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Was macht die soziale Isolation mit Kindern?

Isolation Kind
Neue Wege öffnen neue Türen. (625755076 / iStockphoto)

Corona hat uns fest im Griff. Wir alle finden uns in einer nie dagewesenen Situation wieder. Seit den notwendigen restriktiven Massnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus hat sich unser Alltag von Grund auf geändert. Das trifft Erwachsene gleichermassen wie Kinder. Können wir aber aus der Krise irgendwann auch etwas Gutes mitnehmen? netdoktor im Gespräch mit Kinderpsychologin Mag. Valerie Reich-Rohrwig.

netdoktor: Frau Mag. Reich-Rohrwig, Corona hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Während Erwachsene Ihre Informationen aus Fernsehen und online beziehen, sind Kinder auf die Aufklärung von Ihren Eltern angewiesen. Wie erkläre ich meinem Kind die Krise?

Mag. Reich-Rohrwig: Altersgerechte Worte finden. Es handelt sich um ein Virus, dass wir alle noch nicht gut kennen. Es ist eine neue Krankheit, die noch niemand vorher hatte und daher alle Menschen schneller bekommen können. Damit das nicht so schnell geht und alle gleichzeitig krank sind, müssen wir uns alle weniger sehen, damit die Spitäler und Ärzte mit der Behandlung nachkommen. Es muss nicht sein, dass wir es bekommen, wenn wir uns an die Regeln – wie Hände waschen, Abstand halten, zu Hause bleiben usw. – halten. Die Stadt Wien hat hier ein sehr gutes Video herausgebracht.

2. Kindergärten und Schulen sind bis auf Weiteres geschlossen. Die Kinder werden damit recht abrupt aus ihrem Alltag und zugleich aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld gerissen. Kontakte mit Freunden sind derzeit nicht möglich. Raten Sie Eltern, dennoch eine gewisse Tagesstruktur (fixe Lernzeiten) einzuhalten?

Mag. Reich-Rohrwig: Halten Sie eine Tagesstruktur ein! Struktur hilft gegen Chaos, gibt Sicherheit und stärkt in Stresssituationen. Unsere Tagesstruktur ist mit einem Ritual vergleichbar: Also nicht im Pyjama bleiben, sondern aufstehen, sich anziehen, die üblichen Essens-, Schlafens-, Arbeits- oder Lernzeiten einhalten.

Stellen Sie neue Regeln auf: Handy freie Zeit versus Lernen, Spielen, Turnen, Lesen, Essen usw. Aber auch klare Zeiten, in denen man Videospiele spielen darf, das Handy verwenden kann usw. Wenn die Kinder wissen, dass sie später auch ihre sozialen Medien nützen können, dann haben sie und die Eltern ein weniger schlechtes Gewissen. Denn sonst werden sie es heimlich tun, sobald die Eltern mit ihren Aufgaben beschäftigt sind.

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3. Ständiges Zusammensein birgt auch ein gewisses Konfliktpotenzial, zwischen Geschwisterkindern aber auch zwischen Kindern und Eltern. Haben Sie einen Rat, wie man solche Streitigkeiten vermeiden kann?

Mag. Reich-Rohrwig: Um ehrlich zu sein, wird es unweigerlich zu Streit kommen, nicht nur zwischen Geschwistern, sondern die ganze Familie wird irgendwann einen Lagerkoller bekommen. Da hilft es, raus zu gehen aus der Situation. Time out für alle, Rückzug soweit dies möglich ist. Auch einmal an die Luft zu gehen, spazieren zu gehen, mit dem Roller fahren und nicht nur zu Hause bleiben. Ist man in behördlich verordneter Quarantäne, können auch frische Luft am Fenster und intensive Entspannungsübungen helfen.

Es finden sich beispielsweise viele Yoga Übungen für die ganze Familie im Netz, die man ausprobieren könnte. Ich habe das mit meinen Kindern gemacht, der Stress wurde schon alleine durch das Lachen der Kinder über die Erwachsenen weniger!

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4. Kinder stellen von Natur aus viele Fragen, jetzt ganz besonders. Wie sollen Eltern reagieren, wenn sie Fragen gestellt bekommen, die sie nicht beantworten können – wie etwa: Was ist, wenn Oma/Opa krank werden? Wie lange müssen wir noch zuhause bleiben? Wann geht die Schule wieder weiter? Können wir im Sommer auf Urlaub fahren?

Mag. Reich-Rohrwig: Keine falschen Hoffnungen machen, wie zum Beispiel: «Das ist eh bald wieder vorbei», ehrlich sein mit den eigenen Ängsten, dem Unwohlsein, dass man selbst hat. Keine Angst machen aber doch sagen, dass es auch für uns Eltern schwierig ist. Ehrlich sein, sagen es geht vorbei, aber es wird eine Zeit dauern, die Zeit nützen, um zu Hause auch mal etwas anderes zu machen. Gemeinsam aufzuräumen, Spielsachen sortieren, Altes ausmisten, Fotos ansehen, Fotobücher gestalten usw. 

5. Was macht sie soziale Isolation mit Kindern?

Mag. Reich-Rohrwig: Isolation macht Angst, Wut und Traurigkeit, da niemand weiss, wie lange es dauert. Bei dem schönen Wetter möchten die Kinder und wir Erwachsen natürlich raus. Jugendliche erlebe ich derzeit als noch als relativ entspannt, da diese eher die Tendenz haben, zu Hause zu bleiben. Da kein Ende in Sicht, muss man sich eine Struktur und einen Plan festlegen.

Nützen Sie den Tag und machen Sie sich Zeiten aus, in denen die Kinder ihre Freunde virtuell treffen können: Skype/Face Time Dates können da gut helfen, den Alltag und die Langeweile zu durchbrechen. Es ist auch möglich Spiele via Skype zu spielen. Spielen Sie gemeinsam: Uno-Karten zur Hand nehmen und los geht es, jeder auf seiner Seite. Oder DKT: Beide Seiten stellen auf und man fährt jeweils für den anderen, oder Activity etc. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Auf grosse Erziehungsmassnahmen oder Veränderungen wie das Abgewöhnen von Schnuller oder Windel sollten Sie derzeit aber eher verzichten.

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6. Auch viele Erwachsene sind verunsichert. Ist es in Ordnung, seinem Kind gegenüber auch einmal Schwäche zu zeigen, oder zuzugeben, dass man selbst nicht weiss, wie es weitergeht?

Mag. Reich-Rohrwig: Ja. Es ist wichtig, ehrlich zu sein sein und auch die eigenen Ängste und Gefühle anzusprechen. Begrenzen Sie Ihren eigenen Medienkonsum und schützen Sie auch die Kinder davor. Vermeiden Sie, zu viel zu grübeln und versuchen Sie, sich auf Positives zu fokussieren. 

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7. Kinder haben einen grossen Bewegungsdrang. Sportliche Aktivitäten, Herumtoben mit Freunden oder Spielplatzbesuche sind derzeit tabu. Wie können Eltern ihre körperlich unterforderten Kinder dennoch auspowern?

Mag. Reich-Rohrwig: Auch in den eigenen vier Wänden ist es möglich körperlich aktiv zu sein. Versuchen Sie es mit (Stoff-)Ballspielen, Hüpfgummi, Turneinheiten, Tanzen zu Musik oder Stopptanz. Jede Form von Bewegung tut gut. 

8. Können wir eines Tages sogar etwas Positives aus der Krise mitnehmen, nämlich dass Zusammenhalt und Konsequenz (hoffentlich) doch zum Ziel führen?

Mag. Reich-Rohrwig: Ich finde es wunderbar, wie Österreich plötzlich unbürokratisch wird. So vieles ist möglich, so solidarisch hat man die Menschen schon lange nicht mehr erlebt. Sehen Sie die Krise als Chance! Man kann auch daran wachsen, wenn man nicht vergisst, wie es war, wenn es vorbei geht. Und das wird es mit Sicherheit! Neue Wege öffnen neue Türen!

Vielen Dank für das Gespräch!

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