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Corona: Kann die zweite Impfdosis auch später verabreicht werden?

Corona, Impfstoff
In Großbritannien wird die zweite nötige Impfdosis gegen Corona mit größerem Abstand gegeben. (Ridofranz / iStockphoto)

Um möglichst schnell möglichst vielen Menschen die erste Impfdosis gegen das Coronavirus zu verabreichen, könnte es Experten zufolge sinnvoll sein, die zweite Dosis hinauszuschieben.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Seit Ende Dezember wird in Österreich gegen das Coronavirus geimpft. Doch die Impfdosen sind begrenzt und vorerst nur für die gefährdetsten Bevölkerungsgruppen vorgesehen. Ein weiteres Problem: Der vollständige Impfschutz ist bei den derzeit erhältlichen Präparaten erst dann gegeben, wenn zwei Impfungen im Abstand von etwa zwei bis vier Wochen (abhängig vom Hersteller) verabreicht wurde. Nun streiten sich die Experten, ob es sinnvoller wäre, vorerst möglichst vielen Menschen nur die erste Impfdosis zu verabreichen und das Zeitfenster zwischen den beiden erforderlichen Impfungen weiter auszudehnen. 

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Bevölkerungsschutz über Individualschutz

Um der Impfstoffknappheit und der Ausbreitung der neuen Coronavirus-Variante B.1.1.7 entgegen zu wirken, wird dieser Ansatz bereits in Großbritannien verfolgt. Dort wird von Experten empfohlen, die zweite Dosis innerhalb von zwölf statt der ursprünglich vorgesehenen etwa zwei bis vier Wochen zu verabreichen. Die Überlegung dahinter: Weniger wirksame Erstimpfungen in der Masse könnten vielleicht mehr Schaden abwenden, als wenige perfekt Geimpfte. Allerdings müsse den Experten zufolge beobachtet werden, ob die Strategie auch tatsächlich sinnvoll ist und die Wirksamkeit der Impfung dadurch nicht beeinträchtigt wird. Bei den derzeitigen Infektionszahlen solle daher der Bevölkerungsschutz beim Impfen zunächst über den Individualschutz gestellt werden.

Auch in Deutschland wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) genauer geprüft, ob eine Ausdehnung des Zeitfensters zwischen den beiden erforderlichen Impfungen vertretbar ist.

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Voller Impfschutz erst mit zwei Dosen

Die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) zeigt sich derzeit noch zurückhaltend. Zwar sei kein explizites Zeitlimit für den zeitlichen Abstand zwischen den Dosen angegeben. Allerdings basiere der Wirksamkeitsnachweis bislang auf Studien, bei denen die Impfungen im Abstand von 19 bis 42 Tagen verabreicht wurden. Demnach sei eine Ausdehnung des Zeitfensters auf mehrere Monate zwischen Erst- und Zweitimpfung aufgrund der derzeitigen Studienlage nicht zulässig. Eine entsprechende Änderung der Zulassung bedürfe zusätzlicher Studien, "da es zurzeit keine Daten gibt, die einen Schutz nach der ersten Dosis über zwei bis drei Wochen hinaus zeigen", so die EMA. Auch US-Chefvirologe Dr. Anthony Fauci spricht sich in einem Interview mit CNN gegen die Strategie aus: "Wir wissen aus klinischen Studien, dass die optimale Zeit zur Verabreichung für den Pfizer-Impfstoff bei 21 und für den Moderna-Impfstoff bei 28 Tagen liegt." Die Impfstoffhersteller Pfizer und BioNTech selbst betonen zudem, dass es keine Studien dafür gebe, dass die erste Dosis ihres Impfstoffs allein die Geimpften auch nach drei Wochen schützen könnte. 

Einige Experten halten britischen Ansatz für sinnvoll

Angesichts der aktuellen Impfstoffknappheit und der hohen Infektionszahlen sowie ausgelasteten Intensivstationen halten viele Experten den Ansatz allerdings für vielversprechend. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut, ist jedenfalls der Meinung: "Da der Abstand zwischen beiden Impfungen mit großer Wahrscheinlichkeit in weiten Grenzen variabel sein kann und der Schutz auch nach einer Impfung schon sehr gut ist, ist es durchaus überlegenswert, bei Impfstoffmangel zunächst bevorzugt die erste Impfung zu verabreichen." Laut Prof. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité, konnte in Studien bereits gezeigt werden, dass die Impfungen (BioNTech/Pfizer, Moderna) schon etwa zehn Tage nach der Erstinjektion einen sehr guten Schutz gegen COVID-19 bieten würden. Sander twitterte: "Angesichts der Impfstoffknappheit, Infektionszahlen & ITS-Auslastung sollten wir dringend erwägen, möglichst viele Menschen zunächst 1x zu impfen ohne 2. Dosis zurückzuhalten, um wertvolle Zeit zu gewinnen. Im Verlauf müssen aber alle geboostert werden, für langfristigen Schutz." Auch Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen, hält den britischen Ansatz grundsätzlich für sehr sinnvoll. "Wenn der Effekt der ersten Impfung mit der Zeit nicht schnell abnimmt, dann könnte die zweite Impfung auch noch später stattfinden, zum Beispiel erst nach sechs Monaten. Das wissen wir noch nicht. Bei anderen Impfstoffen wird das auch so gemacht."

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Aktualisiert am:
Quellen

Polack et al. (2020): Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine. N Engl J Med 2020; 383:2603-2615 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2034577 (letzter Zugriff: 05.01.2020)
 
The Guardian: Dr Anthony Fauci says US will not delay second doses of Covid vaccine. https://www.theguardian.com/world/2021/jan/02/dr-anthony-fauci-says-us-will-not-delay-second-doses-of-covid-vaccine (letzter Zugriff: 05.01.2020)
 
Sky News: COVID-19: Delaying second doses of vaccine is the right call, say UK's chief medical officers (letzter Zugriff: 05.01.2020)
 
Deutsches Ärzteblatt: Zeitliche Streckung zweiter Coronaimpfung wird geprüft. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/119824/Zeitliche-Streckung-zweiter-Coronaimpfung-wird-geprueft (letzter Zugriff: 05.01.2020)

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