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Placebos wirken auch ohne Täuschung

Placebo Studie
Placebos haben eine starke Wirkung, auch, wenn sie bewusst eingenommen werden. (hernan4429 / iStockphoto)

Scheinmedikamente funktionieren auch, wenn der Patient informiert ist. Es ist also nicht der Glaube an einen Wirkstoff, der hilft. Was aber ist es dann?

 

In Krankenhäusern und Arztpraxen ist es gängige Praxis: Um die Körper ihrer Patienten beispielsweise nicht zu stark mit einem Schmerz- oder Beruhigungsmittel zu belasten, verordnen Ärzte häufig Arzneien, in denen gar kein Wirkstoff steckt. Dennoch lindern diese Schmerzen oder lassen die Menschen selig schlummern.

Placebos nennt die Medizin solche Scheinmedikamente. Auf den ersten Blick ist deren Einsatz eine Win-Win-Situation. Doch stürzt er die Medizin in ein moralisches Dilemma: Denn immerhin täuscht der Arzt mit einem Scheinmedikament die ihm anvertrauten Menschen.

Dass das vielleicht gar nicht nötig ist, zeigt eine aktuelle Studie der Harvard Medical School. Offen eingesetzte Placebos könnten demnach eine ebenso große Wirkung entfalten wie heimlich untergejubelte. Damit stellt die Untersuchung die seit langem verfestigte Auffassung einmal mehr infrage, dass die Täuschung der Patienten ein Schlüsselelement des Placebo-Effekts ist.

Wirksamkeit auch bei offen gegebenen Placebos gegeben

"Die Wirkung offener Placebos hat den Glauben erschüttert, dass der Effekt von Placebos allein auf positivem Denken beruht“, erklärt Studienleiter Ted Kaptchuk gegenüber NetDoktor. Weit verbreitet ist nämlich die Überzeugung, der Placebo-Effekt beruhe auf dem Glauben des Patienten, er bekäme ein wirkstoffhaltiges Medikament. Kaptchuk forscht seit über 20 Jahren zur Wirkung von Placebos. Heute leitet er die Placebo Studies and the Therapeutic Encounter (PiPS) am Beth Israel Deaconess Medical Center.

Placebo gegen Reizdarm

Für ihre aktuelle Studie hatten der Forscher und seine Kollegen insgesamt 270 Reizdarmpatienten als Teilnehmer gewonnen. Das Reizdarm-Syndrom geht mit quälenden Bauchschmerzen, Durchfällen und Blähungen einhergeht und kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Seine Ursachen sind noch nicht bekannt, die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt.

Einen Teil der Teilnehmer klärten die Wissenschaftler darüber auf, dass sie ein Placebo erhielten. Ihnen wurde aber auch gesagt, dass sich ihre Beschwerden durch den Placeboeffekt bessern könnten. Eine weitere Gruppe wurde „doppelt-blind“ behandelt: Weder die Ärzte noch die Patienten wussten, wer ein Placebo und wer ein Dragee mit Minzöl erhielt. Letzteres soll Reizdarmsymptome lindern können.

Hinzu kam eine Kontrollgruppe, die kein Medikament erhielt. Eine solche ist wichtig, denn bei Krankheiten wie Reizdarm kann sich der Zustand auch ohne medizinische Intervention rasch von alleine ändern.

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Offene Placebos so wirksam wie Minzöl

Das Ergebnis: Bei Teilnehmern, die offen ein Placebo erhalten hatten, besserten sich die Reizdarmsymptome im Schnitt ebenso gut wie in der „doppelt-blind“-Gruppe – und sogar ebenso gut wie in der Gruppe mit der Minzöltherapie. Fazit: Alle drei Gruppen hatten am Ende gleichermaßen profitiert – bei allen verzeichnete man im Schnitt deutlich größere Verbesserungen als in der Kontrollgruppe, die weder ein Scheinmedikament noch das Minzöl erhalten hatte.

In der offenen Placebogruppe sprachen fast 70 Prozent der Teilnehmer auf die Behandlung an. Je 30 Prozent der offenen und doppelt-verblindeten Placebo-Empfänger gaben eine Verbesserung ihrer Symptome von 150 Punkten oder mehr auf einer 500 Punkte umfassenden Skala an. In der Kontrollgruppe waren es nur 12 Prozent.

"Wenn die Annahme, dass Täuschung notwendig ist, damit Placebos wirksam sind, falsch ist, müssen möglicherweise viele Theorien über die Mechanismen, die Placeboeffekte auslösen, geändert werden", sagt Kaptchuk.

Wirksam auch bei Skeptikern

„Wir wissen nicht wirklich, wie es funktioniert“, so der Forscher. Die bewusste Überzeugung von der Wirkung scheint zumindest nicht der Knackpunkt zu sein: „Der Zustand von Patienten, die höhere Erwartungen in die Wirksamkeit der Behandlung setzen, verbessert sich nicht deutlicher als der von Patienten, die skeptisch bezüglich der Wirkung sind“, berichtet Kaptchuk. „Tatsächlich sind die meisten unserer Patienten sogar sehr skeptisch.“

Unbewusste Reaktion auf bekannte Rituale?

Die Hypothese der Wissenschaftler ist, dass beim Placebo unbewusste körperliche Reaktionen auf medizinische Rituale eine Rolle spielen, die man verinnerlicht hat. Wer schon mehrfach erlebt hat, dass es ihm besser ging, nachdem er eine Tablette geschluckt hat, bei dem reagiert der Körper auch auf ein wirkstofffreies Präparat. Und zwar offenbar sogar dann, wenn es sich um ein offen verabreichtes Placebo handelt.

Im Grunde handelt es sich somit um ein Phänomen, das erstmals der russische Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow in seinem berühmten Hundeexperiment beschrieben hat: die klassische Konditionierung. Hunde, die kurz vor dem Fressen immer wieder eine Glocke gehört hatten, begannen irgendwann schon beim Glockengeläut, Speichel abzusondern, auch wenn es dann kein Futter gab.

"Placebos können können keine Tumore schrumpfen lassen"

Die Hypothese der Wissenschaftler ist, dass beim Placebo unbewusste körperliche Reaktionen auf medizinische Rituale eine Rolle spielen, die man verinnerlicht hat. Wer schon mehrfach erlebt hat, dass es ihm besser ging, nachdem er eine Tablette geschluckt hat, bei dem reagiert der Körper auch auf ein wirkstofffreies Präparat. Und zwar offenbar sogar dann, wenn es sich um ein offen verabreichtes Placebo handelt.

Im Grunde handelt es sich somit um ein Phänomen, das erstmals der russische Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow in seinem berühmten Hundeexperiment beschrieben hat: die klassische Konditionierung. Hunde, die kurz vor dem Fressen immer wieder eine Glocke gehört hatten, begannen irgendwann schon beim Glockengeläut, Speichel abzusondern, auch wenn es dann kein Futter gab.

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Neurologische Grundlage

„Der Placeboeffekt hat zweifellos eine neurobiologische Grundlage“, sagt  Kaptchuk. Dass das Nervensystem eine Rolle spielt, bedeutet aber nicht, dass der Effekt reine Einbildung ist: So konnten Forscher nachweisen, dass der Körper unter der Gabe von Placebos körpereigene Opioide ausschüttet, die Schmerzen dämpfen.

Auch neurologische Schaltkreise können durch Placebogabe positiv beeinflusst werden. Das könnte sich beispielsweise auf das komplexe Nervengeflecht auswirken, das die Darmaktivität steuert – und damit auch die Reizdarmsymptomatik prägt. Sogar Veränderungen der Herzfrequenz und des Blutdrucks hat man nach Placebogabe festgestellt.

Kochsalzlösung statt Morphium

Wie groß die Macht von Placebos sein kann, entdeckte im Zweiten Weltkrieg Feldlazarettarzt Henry Beecher. Als ihm das stark schmerzlindernde Morphium ausging, spritzte er in seiner Verzweiflung schwer verletzten Soldaten reine Kochsalzlösung. Es half. Sein Buch "The Powerful Placebo" erschien 1955 als erste wissenschaftliche Abhandlung zum Thema.

Heute muss sich jedes Medikament, das auf den Markt kommt, in einer doppelt-verblindeten Studie gegen den Placeboeffekt behaupten – also besser wirken als die Scheinmedikation.

Placebowirkung gezielt einsetzen

Ted Kaptchuk will mit seiner Forschung auch erreichen, dass die Placebowirkung in der Medizin künftig gezielter eingesetzt wird. Statt immer nur nach besseren Wirkstoffen zu jagen, wäre es ebenso wichtig, zu entschlüsseln, wie man einen optimalen Placeboeffekt erzielt. Dieser könnte dann ein wesentlicher Bestandteil der medizinischen Versorgung sein.

Denn es geht um weit mehr, als wirkstofffreie Pillen zu verabreichen. Neben der Kraft des medizinischen Rituals spielen auch die Behandlungssituation, die Beziehung zwischen Arzt und Patient sowie Gefühle von Vertrauen und Hoffnung eine wesentliche Rolle im Heilungsprozess.

Täuschen ist unnötig

Täuschung passt da nicht ins Bild. Ein Patient, der erfährt, dass man ihm heimlich ein Scheinmedikament verabreicht hat, wird sein Vertrauen in den Arzt verlieren. Dass man beides haben kann - Placeboeffekt und Aufrichtigkeit -, zeigen Kaptchuks aktuelle und vorangegangene Studien.

„Der ethische Aspekt ist der Grund, warum ich mit der Erforschung offener Placebos begonnen habe“, sagt Kaptchuk. „Wir müssen Placebos vom Stigma der Täuschung befreien. Für die klinische Wirkung ist diese unwichtig.

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Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

 

  • Anthony Lembo et al.: Open-label placebo vs double-blind placebo for irritable bowel syndrome. Pain, 2021; Publish Ahead of Print: https://journals.lww.com/pain/Abstract/9000/Open_label_placebo_vs_double_blind_placebo_for.98118.aspx
    Ted J Kaptchuk at al.: Placebos in chronic pain: evidence, theory, ethics, and use in clinical practice, BMJ 20.07.2020

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Hoher Preis gleich Qualität? Ein Grundsatz, der sich in vielen Köpfen festgesetzt hat – so fest, dass es sogar den Placebo-Effekt erhöhen soll.

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