Matomo pixel

«Versuchen wir, die Corona-Debatte zu entemotionalisieren»

Coronavirus in der Gesellschaft
COVID-19 braucht einen vernünftigen Platz in der Gesellschaft. (1202181414 / iStockphoto)

Bezugnehmend auf die Äusserungen jenes italienischen Arztes, der einen »lächerlichen und fahrlässigen« Umgang mit der «Coronakrise» vorwirft, lesen Sie hier die Stellungnahme von Dr. Günther Loewit, Allgemeinmediziner aus Marchegg, Niederösterreich.

Dr. Günther LoewitAllgemeinmediziner aus Marchegg, nimmt zu den Äusserungen des italienischen Arztes in Bezug auf den Umgang mit der Coronakrise Stellung:

«Jedes Menschenleben ist unbestritten wert- und würdevoll und jeder persönliche Verlust eines Angehörigen durch nichts wieder gut zu machen.

Die folgenden Gedanken sollen aber zum Nachdenken anregen:

1. Fernsehbilder von beatmeten Patienten, verzweifelte Hilferufe von überarbeiteten Intensivmedizinern und unreflektiert verwendete Begriffe wie exponentielle Ausbreitung, Letalität und Mortalität können schnell das Bild einer Welt am Rande des Abgrundes kreieren.

2. Die von der Regierung getroffenen Massnahmen sind definitiv in der Lage, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Damit können Spitalskapazitäten effizienter genutzt werden, weil Patienten mit Komplikationen auf einen längeren Zeitraum aufgeteilt werden.

3. Verhindern können wir die weltweite Ausbreitung des Virus nicht mehr. Wir können aber versuchen, die Debatte zu entemotionalisieren.

4. In Österreich sterben im langjährigen Durchschnitt jeden Tag ca. 220 Menschen, in Italien ca. 2000. In China sind es ca. 25.000 Menschen pro Tag.

5. Die Johns Hopkins Universität errechnet bis dato 4.981 weltweite COVID-19 Todesopfer seit dem Ausbruch der Erkrankung Anfang Jänner 2020. Laut Worldometer sind alleine heute weltweit ca. 140.000 Menschen gestorben. Dagegen erscheint die Gesamtzahl der COVID-19 Opfer verschwindend gering.

6. Der Begriff der Letalität wird aus der Zahl der an einer Erkrankung verstorbenen Menschen dividiert durch die Zahl der erkrankten Personen errechnet. Wir wissen nicht von jedem gemeldeten Coronatodesfall, ob das Virus wirklich kausal für den Tod verantwortlich war. Da wir nur die Zahl der positiv getesteten Patienten, aber nicht die Zahl der möglicherweise infizierten Menschen kennen, kann eine zuverlässig genaue Letalitätsrate nicht ermittelt werden.

7. Das neue Virus ist definitiv ansteckender als die üblichen Influenza-Viren. Vernunft und Vorsicht sind zurecht geboten. Aber Zahlen können je nach emotionaler Intention gesucht, errechnet und verbreitet werden.

8. Wir müssen als Gesellschaft lernen, COVID-19 an einem vernünftigen Platz zwischen Einzelschicksal und Weltgeschehen einzuordnen.

Bleiben Sie gesund und befolgen Sie bitte die ausgegebenen Hygienemassnahmen. Aber erlauben Sie sich auch weiterhin eigene, selbstständige Gedanken. Bleiben wir am Leben, auch wenn die Sterblichkeit des Menschen 100% beträgt.»

+++ Mehr zum Thema: Corona-Fallzahlen in der Schweiz +++

Bleiben Sie informiert mit dem Newsletter von netdoktor.ch


Redaktionelle Bearbeitung:
,

Aktualisiert am:

Weitere Artikel zum Thema

mehr...
Newsletter-Anmeldung
×
Newsletter Anmeldung Hintergrund