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Es wird noch länger keine Corona-Impfung geben

Corona-Impfstoff
Bis wir einen wirksamen Corona-Impfstoff zur Verfügung haben werden, wird noch viel Zeit vergehen. (Totojang / iStockphoto)

Warum es so lange dauert, bis wir eine wirksame Impfung zur Verfügung haben und wann überhaupt damit zu rechnen ist, erklärt Tropenmediziner Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch.

Derzeit behaupten einige Pharmafirmen, dass sie eventuell einen Impfstoff gefunden haben. Wie ist der aktuelle Stand? Können wir bereits auf eine wirksame Impfung hoffen?

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Tropen- und Reisemediziner:

Grundsätzlich ist es technisch wahrscheinlich nicht wahnsinnig aufwendig so einen Impfstoff zu generieren, denn wir wissen worauf es ankommt: Das Coronavirus hat ein Oberflächen-Protein – das sogenannte Spike-Protein – und das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Wenn wir dagegen neutralisierende Antikörper herstellen können, dann verhindern die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper, dass Coronaviren in Wirtszellen eindringen können und die Geschichte ist erledigt. Das wissen wir bereits von SARS und MERS. Da zumindest Teile des Spike-Proteins konserviert sind, ist damit zu rechnen, dass ein Impfstoff auch nicht durch eine etwaige Mutation rasch seine Wirksamkeit verliert, wie wir das von Influenza kennen.

Nun ist die Frage, wie kommt man zu diesem Protein in rekombinanter (Anmerkung: künstlich hergestellter) Form? Wir können ja schlecht das Coronavirus selbst dafür verwenden, wir müssen etwas erfinden, das für unser Immunsystem so ausschaut wie das Coronavirus, aber nicht krank macht.

Da gibt es zwei Ansätze. Das eine ist, man verwendet einen Vektor, also einen sogenannten Vektorenimpfstoff, wie wir das vom Ebola-Impfstoff kennen. Sprich: Wir inserieren die Erbinformation, die für das Spike-Protein des Coronavirus kodiert, in ein für uns nicht pathogenes Virus. In diesem Fall nimmt man gerne Schimpansen-Adenoviren. Diese sind für den Menschen nicht pathogen. Das heisst, die Infektion startet zwar, aber wir werden davon nicht krank.

Für unser Immunsystem schaut aber dieses genetisch veränderte Schimpansen-Adenovirus wie das Coronavirus aus, weil es dieselben Oberflächenstrukturen hat und wir bilden Antikörper. Bei MERS gibt es für so einen Impfstoff schon sehr vielversprechende Erfolge, da läuft bereits die erste Studie am Menschen. Es ist also relativ leicht möglich, das Ganze auch für SARS-CoV-2 zu generieren.

Mit einem zweiten Ansatz für einen wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 beschäftigen sich aktuell mehrere Firmen – sie forschen an einem sogenannten DNA-Impfstoff. Das bedeutet, man bekommt gar nicht das Antigen injiziert, gegen das man Antikörper bildet, sondern die Erbinformation, die für das Antigen kodiert.

Dieses Erbgut wird in körpereigene Zellen eingebaut und von diesen körpereigenen Zellen wird dann quasi der Impfstoff (also das Antigen) selbst produziert, gegen das Antikörper gebildet werden. Diese Technologie ist relativ jung, aber auch da gibt es schon Ansätze, die funktionieren können. Es gibt zum Beispiel bereits eine experimentelle Tollwut-Vakzine und eine experimentelle Zika-Vakzine, die auf diesem Prinzip beruhen.

DNA-Impfstoffe haben natürlich den enormen Vorteil gegenüber Vektoren-Impfstoffen, dass nicht mit einem Virus gearbeitet werden muss, sondern dass sie vollständig synthetisch hergestellt werden können. Das Problem bei den DNA-Impfstoffen ist aber, dass sie ein bisschen schlechter immunogen (Anmerkung: die Antikörperbildung ist weniger gut) sind. Auch hier ist es also so, dass man ein Konzept in der Schublade hat, das man jetzt herausgenommen hat und weiterverfolgt. Wie schnell ein solcher Impfstoff zulassungsreif sein könnte, weiss man nicht.

Dass man einen Impfstoff haben wird, der sozusagen einmal experimentell hergestellt ist, dafür sehe ich den Zeithorizont relativ überschaubar. Das könnte sich in der zweiten Jahreshälfte ausgehen. Nur: Wir müssen diesen Impfstoff dann die klinischen Testphasen durchlaufen lassen. In diesen 3 Phasen wird die Sicherheit und die Immunogenität sowie die Wirksamkeit soweit evaluiert, dass eine Zulassung erfolgen kann.

Grundprinzip:  Der Impfstoff muss absolut sicher sein und er muss vor allem auch in den besonders vulnerablen Personengruppen (ältere Menschen, Immunsupprimierte oder chronisch Kranke) auch wirklich schützen. Und das dauert jedenfalls einige Monate. Und selbst wenn alles glatt geht, alle Phasen abgeschlossen sind und eine Zulassung erteilt worden ist, muss der Impfstoff auch noch produziert werden – und das für die ganze Welt. Es ist nicht so einfach 4 Milliarden Impfstoffdosen herzustellen – das dauert natürlich wieder. Also mit anderen Worten: Es ist im Prinzip machbar, aber der Teufel liegt im Detail.

Es ist sicher so, dass wir für diese erste große Welle der Coronavirus-Infektionen keinen Impfstoff haben werden. 

Das heisst wir werden zum Start der nächsten Grippesaison keinen wirksamen Impfstoff gegen Corona haben?

Es könnte sein, dass der Impfstoff bis dahin in der klinischen Phase 2 oder 3 ist, aber dass dieser für die gesamte Bevölkerung verfügbar ist, halte ich für ausgeschlossen. Die Mehrheit der Infektiologen rechnet von jetzt an mit ein bis eineinhalb Jahren, bis eine Corona-Vakzine verfügbar ist. 

Vielen Dank für das Gespräch!

+++ Mehr zum Thema: Corona ist auch im Sommer noch Thema +++

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, MD
Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:

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