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Depression und Lockdown: So sehr belasten die Einschränkungen

Depression, Lockdown, Interview
Der Lockdown belastet die Psyche. Besonders wenn schon eine Depression besteht. (sam thomas / iStockphoto)

Immer wieder Lockdown mit jeweils unterschiedlichen Bedingungen auf die man sich einstellen muss. Das geht an die seelische Substanz. Etwa 70 Prozent der Menschen fühlen sich dadurch belastet. Im ersten Lockdown waren es noch 20 Prozent. Besonders hart trifft es Menschen mit Depressionen.

Fehlende Alltagsstruktur und Bewegungsmangel sind für sie besonders schädlich. Viele berichten, dass Therapieplätze gestrichen werden und Selbsthilfegruppen ausfallen. Bei 44 Prozent der Betroffenen haben sich die quälenden Symptome verschlimmert.

Das ergab eine Umfrage im Rahmen des Deutschlandbarometers Depression unter rund 5100 Personen, darunter fast 2000 an Depressionen Erkrankte. NetDoktor sprach mit dem Initiator Prof. Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe über den hohen Preis des Lockdowns – und wie man seelisch besser durch die Ausnahmesituation kommt. 

Herr Prof. Hegerl, der aktuelle Lockdown scheint die Menschen stärker mitzunehmen als der erste. Woran liegt das?

Beim ersten Lockdown gab es noch die Vorstellung, in ein paar Wochen ist der Spuk wieder vorbei. Jetzt haben wir das Gefühl, es wird zum Dauerzustand. Die Menschen sind generell stärker demoralisiert. Verstärkt wir das durch noch längeres Herumsitzen zuhause, schlechten Schlaf und weniger Bewegung. Das Gefühl, die Regeln von oben aufoktroyiert zu bekommen, kein freier Mensch mehr zu sein, nicht mehr für sich selbst entscheiden zu können - das alles bewirkt, dass deutlich mehr Menschen sich bedrückt fühlen.

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Müssen wir fürchten, irgendwann in eine Depression abzurutschen?

Nein. Solche Gefühle haben mit einer Depression erst mal nichts zu tun. Das ist eine ganz normale Reaktion auf die Lebensumstände. Die meisten Menschen denken, Depressionen seien etwas, das sie selbst kennen, nach Schicksalsschlägen, Trennungen oder einer verpassten Beförderung – dass Depressionen das gleiche sind wie der niedergeschlagene Gefühlzustand in solchen Situationen, nur eben schlimmer.

Aber das ist nicht so

Eine Depression ist eine ziemlich eigenständige Erkrankung, die von äußeren belastenden Umständen weniger abhängt, als die meisten Menschen denken. Hat man die Veranlagung dazu, dann rutscht man in eine Depression hinein; hat man die Veranlagung nicht, wird man auch in schwierigen Zeiten nicht depressiv. Darum wird es jetzt durch die Pandemie auch keine Depressionsepidemie geben.

Wie viele Menschen sind denn entsprechend veranlagt?

Bei uns erkranken jährlich etwa 5,3 Millionen Menschen an einer Depression. Damit gehören Depressionen zu den häufigsten schweren Erkrankungen. Die Lebenserwartung ist bei schweren Depressionen um zehn Jahre reduziert – stärker als bei einem Diabetes oder auch Covid-19. Der Grund dafür ist, dass Depression Stress für den ganzen Körper ist und andere körperliche Erkrankung verursacht und negativ beeinflusst. Hinzu kommt meist ein depressionsbedingt ungesunder Lebensstil mit wenig Bewegung und schlechter Ernährung. Auch das deutlich erhöhte Suizidrisiko spielt eine Rolle.

Wird die Zahl der Suizide jetzt steigen, weil es so vielen deutlich schlechter geht?

Ob Suizide zunehmen, weiß ich nicht. Was ich aber befürchte ist, dass Suizidversuche zunehmen. Acht Prozent der Befragten mit Depressionen haben von entsprechenden Gedanken berichtet, 13 haben im letzten halben Jahr einen Suizidversuch unternommen.

Sind das im Vergleich zu den Zahlen, die Sie sonst kennen, viel?

Wenn man das auf die Bevölkerung hochrechnet, kommt man auf rund 140.000 Suizidversuche innerhalb eines halben Jahres - nur bei der Untergruppe der Menschen mit Depressionen - das ist eine beunruhigend und unerwartet hohe Zahl. Da die Vergleichswerte aber noch fehlen, ist aber nicht sicher, ob das eine Erhöhung gegenüber 2019 ist.

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Das sind Folgen des Lockdowns, über die man wenig nachdenkt.

Das ist tatsächlich meine große Sorge, dass der Blick auf das Infektionsgeschehen verengt wird und negative Folgen der Maßnahmen gegen Corona nicht mit ausreichender Systematik und Konsequenz erfasst werden. Die zentrale Frage ist ja, wie viel Leid und Tod können wir durch die Maßnahmen möglicherweise verhindern - und wie viel Leid und Tod verursachen wir. Unsere Daten liefern hier eine Facette aus der Sicht der depressiv Erkrankten.

Wie könnte das gehen?

Dafür müsste man Daten konsequent zusammentragen und an einigen Stellen gezielt erheben – nicht nur was die Depressionen betrifft, sondern auch für andere Erkrankungen wie z.B. Suchterkrankungen, HerzinfarktSchlaganfall oder körperliche Langzeitfolgen durch mehr Übergewicht, Schlafstörungen und Bewegungsmangel. Auch wurden wichtige Behandlungen teilweise hinausgezögert, weil man Intensivbetten freigehalten hat, die dann aber leer blieben.

Brauchen wir eine Kosten-Nutzen-Rechnung?

Nur wenn wir alle Faktoren mit Sorgfalt und Systematik gegengewichten und die Daten durch ein unabhängiges Expertengremium ausgewertet werden, können wir die Maßnahmen optimieren. Nur so können wir die Sicherheit gewinnen, dass durch den Lockdown nicht mehr Schaden angerichtet als verhindert wird.

Tatenlos zusehen können wir aber auch nicht.

Im Gegenteil! Es muss alles getan werden, um möglichst Leid und Tod durch Corona zu vermeiden, ohne zu viel Leid und Tod an anderer Stelle zu verursachen. Das kann nur gelingen, wenn man auch die Nachteile sehr genau kennt. Als Arzt bin ich auch verpflichtet, nicht nur die Wirkungen, sondern auch die Nebenwirkungen genau zu beachten.

Was können Menschen jetzt selbst tun, um sich im Lockdown psychisch zu stabilisieren?

Lenken Sie die Aufmerksamkeit nicht nur auf Corona, sondern beschäftigen Sie sich mit anderen Dingen. Entdecken Sie die Oper für sich oder lesen Sie einen dicken Wälzer. Machen Sie einen Wochenplan, um eine feste Alltagsstruktur zu haben - und planen Sie auch Sport und schöne Dinge ein. Und überlegen Sie, ob nicht auch neue Chancen in dieser schwierigen Zeit liegen.

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