Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis)

Von Prof. Dr. med. H. P. Niedermeyer
und , Medizinredakteurin und Biologin
und , Ärztin
Aktualisiert am
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Eva Rudolf-Müller

Eva Rudolf-Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie hat Humanmedizin und Zeitungswissenschaften studiert und immer wieder in beiden Bereich gearbeitet - als Ärztin in der Klinik, als Gutachterin, ebenso wie als Medizinjournalistin für verschiedene Fachzeitschriften. Aktuell arbeitet sie im Online-Journalismus, wo ein breites Spektrum der Medizin für alle angeboten wird.

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Als Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis) bezeichnen Mediziner eine allgemeine, unspezifisch gesteigerte Überempfindlichkeit gegenüber Schall. Schon auf Hundegebell, Telefonklingeln und andere Alltagsgeräusche können Betroffene nervös oder aggressiv reagieren - und manchmal sogar mit Herzrasen, Bluthochdruck und Schweissausbrüchen. Was es mit der Geräuschüberempfindlichkeit auf sich hat und was man dagegen tun kann, erfahren Sie hier!

Frau hält sich die Ohren zu

Hyperakusis: Auch leise ist zu laut

Menschen mit Hyperakusis empfinden selbst mässig laute oder sogar leise Geräusche als unangenehm (auf einem oder auf beiden Ohren). Obwohl die Lautstärke solcher Geräusche eigentlich weit unter der Schmerzgrenze liegt, wird sie von den Betroffenen als unangenehm wahrgenommen und kann zum Auslöser von Symptomen wie Unruhe und Herzrasen werden.

Besonders häufig sind Menschen mit Tinnitus von einer Hyperakusis betroffen. Im Kindesalter ist die Geräuschüberempfindlichkeit selten.

Andere Formen von Geräuschempfindlichkeit

Von der Hyperakusis zu unterscheiden sind die Misophonie (= Überempfindlichkeit gegenüber spezifischen Geräuschen, z.B. Kratzen der Kreide auf der Tafel) und die Phonophobie (= Angst vor bzw. Abneigung gegenüber bestimmten Geräuschen).

Ebenfalls abzugrenzen ist das Recruitment. Darunter versteht man die bei manchen Menschen mit Innenschwerhörigkeit auftretende Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen in jenem Frequenzbereich, der vom Hörverlust (am meisten) betroffen ist: Ab einem bestimmten Lautstärkepegel im gestörten Frequenzbereich wird der Schall übermassig laut wahrgenommen, weil der Körper zum Ausgleich des Hörverlusts benachbarte Hörzellen rekrutiert. Das Recruitment ist eine Begleiterscheinung der Innenohrschwerhörigkeit und hat nichts mit der allgemeinen Hyperakusis zu tun.

Hyperakusis: Ursache

Eine Hyperakusis entsteht vermutlich dadurch, dass bei den Betroffenen die Verarbeitung und Interpretation der Hörsignale im Gehirn gestört ist.

Normalerweise unterscheidet das menschliche Gehirn wichtige von unwichtigen Geräuschen und blendet letztere aus. So ist eine Mutter beispielsweise beim kleinsten Geräusch ihres Babys wach, Strassenlärm hingegen lässt sie friedlich weiterschlafen. Bei Menschen mit Hyperakusis scheint dieser Mechanismus nicht zu funktionieren.

Der Grund dafür bleibt oft unbekannt - bei vielen Betroffenen lassen sich weder die zugrunde liegenden ursächlichen Zusammenhänge (Ätiologie) noch eine Grunderkrankung feststellen.

Begleiterkrankungen und Einflussfaktoren

Oft tritt die erhöhte Geräuschempfindlichkeit bei Menschen mit Ohrgeräuschen (Tinnitus) auf. Das heisst aber nicht, dass der Tinnitus die Ursache der Hyperakusis ist. Ebensowenig ist die Hyperakusis der Grund für den Tinnitus. Stattdessen können beide Symptome - Ohrgeräusche und Geräuschüberempfindlichkeit - auf der gleichen Schädigung im Hörsystem beruhen und sowohl gemeinsam als auch getrennt voneinander auftreten.

Auch nach einem Hörsturz berichten manche Betroffene, dass ihnen nun Alltagsgeräusche, die von der Lautstärke her normalerweise tolerabel wären, viel zu laut sind.

Viele Patienten mit funktionellen Schmerzsyndromen (z.B. Fibromyalgie, komplexes regionales Schmerzsyndrom) leiden ebenfalls unter Hyperakusis.

Manchmal tritt die Geräuschüberempfindlichkeit bei ein- oder beidseitiger Gesichtslähmung (Fazialisparese) auf. Diese kann viele Ursachen haben, zum Beispiel Schlaganfall, Multiple Sklerose, Autoimmunerkrankungen, Infektionen (z.B. Mittelohrentzündung, "Gürtelrose im Ohr" = Zoster oticus) oder Verletzungen. In vielen Fällen bleibt die Ursache der Gesichtslähmung aber auch unbekannt (Bell-Parese).

Emotionaler Stress - akut und chronisch - kann das Auftreten einer Geräuschüberempfindlichkeit begünstigen.

Eine vorübergehende Hyperakusis kennen auch vieleMigräne-Patienten: Während der Attacken empfinden die Betroffenen selbst "normale" Geräusche als zu laut und unangenehm.

Manchmal entsteht die Hyperakusis durch Medikamente oder andere exogene Stoffe wie Acetylsalicylsäure, Koffein, Chinin oder Kohlenstoffdioxid.

Hyperakusis-Symptome

Die Geräuschüberempfindlichkeit kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Alltagsgeräusche werden nicht nur subjektiv als unangenehm empfunden, sie führen auch zu körperlichen Reaktionen wie Herzjagen, Blutdruckerhöhung, Schweissausbrüchen, Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, Angst oder Unruhe. Viele Betroffene ziehen sich sozial zurück und meiden Aktivitäten in der Öffentlichkeit, um sich möglichst keinen unangenehmen Geräuschen auszusetzen.

Wie oben erwähnt, geht die Hyperakusis oft mit anderen gesundheitlichen Störungen oder Krankheiten einher - etwa mit Tinnitus.

Hyperakusis: Untersuchungen

Zunächst erfragt der Arzt die Krankengeschichte des Betroffenen (Anamnese). Ausserdem erkundigt er sich nach dem Freizeitverhalten und dem Beruf. Dann folgt eine Hals-, Nasen- und Ohren-Untersuchung.

Im Hörtest kann sich bei Hyperakusis ein normales bis sehr gutes Gehör zeigen. Auffälligkeiten finden sich bei der Prüfung der sogenannten Unbehaglichkeitsschwelle: Das ist jene Lautstärke, ab der Geräusche als unangenehm empfunden werden. Bei geräuschempfindlichen Menschen ist diese Schwelle erniedrigt.

Je nach zusätzlichen Symptomen führt der Arzt weitere Untersuchungen zur genaueren Abklärung durch.

Hyperakusis: Therapie

Mit Ohrstöpseln ist eine Hyperakusis nicht zu lösen. Im Vordergrund steht eine ausführliche Aufklärung und Beratung des Patienten über körperliche und psychische Ursachen und Zusammenhänge der Geräuschüberempfindlichkeit und dem Umgang damit (Counseling). Im Rahmen der psychosomatischen Behandlung wird besonderes Augenmerk auf bestehende Ängste gerichtet: Viele Betroffene haben grosse Furcht davor, dass die Geräuschempfindlichkeit weiter zunimmt und ihr Hörvermögen dauerhaft geschädigt wird. Diese Ängste gilt es, den Patienten zu nehmen.

Sehr wichtig für Betroffene ist auch, Geräusche nicht zu meiden oder vor ihnen zu flüchten (Vermeidungsverhalten), weil das die Empfindlichkeit nur verstärken würde. Stattdessen sollte man lernen, Geräusche trotz der Hyperakusis auszuhalten - natürlich nur "normale" Geräusche und keinen überlauten Lärm, der das Gehör schädigen kann.

Hilfreich kann es auch sein, zuhause für eine ständige leise Geräuschkulisse zu sorgen - etwa durch einen Zimmerspringbrunnen, leise Musik, eine CD mit Naturgeräuschen (wie Vögelzwitschern) oder einen Ventilator. Die Lautstärke sollte gerade eben noch wahrnehmbar sein und nicht stören. Dadurch soll das Gehirn lernen, unwichtige Geräusche auszublenden. Dieser Prozess der Gewöhnung (Habituation) kann allerdings längere Zeit (z.B. mehrere Monate) in Anspruch nehmen.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind zum Beispiel technische Hilfsmittel wie ein Noiser (kleines Gerät, das Hörgeräten ähnelt und individuell regulierbare Geräusche erzeugt) sowie hörspezifische Übungen. Auch sie können Betroffenen helfen, ihre Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis) zu verringern.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autoren:
Prof. Dr. med.  H. P. Niedermeyer
Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Eva Rudolf-Müller
Eva Rudolf-Müller

Eva Rudolf-Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie hat Humanmedizin und Zeitungswissenschaften studiert und immer wieder in beiden Bereich gearbeitet - als Ärztin in der Klinik, als Gutachterin, ebenso wie als Medizinjournalistin für verschiedene Fachzeitschriften. Aktuell arbeitet sie im Online-Journalismus, wo ein breites Spektrum der Medizin für alle angeboten wird.

ICD-Codes:
H93
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Deutsche Tinnitus-Liga: "Geräuschüberempfinlichkeit: Wenn alles zu laut ist - Hyperakusis", unter: www.tinnitus-liga.de (Abruf: 29.01.2022)
  • Goebel, G.: "Hyperakusis - ein vernachlässigter Beschwerdekomplex bei Tinnitus und Schwerhörigkeit", in: Tinnitus-Forum 3-2013: S. 9-13
  • Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lexikon der Sprachtherapie, W. Kohlhammer GmbH, 2007
  • Herraiz, C. et al.: "Mechanisms and management of hyperacusis (decreased sound tolerance)", in: Acta Otorrinolaringol Esp. 2006; 57: 373-377
  • Nelting, M.: Hyperakusis, Georg Thieme Verlag, 2003
  • Popkirov, S.: Funktionelle neurologische Störungen, Springer-Verlag, 2020
  • Pschyrembel Online, Klinisches Wörterbuch: www.pschyrembel.de (Abruf: 29.01.2022)
  • Reiß, M.: Facharztwissen HNO-Heilkunde, Springer-Verlag, 2009
  • Strutz, J. & Mann, W. (Hrsg.): Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2010
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