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Long Covid: Nach der überstandenen Corona-Infektion

Die Nachwirkungen einer Covid-Infektion ziehen sich bei Long-Covid über viele Monate hinweg. (CasarsaGuru / iStockphoto)

Nach über einem Jahr Pandemie wird immer deutlicher: Eine überwundene Infektion heißt nicht in jedem Fall, dass die Patienten auch tatsächlich wieder gesund sind. Erfahren Sie hier mehr über mögliche Folgen.

März 2020: Die Sonne scheint, der Schnee knirscht unter den Brettern. Rieke und ihr Freund Ben, beide Studenten aus Kiel, sind zum Skifahren in Tirol. Doch der Urlaub endet vorzeitig: Alle Gäste müssen abreisen, hastig abgelegte Skier türmen sich vor den Verleihen.

Es herrscht Chaos in St. Anton, 15 Kilometer Luftlinie von Ischgl entfernt - jenem Skiort, der sich kurz darauf als paneuropäische Corona-Drehscheibe entpuppt. Das Coronavirus hat sich in den österreichischen Skiorten ausgebreitet: Die Saison wird vorzeitig und abrupt beendet.

„Wir haben uns beide angesteckt“, erzählt Rieke im Gespräch mit NetDoktor. Schon im hastig gebuchten Zug in den Norden hätten sie gehustet. Rieke und ihr Freund durchlebten einen grippeartigen Verlauf von Covid-19, der noch in die Kategorie „leicht“ fällt: Was das bedeuten kann, machen sich viele nicht klar – Fieber, Husten, schlimme Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost.

Atemnot beim Spazierengehen

Doch während Ben nach gut zweieinhalb Wochen wieder sein gewohntes Leben aufnehmen kann, mit Studium und Sport, kommt Rieke nicht so recht auf die Beine. Auch heute, 15 Monate nach der Infektion, ist sie noch immer nicht gesund.

Vor der Infektion ist sie viermal pro Woche gejoggt, jetzt kann sie sich beim Spazierengehen mit einer Freundin kaum unterhalten: „Laufen oder reden – für beides gleichzeitig habe ich nicht genug Luft“, berichtet sie.

Durch ihr Studium des Kommunikationsdesigns schleppt sie sich irgendwie durch. Sie belegt weniger Kurse als geplant, muss sich jeden Tag mittags hinlegen, um überhaupt durch den Tag zu kommen. „Der Lockdown war für mich ehrlich gesagt ein Glück“, sagt sie. Ohne die Onlineseminare hätte sie das Studienjahr überhaupt nicht bewältigen können.

Ein halbes Jahr verbringt sie in weiten Teilen im Bett und auf der Couch. Ihr Asthma verschlechtert sich nach der der Coronainfektion rapide. Welche Symptome noch von der Infektion kommen und welche dem Asthma geschuldet sind, kann sie nicht auseinanderhalten.

+++ Mehr zum Thema: Corona+++

Viele suchen Hilfe

Jördis Frommhold, Reha-Medizinerin am Klinikum Heiligendamm, kennt Fälle wie Rieke: Menschen, die vergleichsweise leicht an Covid-19 erkrankt waren, aber noch Monate später mit erheblichen Beeinträchtigungen kämpfen: mit Atemnot und extremer Erschöpfung, aber auch, anders als Rieke, mit Symptomen wie massiven Konzentrationsproblemen, dem sogenannten „brain fog“, oder Haarausfall. Frommhold bezeichnet sie neben den vollständig Genesen und jenen, die schwer erkrankt waren, als „dritte Gruppe“.

„Die Hilfesuchenden rennen mir inzwischen die Bude ein“, berichtet Frommhold im Gespräch mit NetDoktor. Schon jetzt betrage die Wartezeit für einen Klinikplatz in Heiligendamm sieben Monate. Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, ist die Reha-Medizinerin seit Monaten in Fernsehformaten unterwegs.

+++ Mehr zum Thema: Riechstörungen durch COVID-19 +++

Deutlich mehr Betroffene als gedacht

Denn unter dem Radar von Öffentlichkeit und Politik hat sich längst eine Corona-Welle der anderen Art gebildet. Mindestens jeder zehnte Covid-19-Patient hat ersten Untersuchungen zufolge noch sechs Monate nach der Infektion Symptome. Als „Long Covid“ oder „Post Covid-Syndom“  bezeichnen Mediziner die Spätfolgen der Infektion. In österreichischen Medien ist davon die Rede, dass etwa jeder zehnte Covid-Patient betroffen ist, in Deutschland wären es rund 350.000 Menschen. „Doch das ist nur eine Schätzung, es könnten auch doppelt so viele sein“, sagt Frommhold. Viele Betroffene fielen durch die Maschen, weil die Hausärzte und auch Fachärzte der Problematik noch ratlos gegenüberstünden.

Ratlose Ärzte, hilflose Patienten

Auch Rieke ist das passiert. Als sie sich auch Wochen nach der Infektion nicht erholt, geht sie zum Lungenfacharzt. Doch auch für Pneumologen ist Covid-19 im Frühsommer 2020 noch unbekanntes Terrain. „Der hatte auch keinen Plan“, berichtet Rieke. Die Lunge würde schon von allein ausheilen, das brauche seine Zeit, ist alles, was er ihr zum Trost mit auf den Weg geben kann. Heute ginge es ihr zwar schon deutlich besser als vor einem Jahr, „aber jetzt geht es irgendwie nicht mehr voran.“

Auch Rieke ist das passiert. Als sie sich auch Wochen nach der Infektion nicht erholt, geht sie zum Lungenfacharzt. Doch auch für Pneumologen ist Covid-19 im Frühsommer 2020 noch unbekanntes Terrain. „Der hatte auch keinen Plan“, berichtet Rieke. Die Lunge würde schon von allein ausheilen, das brauche seine Zeit, ist alles, was er ihr zum Trost mit auf den Weg geben kann. Heute ginge es ihr zwar schon deutlich besser als vor einem Jahr, „aber jetzt geht es irgendwie nicht mehr voran.“

Wenig Angebote für Log-Covid-Patienten

Für Patienten mit Post-Covid-Syndrom gibt es unterschiedliche Möglichkeiten der Reha, um wieder zu Kräften zu kommen. Hierbei gibt es Kliniken und Ambulanzen und Kuranstalten, die sich auf jeweils unterschiedliche Bereiche spezialisiert haben. So gibt es Einrichtungen, die sich auf die Behandlung von Post-Covid, oder Long-Covid-Beschwerden in den Gebieten neurologischer-, Atemwegs- und Lunge betreffende oder auch psychische Therapien ausgerichtet haben. Da sich das Angebot jedoch gerade erst entwickelt, können sich hier häufig Änderungen ergeben. Das Problem ist nur: Es gibt noch zu wenige Angebote - insbesondere für die ambulante Therapie. Speziell Patienten, die Covid-19 zuhause auskuriert haben, fallen häufig durchs Raster. „Diese Patienten finden keine Anlaufstellen, das ist tragisch“, so Frommhold.

Wenn Sie betroffen sind: Bitte Informieren Sie sich deshalb bei den jeweils zuständigen Behörden oder auch der Krankenkasse und sprechen Sie sich mit Ihrem behandelnden Arzt ab, um die für Sie beste Variante zur Rehabilitation zu finden.

Abgehängt im Lockdown

Auch Rieke könnte durch eine solche Reha-Therapie endlich wieder zur alten Energie zurückfinden, ist Frommhold überzeugt. Stattdessen ist die junge Frau weiterhin ausgebremst. Während die Lockerungen den Menschen um sie herum eine Last von den Schultern nehmen, sieht Rieke es mit gemischten Gefühlen. „In den letzten Monaten konnte keiner groß was machen, da ist es nicht so aufgefallen, dass ich so viel zuhause war.“

Nach dem Lockdown, wenn das Leben für alle wieder richtig los geht, wird es für Menschen wie Rieke deshalb erst richtig bitter. Vor allem fürchtet sie das Ende der Onlineseminare. „Einen ganzen Tag in der Uni – das könnte ich zwar irgendwie überstehen.“ Im Anschluss aber wäre sie erstmal für Tage sehr erschöpft. Viele Freunde könnten zudem nicht verstehen, wie schlecht es ihr tatsächlich geht. „Die sagen dann, das kenne ich, ich bin auch immer müde – tatsächlich fühlt sich das aber völlig anders an.“

Der hohe Preis der Untätigkeit

Auch Rieke könnte durch eine solche Reha-Therapie endlich wieder zur alten Energie zurückfinden, ist Frommhold überzeugt. Stattdessen ist die junge Frau weiterhin ausgebremst. Während die Lockerungen den Menschen um sie herum eine Last von den Schultern nehmen, sieht Rieke es mit gemischten Gefühlen. „In den letzten Monaten konnte keiner groß was machen, da ist es nicht so aufgefallen, dass ich so viel zuhause war.“

Nach dem Lockdown, wenn das Leben für alle wieder richtig los geht, wird es für Menschen wie Rieke deshalb erst richtig bitter. Vor allem fürchtet sie das Ende der Onlineseminare. „Einen ganzen Tag in der Uni – das könnte ich zwar irgendwie überstehen.“ Im Anschluss aber wäre sie erstmal für Tage sehr erschöpft. Viele Freunde könnten zudem nicht verstehen, wie schlecht es ihr tatsächlich geht. „Die sagen dann, das kenne ich, ich bin auch immer müde – tatsächlich fühlt sich das aber völlig anders an.“

Auch in Österreich und der Schweiz gibt es immer mehr Anlaufstellen für Long-Covid-Patienten.  

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