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Interview SARS-CoV-2: Wie wird es weitergehen?

Zukunft mit COVID-19
Wie wird sich die Lage zum Coronavirus weiter entwickeln? (Ca-ssis / iStockphoto)

Regierung und Behörden setzen drastische Massnahmen, um das Virus SARS-CoV-2 einzudämmen. Warum sind diese notwendig? Prof. Dr. Norbert Nowotny vom Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Gespräch mit netdoktor.ch.

 

1. Herr Prof. Dr. Nowotny, wird sich die Lage noch verschärfen?

Verhält sich die Virusinfektion weiterhin so, wie es für Epidemien und Pandemien typisch ist und wie wir es vom bisherigen Verlauf von COVID-19 in China kennen, wird die Zahl der Neuerkrankungen in Europa in den nächsten 4-6 Wochen vermutlich noch deutlich ansteigen, bevor sie ein Plateau erreicht und danach wieder sinken wird – sobald eine gewisse Herdenimmunität erreicht ist, also ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung sich infiziert hat und danach immun geworden ist.

2. Was machen die Viren im Körper?

SARS-CoV-2 verbreitet sich im Wesentlichen über zwei Wege: als Tröpfcheninfektion (direkt durch Husten oder Niesen) oder als Schmierinfektion (indirekt z.B. durch Berührung kontaminierter Türschnallen). Geraten die Krankheitserreger auf die Schleimhäute von Nase, Mund oder Augen, kann es zu einer Infektion kommen.

Da es sich bei COVID-19 um eine Atemwegserkrankung handelt, wandern die Viren von dort zu ihren Zielzellen im Atemapparat, infizieren also z.B. Lungenzellen und vermehren sich in diesen. Der Körper reagiert darauf, unter anderem mit einer Entzündungsreaktion, die sich als Lungenentzündung äußern kann.

In 80% der Fälle, vor allem bei Kleinkindern, Kindern, Jugendlichen, Schwangeren und gesunden Personen mittleren Alters, verläuft die Infektion zumeist harmlos. Doch es gibt eine eindeutige Altersabhängigkeit. Die Schwere der Infektion nimmt mit fortschreitendem Alter zu.

Dies beginnt schon in der Altersgruppe der 50-60-Jährigen, steigt weiter bei den 60- bis 70-Jährigen, und wird besonders deutlich in der Altersgruppe der 70- bis 80-Jährigen und der über 80-Jährigen. Auch zählen Personen mit chronischen Vorerkrankungen wie Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Risikogruppe.

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3. Seit Regierung und Behörden drastische Massnahmen gesetzt haben, sind noch mehr Menschen in Sorge. Warum werden Veranstaltungen abgesagt und Schulen geschlossen?

Diese Massnahmen sind absolut notwendig. Eine Epidemie nimmt einen gewissen Verlauf. Noch befinden wir uns in Europa im Frühstadium der Epidemie, die Zahl der Neuerkrankungen wird in den nächsten Wochen noch deutlich ansteigen. In manchen europäischen Ländern verdoppelt sich derzeit die Zahl der Neuerkrankungen alle vier Tage.

Die Massnahmen der Regierung und der Behörden haben das Ziel, die Kurve der Epidemie flacher zu halten, denn es würde unser Gesundheitssystem massiv belasten, wenn viele Menschen auf einmal eine Behandlung im Spital oder auf der Intensivstation benötigen. COVID-19 ist gefährlicher als die Grippe, denn die Sterblichkeitsrate ist höher.

Die Epidemie wird dann zwar länger dauern, doch je länger wir die Spitze der Epidemie hinauszögern, desto eher besteht die Chance, Medikamente zu finden, die spezifisch gegen die Virusinfektion wirken – und daran wird intensiv geforscht.

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4. Gibt es einen Unterschied zu den Symptomen der «echten» Grippe?

Nein, man kann anhand der Symptome eine COVID-19-Infektion nicht von einer Influenza oder einem grippalen Infekt unterscheiden. 80% der Infektionen verlaufen mild oder sogar symptomlos. Trotzdem bildet der Körper Antikörper gegen das Virus, was zur Ausbildung einer Herdenimmunität beiträgt.

5. Warum wurden bei der «Schweinegrippe» keine ähnlichen Massnahmen gesetzt?

Die «Schweinegrippe» war deutlich weniger pathogen, es mussten nicht so viele Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden oder auf die Intensivstation, so wie wir es jetzt aufgrund der Daten aus China und Norditalien erwarten müssen.

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6. Was raten Sie unseren Lesern?

Nehmen Sie die Krankheit ernst, aber verfallen Sie nicht in Panik. Handhygiene ist das Allerwichtigste, um sich selbst vor einer Infektion zu schützen. Eine normale Seife reicht aus, aber waschen Sie Ihre Hände öfters und gründlicher. Berühren Sie mit den Händen nicht das Gesicht und meiden Sie Menschenansammlungen. Halten Sie mindestens zwei Meter Abstand zu Menschen, die Symptome einer Atemwegserkrankung zeigen.

Diese Massnahmen tragen dazu bei, dass man selbst nicht infiziert wird – das Gefährliche an SARS-CoV-2 ist aber, dass Kinder, Jugendliche und Personen mittleren Alters, die kaum erkranken, die Infektion nach Hause zu den Gross- oder Urgrosseltern bringen. Ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen sollten daher in den nächsten 3 Monaten besonders vorsichtig sein, die Öffentlichkeit meiden und Hygienemassnahmen umsetzen.

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Vielen Dank für das Gespräch!

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