Kaufsucht: Jeder Vierte ist gefährdet

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Die Zahl der Kaufsucht-Gefährdeten ist laut AK-Studie geringfügig gesunken. Besonders Junge geraten aber immer öfter in die Schuldenfalle.

Hemmungslos einkaufen, obwohl Sie es sich nicht leisten können und dann das Gekaufte nicht einmal auspacken – können Sie sich nicht vorstellen? Für Kaufsüchtige ist dies leider ein erschreckender Bestandteil des Alltags. Denn Betroffene erfreuen sich nicht an den gekauften Produkten oder am Sammeln, sondern am Akt des Kaufens selbst – und verlieren dabei jeglichen Überblick. Rechnungen per Post werden nicht mehr geöffnet, Kontoauszüge ungesehen weggeworfen – aus Angst vor den Konsequenzen des eigenen Kontrollverlusts. Was nach einer seltenen Suchterkrankung klingt, ist jedoch auch in Österreich weit verbreitet, ergab eine Studie der Arbeiterkammer (AK).

In der Umfrage wurden 1.000 Personen ab 14 Jahren zu ihrem Kaufverhalten befragt. Demnach sollen 11 Prozent kaufsüchtig sein. Ganze 24 Prozent der Befragten erfüllten dabei eine bestimmte Anzahl an Suchtkriterien, die sie damit zumindest zur gefährdeten Risikogruppe macht. Frauen sind dabei markant häufiger von der Kaufsucht bedroht: Während nur jeder fünfte Mann ein problematisches Kaufverhalten an den Tag legt, ist es bei Frauen sogar jede Dritte. Laut Univ. Prof. Dr. Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts für Suchterkrankungen, habe das allerdings nichts mit geschlechtsspezifischen Charakterzügen oder Vorlieben zu tun: "Für Frauen ist das Einkaufen einfach gesellschaftlich akzeptierter."

Immer mehr junge Menschen betroffen

Besonders besorgniserregend sei, dass immer mehr junge Menschen in die Konsumfalle tappen: Immerhin 21 Prozent der Befragten im Alter von 14 bis 24 Jahren zeigten zumindest eine Tendenz zur Kaufsucht. Diese Zahl, so Studienautorin Nina Tröger, habe sich in den letzten Jahren verdoppelt. Deutlich sei auch der Zusammenhang mit dem Bildungsgrad der Teilnehmer: Während jeder Dritte mit Pflichtschulabschluss zur Risikogruppe zählt, ist es unter den Akademikern nur jeder Zehnte.

2011 waren laut Befragungen 28 Prozent der Bevölkerung betroffen – heute sind es immerhin vier Prozent weniger. Musalek zufolge bedeute dies aber nicht, dass die Kaufsucht tendenziell weniger werden wird: "Schwankungen sind hier oft festzustellen." Ob der Trend tatsächlich bergab gehe, werde man bei der nächsten Untersuchung in fünf Jahren sehen – er persönlich glaube jedoch nicht daran.

Online-Shopping als Risikofaktor

Grund für Musaleks pessimistische Prognose sei mitunter das rasant steigende Angebot. "Wie bei jedem Suchtmittel ist die Verfügbarkeit immer der wichtigste Faktor, der alles andere sticht. Je einfacher ein Suchtmittel verfügbar ist und je gesellschaftlicher akzeptiert, desto mehr Süchtige gibt es." Mit Online-Shops und mobilen, internetfähigen Geräten sei das Einkaufen immer einfacher und jederzeit möglich – und das ganz ohne Hemmschwelle. "Betroffene schämen sich häufig an der Kassa für die unzähligen Dinge, die sie gar nicht brauchen und trotzdem erwerben. Mit dem Online-Handel fällt das gänzlich weg."

Scham sei bei Kaufsucht generell ein besonders großes Thema. Da Betroffene etwas nicht mehr steuern können, was in ihren Augen jeder andere als alltäglich und banal erlebe, ist die Angst vor Gesichtsverlust besonders groß. Angehörige werden daher oftmals lange Zeit belogen, der bewusste Schritt Richtung Behandlung erfolgt daher auch meist spät – oft sogar erst, wenn ein hoher Schuldenberg angehäuft ist, und das Konto-Minus nicht mehr zu bewältigen ist. "Viele kommen aus eigenen Stücken zu uns, viele andere werden von der Schuldnerberatung zu uns geschickt."

Vorbeugen durch bewussten Umgang

Ein gutes Mittel, um beim Kaufen nicht die Kontrolle zu verlieren, ist es, weitgehend in Bar zur bezahlen und regelmäßig seine Kontoauszüge zu checken. Unter jenen Befragten, die beides regelmäßig taten, zählten nur wenige zur Risikogruppe. Gabriele Zgubic, Leiterin der Abteilung Konsumentenpolitik der AK, sieht aber auch die Bildungseinrichtungen in der Verantwortung: So sollte etwa ein verantwortungsvoller Umgang mit Geld und Konsumgütern schon in der Schule gelernt werden.

Eine sichere Art, vorzubeugen, gebe es laut Musalek nicht, da jede Sucht aus einem komplexen Netz an Faktoren entsteht. Depression, Angststörungen, Partnerschaftsprobleme, entwicklungspsychologische Faktoren oder ähnliches treten immer in Zusammenhang mit der Suchterkrankung auf. Das einzig gute Mittel: ein freudvolles, erfülltes Leben. Nach diesem Prinzip richte sich auch die Suchttherapie im Anton Proksch Institut und hilft Betroffenen unter anderem dabei, sich auf neue, freudvolle Dinge im Leben zu fokussieren. Wer dabei bleibt und auch nach seinem stationären Aufenthalt weiterhin in Therapie bleibt, habe damit sehr gute Chancen, Rückfälle dauerhaft zu vermeiden und den Alltag ohne Shopping-Eskapaden gut bewältigen zu können.

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Julia Wild

Stand der Information: Juli 2017

Quellen

Pressegespräch der AK, 13.07.2017, Wien

Nina Tröger: Kaufsucht in Österreich. Materialien zur Konsumforschung (Nr. 4 / 2017).
 

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