Wenn keine manifeste Angstkrankheit vorliegt, helfen meistens auch regelmässige physische Übungen, wie Kniebeugen, Bauchübungen etc. Wenn Panik auftritt, sollten sich Betroffene dann sagen: "Hier habe ich etwas in der Hand, das ich tun kann und worüber ich die Kontrolle habe".

Vielen Dank für das Gespräch!

Betroffene könne sich u.a. an folgende Einrichtungen wenden:

Psychosoziale und juristische Telefon- und e-Beratung: Wegweiser für psychische Gesundheit im Kanton Bern

Webseite: https://www.psy.ch/

Pro Mente Sana (Deutschschweiz)

Beratungstelefon: 0848 800 858 (Mo, Di, Do 09.00 - 12.00 + Do 14.00 - 17.00)

E-Mail: kontakt@promentesana.ch 

Webseite: https://www.promentesana.ch/

Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie Universität Bern

Telefon: 031 631 45 81 (Montag bis Freitag, 08:30 - 12:00 Uhr)

Webseite: https://www.kpp.psy.unibe.ch/

Schweizerische Gesellschaft für Beratung SGfB

Telefon: +41 62 562 84 48  (Montag 09:00 - 12:00, Donnerstag 09:00 - 12:00 und 13:30 - 16:30)

E-Mail: sekretariat@sgfb.ch 

Webseite: https://www.sgfb.ch/de/

ask! Jugendpsychologischer Dienst

Telefon:  +41 62 832 64 10

E-Mail: psychotherapie@beratungsdienste.ch

Webseite: https://www.beratungsdienste.ch/

+++ Mehr zum Thema: Coronavirus +++

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Autoren:

Medizinisches Review:
em.O. Univ. Prof. Dr.h.c. mult. Dr.med Siegfried Kasper
Redaktionelle Bearbeitung:

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