Pflegegrade (früher: Pflegestufen)

Von , Medizinredakteurin und Biologin
Aktualisiert am
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Der Pflegegrad (früher: Pflegestufe) entscheidet darüber, welche Leistungen einer pflegebedürftige Person zustehen. Die Einstufung erfolgt in der Regel durch ein Gutachten des Medizinischen Dienstes. Hier erfahren Sie mehr über die Pflegegrade und deren Leistungen!

Pflegegrade

Pflegegrade ersetzen Pflegestufen

Die früher geltenden drei Pflegestufen wurden im Januar 2017 von den fünf Pflegegraden abgelöst. Sie bieten eine genauere und umfassendere Einschätzung der Fähigkeiten und Beeinträchtigungen eines Patienten. Je nach Pflegegrad erhält ein Pflegebedürftiger in unterschiedlichem Umfang Unterstützung von der Pflegeversicherung.

Die Einstufung erfolgt in der Regel durch ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen (MD) beziehungsweise der privaten Krankenversicherungen (Medicproof). Es werden dabei die Fähigkeiten und der Grad der Selbstständigkeit eines Patienten eingeschätzt: Der Gutachter beurteilt, inwieweit sich der Betroffene noch selbst versorgen kann und wie viel Hilfe er im Alltagsleben braucht. Dabei werden nicht nur körperliche Beeinträchtigungen (wie bisher) berücksichtigt, sondern im gleichen Masse auch seelische und/oder geistige.

Wer bisher in einer Pflegestufe war, wird automatisch in einen Pflegegrad eingestuft. Dabei wird keiner schlechter als bisher eingestuft, muss also keine Leistungseinbussen befürchten. Vielmehr werden die meisten Pflegebedürftigen künftig sogar höhere Leistungen erhalten.

Einstufung: Was wird begutachtet?

Der Gutachter kommt nach vorheriger Terminvereinbarung in die Wohnung oder Pflegeeinrichtung des Patienten. Bei diesem Termin sollten am besten auch die Angehörigen, Betreuer und alle anderen Menschen anwesend sein, die den pflegebedürftigen Menschen unterstützen. Sie können dem Gutachter wertvolle Informationen zur Selbstständigkeit und den Fähigkeiten des Betroffenen geben.

Konkret beurteilen die Gutachter bei der Pflegegrad-Einstufung folgende sechs Lebensbereiche ("Module" genannt):

  • Mobilität (körperliche Beweglichkeit): morgendliches Aufstehen, Fortbewegen in der Wohnung, Treppensteigen etc.
  • Geistige und kommunikative Fähigkeiten: Orientierung über Ort und Zeit, Sachverhalte begreifen, Risiken erkennen, verstehen, was andere sagen etc.
  • Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: Unruhe in der Nacht, Ängste, Aggressionen, Abwehr von Pflegemassnahmen etc.
  • Selbstversorgung: sich selbstständig waschen und anziehen, essen und trinken, allein zur Toilette gehen etc.
  • Selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen und deren Bewältigung: Fähigkeit, allein seine Medikamente einzunehmen, den Blutdruck zu messen oder zum Arzt zu gehen etc.
  • Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte: Fähigkeit, den Alltag selbst zu gestalten, direkten Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen etc.

Die Gutachter ermitteln in diesen Bereichen den Grad der Selbstständigkeit des (potentiell) Pflegebedürftigen mit Hilfe eines Punktwerts zwischen 0 (der Betroffene kann die Aktivität ohne eine helfende Person, oder mit Hilfsmitteln, durchführen) und 3 (Person kann die Aktivität nicht durchführen, auch nicht in Teilen). Die Gesamtpunktezahl, die sich aus der Bewertung der sechs Module ergibt, entscheidet darüber, in welchen Pflegegrad ein Patient eingestuft wird.

Die fünf Pflegegrade

Pflegegrad 1  (Gesamtpunkte: 12,5 bis unter 27)

Pflegebedürftige im Pflegegrad 1 bekommen unter anderem Pflegeberatung, Beratung in eigener Häuslichkeit, Versorgung mit Hilfsmitteln sowie Zuschüsse zur Verbesserung des Wohnumfeldes (wie Treppenlift oder altersgerechte Dusche).

Hinzu kommt ein Entlastungsbetrag (ambulant) in Höhe von bis zu 125 Euro pro Monat. Er ist zweckgebunden und kann zum Beispiel für eine Tages- oder Nachtpflege oder eine Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden.

Wer vollstationär betreut wird, kann einen Zuschuss von bis 125 Euro monatlich erhalten.

Pflegegrad 2 (Gesamtpunkte: ab 27 bis unter 47,5)

Beim Pflegegrad 2 liegen erhebliche Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und der Fähigkeiten vor.

Betroffene, die zuhause betreut werden, haben Anspruch auf eine monatliche Geldleistung (Pflegegeld) in Höhe von 316 Euro oder ambulante Pflegesachleistungen in Höhe von 724 Euro pro Monat. Der zweckgebundene Entlastungsbetrag (ambulant) beläuft sich auf bis zu 125 Euro monatlich.

Der Leistungsbetrag bei stationärer Betreuung liegt bei 770 Euro monatlich.

Pflegegrad 3 (Gesamtpunkte: ab 47,5 bis unter 70)

Beim Pflegegrad 3 liegen schwere Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und der Fähigkeiten vor.

Für diesen Pflegegrad sind bei ambulanter Betreuung pro Monat eine Geldleistung von 545 Euro oder eine Sachleistung von 1.363 Euro vorgesehen. Der zweckgebundene Entlastungsbetrag (ambulant) liegt bei bis zu 125 Euro pro Monat.

Wer stationär betreut wird, hat Anspruch auf einen Leistungsbetrag von monatlich 1.262 Euro.

Pflegestufe 4 (Gesamtpunkte: ab 70 bis unter 90)

Patienten mit dem Pflegegrad 4 weisen schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und der Fähigkeiten auf.

Bei ambulanter Betreuung sind eine Geldleistung von 728 Euro oder eine Sachleistung von 1.693 Euro vorgesehen. Als zweckgebundener Entlastungsbetrag (ambulant) können monatlich bis zu 125 Euro gewährt werden.

Stationär betreuten Patienten steht ein Leistungsbetrag von 1.775 Euro pro Monat zu.

Pflegegrad 5 (Gesamtpunkte: ab 90 bis 100)

Beim Pflegegrad 5 liegen ebenfalls schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und der Fähigkeiten vor, es bestehen aber zusätzlich besondere Anforderungen an die pflegerische Versorgung.

Die monatlich vorgesehene Geldleistung (ambulant) beträgt 901 Euro, die Sachleistung (ambulant) 2.095 Euro und der zweckgebundene Entlastungsbetrag (ambulant) bis zu 125 Euro. Der Leistungsbetrag bei stationärer Betreuung liegt bei 2.005 Euro pro Monat.

Ambulante Pflegesachleistungen können auch mit dem Pflegegeld kombiniert werden.

Neben diesen Hauptleistungsbeträgen können noch weitere Leistungen beantragt werden wie zum Beispiel eine Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Zuschüsse für Pflegehilfsmittel oder zum barrierefreien Wohnungsumbau.

Zuschuss für Pflegeheimkosten

Um pflegebedürftige Personen finanziell zu entlasten, erhalten die Pflegegrade 2 bis 5 seit dem Januar 2022 einen sogenannten "Leistungszuschlag". Sie erhalten das Geld zusätzlich zum Pflegegeld und unabhängig vom Pflegegrad. Wie hoch der Zuschuss ist, hängt vom Zeitraum ab, in dem die Pflegeleistungen bezogen werden.

Heimbewohner mit Pflegegrad 2 bis 5 erhalten:

  • 5 Prozent des Eigenanteils der Pflegekosten innerhalb des ersten Jahres in der Pflegeeinrichtung.
  • 25 Prozent des Eigenanteils der Pflegekosten wenn sie länger als ein Jahr stationär betreut werden.
  • 45 Prozent des Eigenanteils der Pflegekosten wenn sie länger als zwei Jahre im Heim leben.
  • 70 Prozent des Eigenanteils an den Pflegekosten wenn sie länger als 36 Monate in einem Pflegeheim betreut werden.

Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Bei der Kurzzeitpflege wird ein Pflegebedürftiger, der sonst ambulant versorgt wird, vorübergehend vollstationär betreut. Das kann etwa zur Bewältigung einer Krisensituation bei der häuslichen Pflege oder nach einem Aufenthalt im Krankenhaus notwendig sein. Für die Kurzzeitpflege können Patienten der Pflegegrade 2 bis 5 pro Jahr 1.774 Euro für Kosten der Kurzzeitpflege für bis zu acht Wochen pro Kalenderjahr erhalten. Wer dem Pflegegrad 1 zugewiesen ist, kann den monatlichen Entlastungbetrag in Höhe von bis zu 125 Euro verwenden, um eine Kurzzeitpflege zu bezahlen.

Wenn ein pflegender Angehöriger erkrankt oder in Urlaub fahren möchte, bezahlt die Pflegeversicherung eine Ersatzpflege. Diese sogenannte Verhinderungspflege kann zum Beispiel von einem ambulanten Pflegedienst, ehrenamtlichen Pflegepersonen oder nahen Angehörigen übernommen werden. Die Pflegeversicherung übernimmt die Kosten einer Ersatzpflege für maximal sechs Wochen pro Kalenderjahr und bis zu einer Höhe von 1.774 Euro.

Übergangspflege im Krankenhaus

Seit Januar 2022 gibt es die sogenannte Übergangspflege. Sie soll den Patientinnen und Patienten helfen, die nach einem Krankenhausaufenthalt nicht ausreichend betreut werden können: Möglicherweise ist kein unmittelbarer Platz in der Kurzzeitpflege oder einer Reha-Einrichtung frei. Oder Angehörige können die betreffende Person zuhause nicht ausreichend versorgen.

Die Übergangspflege erfolgt für gewöhnlich in dem Krankenhaus, in dem die Behandlung stattfand. Sie ist auf zehn Tage begrenzt. Der Antrag auf Übergangspflege erfolgt über den Sozialdienst des Krankenhauses oder direkt bei der Krankenkasse.

Teilstationäre Pflege (Tages-/Nachtpflege)

Manche Pflegebedürftige, die ansonsten zuhause betreut werden, können einen Teil der Zeit in einer entsprechenden Einrichtung verbringen - entweder die Nacht (Nachtpflege) oder den Tag (Tagespflege). Auf diese Weise soll die häusliche Pflege ergänzt oder gestärkt werden.

Beim Pflegegrad 1 kann der monatliche Entlastungsbetrag von bis zu 125 Euro für die Finanzierung dieser teilstationären Pflege herangezogen werden. Für die weiteren Pflegegrade können dafür monatliche Leistungen von bis zu 724 Euro (Pflegegrad 2), 1.363 Euro (Pflegegrad 3), 1.693 Euro (Pflegegrad 4) beziehungsweise 2.095 Euro (Pflegegrad 5) beantragt werden.

Hilfsmittel und Wohnungsumbau

Die Pflegeversicherung übernimmt teilweise die Kosten für Pflegehilfsmittel. Technische Hilfsmittel wie Pflegebetten oder Rollstühle werden meist leihweise oder gegen eine Zuzahlung zur Verfügung gestellt. Für Verbrauchsprodukte wie Einmalhandschuhe oder Betteinlagen kann die Pflegeversicherung unabhängig vom Pflegegrad einen monatlichen Zuschuss von bis zu 40 Euro gewähren.

Auch an den Kosten für den Wohnungsumbau wie beispielsweise den Einbau eines Treppenlifts kann sich die Pflegeversicherung mit bis zu 4.000 Euro pro Massnahme beteiligen.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Katharina Larisch
Autor:
Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Quellen:
  • Bundesministerium für Gesundheit: Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung, Stand: 20.02.2021, unter: www.bundesgesundheitsministerium.de (Abrufdatum: 17.01.2022)
  • Bundesministerium für Gesundheit: Pflegegrade, Stand: 06.10.2021, unter: www.bundesgesundheitsministerium.de (Abrufdatum: 17.01.2022)
  • Sozialverband VdK Deutschland e.V.: Pflegebedürftig? - Tipps für die Pflegebegutachtung bei Erwachsenen, unter: www.vdk.de
  • Verbraucherzentrale: Die neue Pflegereform und was Sie dazu wissen sollten, Stand: 04.01.2022, unter: www.verbraucherzentrale.de (Abrufdatum: 17.01.2022)
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